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Wilfried Dietrichs ganz großer Wurf
Die Aufnahme des ehemaligen Fotografen der Deutschen Presse-Agentur (dpa), Hartmut Reeh, hat Kultstatus. Sie zeigt den Augenblick als der Schifferstadter (1,83 m, 115 kg) den US-Amerikaner Chris Taylor (1,96 m, 191 kg) am 7. September 1972 im Griechisch-römisch-Duell während der Olympischen Spiele in München kopfüber auf die Matte donnerte.
Wenige Tage zuvor, am 31. August 1972, hatte der Koloss aus Dowagiac/Michigan den Pfälzer im freien Stil der erstmals olympisch angesetzten Gewichtsklasse +100 kg, das ist Superschwergewicht, förmlich überwalzt. Dietrich war Fünfter geworden, Taylor hatte hinter Alexander Medwed (UdSSR) und dem zweitplatzierten Osman Duraliev (Bulgarien) die Bronzemedaille gewonnen.
Der Spezialgriff
Der Sieger des so spektakulär beendeten Griechisch-römisch-Duells mit dem von seinen Landsleuten „Big Baby“ gehänselten Taylor war noch Minuten nach seinem Triumph schier außer sich. „Mann, Mann, hosch gseh, wie ich des gemacht hab“, sagte Dietrich im heimatlichen Dialekt dem Schreiber. Und erklärte sogleich, wie er „des gemacht hot“, das Umfassen der gewaltigen Leibesmitte des Amerikaners. „So, do guck hi, so hab ich des gemacht, mit moim Spezialgriff, ich bin grad noch um den Klotz vun Ami rum kumme“.
Der überglückliche Gewinner krallte die Spitzen der jeweiligen drei mittleren Finger seiner Hände ineinander, hob und senkte seine somit im Halbkreis geschlossenen Arme ein paarmal nacheinander und führte damit vor, wie er Chris Taylor über sich gezogen und auf die Schultern geworfen hatte.
Unerfüllte Medaillenhoffnung
Doch die Hoffnung, den Abschluss seiner großen Laufbahn noch einmal mit einer Olympiamedaille krönen zu können, wurde dem ihm bald genommen. Im Kampf gegen den Rumänen Victor Dolipschi führte eine vom Publikum mit Protestgeschrei und Pfiffen quittierte Entscheidung des rumänischen (!) Kampfrichter-Obmanns zur dritten Verwarnung des Deutschen, der dadurch wegen Passivität von der Matte geschickt wurde.
Zum Gefecht um die Bronzemedaille trat Wilfried Dietrich („Mann, des war doch nix wie Bschiss“) nicht mehr an. Olympia-Gold holte Weltmeister Anatolij Rostschin aus der UdSSR vor Alexander Tomov (Bulgarien) und eben Dolipschi. Der Schifferstadter kam mit dem Ungar Joszef Csatari auf den vierten Platz.
Das Wiedersehen
Fast auf den Monat genau sechs Jahre nach ihren Münchner Olympiaduellen, im Oktober 1976, begegneten sich Wilfried Dietrich und der am 13. Juni 1950 geborene Christopher J. Taylor erneut. Der deutsche Ringerkönig in Zivil, der Amerikaner im Sportdress, radebrechten sie miteinander in der Ludwigshafener Friedrich-Ebert-Halle. Anlass: Angekündigt als „der Welt schwerster und teuerster Catcher“, gastierte Taylor mit einer Truppe von Show-Athleten in der Chemiestadt. Dietrichs Kommentar beim Anblick des aus „Verkaufsgründen“ auf geradezu 438 deutsche Pfund auseinander gegangenen ehemaligen Kontrahenten: „Jesses, Chris, du bischt a net grad schmäler worre“. Taylor starb mit gerade 29 Jahren in Story City/Iowa nach einem Herzinfarkt.
Im Herzen stets Pfälzer
Wilfried Dietrich wanderte Ende der 1980er Jahre mit seiner zweiten Frau nach Südafrika aus. Doch in der Fremde fühlte er sich nicht wohl, im Herzen stets ein Pfälzer, kehrte er immer wieder zu Kurzbesuchen zurück. Als die Rede von einer endgültigen Heimkehr war, ereilte ihn am 3. Juni 1992 in Durbanville der Herztod.
Den Tag der Beisetzung des 1969 zum Schifferstadter Ehrenbürger ernannten Wilfried Dietrich auf dem Waldfriedhof seines ihm immer Heimat gebliebenen Schifferstadt wird einer seiner ehemaligen viel jüngeren Vereinskollegen nie vergessen. Ist doch der 20. Juli der Geburtstag des Silbermedaillen-Gewinners von Los Angeles 1984 und Europameisters 1989, Markus Scherer.
Der Jubiläumskalender
DIE RHEINPFALZ feiert in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag. In diesem Kalender erinnern wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.