Fußball-WM
Wie Jamal Musiala es schafft, locker zu bleiben
Die erste Begegnung war keine angenehme für Jamal Musiala. Die mit Bundestrainer Hansi Flick. Vermutlich war es gar nicht die erste, aber sie ist es in der Erinnerung des deutschen Nationalspielers. Auf jeden Fall handelte es sich um sein erstes Training bei den Profis des FC Bayern, dessen Trainer Flick damals war und der dem Neuling aus dem Nachwuchs eine kleine Lehrstunde erteilte: Er tunnelte den 17-Jährigen. Das vergisst Musiala nie. „Es tat weh“, erzählte er später einmal in einem Video der vereinseigenen Homepage.
Erstaunlich robust geworden
Es kann gut sein, dass Flick mittlerweile lieber nicht mehr mitmacht, zumindest nicht in der Gruppe mit Musiala. Der Hochbegabte hat nicht nur die Ehrfurcht abgelegt, er hat an den Defiziten gearbeitet, sich taktisch und physisch weiterentwickelt. Musiala ist nicht mehr nur ein wunderbarer Dribbler und Eins-gegen-eins-Spieler mit einem enormen Reaktionsvermögen, sondern wirkt für seine noch immer eher schmächtige Statur erstaunlich robust, und scheut sich auch nicht davor, den Ball im Tackling zu erobern. Bei der WM in Katar, die für Deutschland heute mit der ersten Vorrundenpartie gegen Japan beginnt, gehört er zu den Schlüsselspielern in Flicks Mannschaft. Vor allem gegen tiefgestaffelte Gegner „brauchen wir Spieler wie ihn, Spieler, die nicht kombinieren müssen, sondern sich allein durchsetzen können“, sagte der Bundestrainer vor dem Turnier in der „Zeit“.
Nicht selten denkt ein Spieler, der schon in ganz jungen Jahren von allen Seiten bescheinigt bekommt, der Beste zu sein, nichts mehr tun zu müssen, um der Beste zu bleiben. Bei Musiala ist das anders. Als er einen Profivertrag bei den Bayern unterschrieben hat, engagierte er einen Privatcoach, mit dem er unter anderem an der Gleichgewichtssteuerung arbeitete. Er beschäftigte sich mit Ernährung und Verletzungsprävention und studiert noch immer andere Spieler.
„Play with freedom“
Musiala sagt stets, er wolle sich weiterentwickeln – und mittlerweile fragt man sich, wohin das führen mag. Sein Spiel sei „Messi-like“, schwärmt Lothar Matthäus. „Er hat wirklich Fähigkeiten, die nicht viele haben.“ Sein Vereinstrainer Julian Nagelsmann vermutete einmal, Musiala habe „Magnete in den Beinen eingebaut“, weil er auf den Ball eine Anziehungskraft auszuüben scheint. Zuletzt bescheinigte er dem 19-Jährigen „Schlangenbeine“. Er habe „die außergewöhnliche Gabe, in den ganz engen Räumen mit schnellen Füßen am Ball zu bleiben“, sagt der Bayern-Coach.
Der gebürtige Stuttgarter selbst führt diese Beweglichkeit, die Reaktionsschnelligkeit auch auf die Ausbildung in England zurück. „Play with freedom“ sei das Credo gewesen, sagte er in der Pressekonferenz am Montag auf Englisch – vermutlich weil ihm keine passende Übersetzung einfiel. Vielleicht trifft es „zu spielen, wie es einem gefällt“ am ehesten. Jedenfalls habe er das „für meine Karriere mitgenommen und das wird bestimmt immer bei mir bleiben“.
Nun wurde er zum Hoffnungsträger der deutschen Nationalspieler hochstilisiert. Ein 19-Jähriger, mit außergewöhnlichen Fähigkeiten zwar, aber ist diese Last nicht doch zu schwer für die noch immer schmächtigen Schultern? „Jamal hat eine beneidenswerte Unbekümmertheit“, sagt Flick: „Wir müssen dafür sorgen, dass er die nicht verliert.“
Bisher hat es Musiala ganz gut geschafft, sich die Leichtigkeit zu bewahren. „Soll ich ehrlich sein?“, fragte er scherzhaft: „Ich bin der beste Spieler.“ Beim Basketball nach dem Fußballtraining im Trainingsquartier im Norden von Katar, meinte er. Musiala weiß, was er kann, aber eben auch, was er noch nicht so gut kann. Man müsse sich keine Sorgen um ihn machen, sagte Niklas Süle zwei Tage vor der Partie gegen Japan – und bestätigte dies mit einem wunderbaren Versprecher. Er sei überzeugt, dass der junge Teamkollege, den er schon aus einer Zeit beim FC Bayern kennt, „mit beiden Boden auf den Füßen“ stehe.
Es gibt einen Audi A3
Dass ein Spieler seiner Qualität tatsächlich nicht nur auf den Füßen, sondern vor allem auch auf dem Boden bleibt, hat zum einen viel mit der eigenen Persönlichkeit, aber vor allem auch mit dem Umfeld zu tun. Musiala scheint es mit beidem gut getroffen zu haben. Seine Eltern haben ihn gefördert, aber nicht überehrgeizig an der Karriere des Sohnes gefeilt. Es sei ihnen wichtig gewesen, erzählte Mutter Carolin einmal dem „Kicker“, dass Jamal „eine Kindheit hat, er mit der Wasserpistole im Garten spielt – wie andere auch“.
Als er zum FC Bayern wechselte, kam die Familie mit. Sie ist noch immer Schutzschild und Ratgeber. Das galt auch, als er mit 18 den Führerschein machte und sich ein Auto aussuchen durfte. Es wurde ein bescheidener Audi A3. Auf der Überholspur ist Musiala lieber auf dem Platz.