Sport WM-Tagebuch 1: Tatianas Vorfreude

Dobryj den’, liebe Leserinnen und Leser! Guten Tag! Heute geht’s los, Gastgeber Russland und Saudi-Arabien eröffnen um 17 Uhr MESZ die WM. Am Spielort Moskau ist es dann 18 Uhr. Erkennbar vieles in der russischen Hauptstadt ist bei derzeit 19 Grad und Sonne-Wolken-Mix auf diesen Donnerstag und die kommenden gut vier Wochen ausgerichtet. Gleich neben der Gepäckausgabe am Flughafen Scheremetjewo sind mehrere Infostände mit dem farbenfrohen Design des Fifa-WM-Logos. Freundliche freiwillige Helfer, die Volunteers, stehen den WM-Besuchern für Fragen aller Art bereit. Wo ist der nächste Geldautomat? Wie komme ich vom Flughafen am schnellsten in die Stadt? U-Bahn-Züge sind mit dem WM-Logo dekoriert, es gibt in der Metro englischsprachige Ansagen extra für die Fußballfans. Und diese Ansagen sind hilfreich beim Zurechtfinden im riesigen Nahverkehrsnetz der größten Stadt Europas: Offiziell angemeldet leben mehr als zwölf Millionen Menschen innerhalb der Stadtgrenzen, inoffiziell sind es weit mehr. Der Großraum Moskau hat mehr als 15 Millionen Einwohner. Wenn man das kyrillische Alphabet nicht aus dem Effeff beherrscht, muss man sich beim Lesen der oft, aber längst nicht überall zusätzlich in lateinischer Schrift abgefassten U-Bahn-Pläne extrem konzentrieren. Sonst ist man schnell mal in den falschen Zug eingestiegen. Aber Glück gehabt! Es hat zumindest am ersten Tag ohne Irrfahrten geklappt, die mir von einigen Moskau-Reisenden zuvor prophezeit worden waren. Mit dem Express-Zug 35 Minuten zum Belorusski-Bahnhof, dann mit der Metro-Ringbahn zum Park Kul’tury, mit der Einserlinie an die Station Jugo-Zapadnaja. Ein kurzer Fußmarsch zum noch sowjetisch angehauchten Riesen-Hochhaus-Hotel Salut – angekommen im Südwesten Moskaus. Meine Sitznachbarin beim zweieinhalbstündigen Aeroflot-Flug von Frankfurt nach Scheremetjewo hatte mir angekündigt, dass das Salut noch „aus der alten Vor-Perestroika-Zeit“ stammt. Tatiana Daryabina kennt sich mit Sprachen aus. Sie hat in Orenburg im Südural Deutsch und Englisch auf Lehramt studiert, arbeitet nun aber als Kauffrau („Managerin wäre nicht korrekt“, sagt sie) für einen russischen Eisenbahn-Zulieferer. Die Transliteration vom Russischen in westliche Sprachen werde nicht immer konsequent eingehalten, sagt die 45-Jährige, die beruflich und privat häufiger in Mittel- und Westeuropa ist. „Tatiana, Tatjana, Tatyana – mein Name wird immer unterschiedlich aus der kyrillischen Schrift übertragen“, sagt sie. Fußball ist nicht gerade ihr Steckenpferd. Sie interessiert sich mehr für politische Literatur. Aber die Moskauerin freut sich sehr auf die WM. Vor allem, weil sie glaubt, dass den Turnierbesuchern Vorurteile genommen werden, die „im Westen weit verbreitet“ seien. „Wenn ich mir in Westeuropa manche Ansichten über uns betrachte, könnte man meinen, wir leben alle in der Wildnis bei den Bären.“ Das nicht, aber viel Armut gibt es dennoch. Ebenso wie das andere Extrem: Gerade im Umfeld der WM ist zu erleben, wie viel Hochtechnologie vor allem im Großraum Moskau am Start ist. Sie wird auch heute für die Übertragungen des Eröffnungsspiels in alle Welt gebraucht.