Die Wochenend-Kolumne
Was sich bei der EM auf den Zuschauerrängen abspielt, ist Wahnsinn
Die Deutschen sind raus, der Ball rollt weiter. Die Fans grölen grenzenlos. Nur die durchs Dorf getriebene Regenbogensau macht ein Nickerchen. Aber das war zu erwarten. Ein Thema von solch gesellschaftlicher Relevanz lässt sich nicht an irgendeine Arena projizieren, im Glauben, jetzt sei es in den Köpfen von Fußballfans drinnen, und gut ist’s. Meistens bleibt etwas nur nachhaltig hängen, wenn es vom Herzen in den Kopf geht. Oder umgekehrt. Der Regenbogen als Zeichen von Toleranz und Akzeptanz, der Sehnsucht und der Vielfalt von Lebensformen, ist, so scheint es mir, in der großen Fußballszenerie aber über Nacht schon wieder verschwunden.
Vom Regenbogen zum Schwarz-Weiß-Denken: Was da als Signale aus den EM-Stadien kommt, dieser maskenlose Irrsinn, ist völlig unakzeptabel und führt jede harte Lebenseinschränkung aller Menschen in den vergangenen Wochen und Monaten ad absurdum. Nur: Ob man sich wie Karl Lauterbach hinstellen und den Tod vieler Menschen der Uefa in die Schuhe schieben kann, diesen zu kurz gedachten Nonsens halte ich für irreführend. Ich war und bin der Meinung, und da sind wir wieder beim Kopf und beim Herzen, dass eine gewisse Eigenverantwortlichkeit, die gerne auch den Respekt gegenüber dem anderen beinhaltet, zwingend notwendig für die richtige Entscheidung ist. Die Fernsehbilder zeigen aber: Die Fans in und garantiert auch vor den Stadien halten sich nicht an Hygienekonzepte. Fußball macht offenbar kirre, das ist fatal.
Auch bei dieser EM geht es um den Ball. Der wird von 22 Spielern getreten, gejagt, geflankt, verwandelt. Und es geht um den Titel. Ball und Titel stehen im Mittelpunkt. Mehr nicht. Ich habe hoch spannende Spiele mit extrem vielen Toren und Eigentoren gesehen und ein paar Mannschaften, die als Underdogs ganz schön auftrumpften. Sehr schön.
Die Japaner werden den Irrsinn auf den Rängen nicht zulassen
In acht Tagen ist das EM-Finale, in 20 Tagen gehen die Olympischen Spiele los. Ich war jetzt ein paarmal mit Olympiastartern unterwegs. Bei Wettkämpfen, im Training, bei der Einkleidung, etwa am Montag in München und am Freitag in Heidelberg, wo zum Beispiel Denis Kudla und Oleg Zernikel „vermessen“ wurden. Ich sah ausnahmslos funkelnde Augen. Ohne irgendeinen Zweifel freuen die Sportlerinnen und Sportler sich auf Olympia. Endlich. Da geht es um Herz und Kopf. Von wegen: Olympia, nein danke! Auch die Spiele in Tokio stehen in der Kritik. Anders als in Europa werden die Japaner diesen Irrsinn auf den Rängen nicht zulassen, da bin ich mir ganz sicher.
Pascal Ackermann hätte mehr Achtung verdient
Achtung verdient. Es ist noch zu früh zu spekulieren, ob denn der dreimalige Weltmeister Peter Sagan, durch einen der extrem vielen Stürze bei der Tour de France empfindlich gehandicapt, noch eine Etappe gewinnen wird. Ich denke, ja. Es ist müßig zu überlegen, ob Pascal Ackermann, der in der Nominierung gegen Sagan das Nachsehen hatte, etwas gerissen hätte. Ich gebe gerne zu, dass ich zu ihm eine gewisse Nähe habe. Zwei Pfälzer halt. Das Gespräch, in dem seine Gefühlslage über seine Nichtberücksichtigung durchbrach, werde ich nachhaltig in Erinnerung behalten. Es war bedrückend.Er als bester deutscher Sprinter, einer mit Kopf und Herz, wurde vom einzigen deutschen Team nicht berücksichtigt, weil er, so sagte Teamchef Ralph Denk, seine Leistung im Vorfeld nicht brachte. Anders ausgedrückt: Er hatte keinen Sieg eingefahren. Leute, wenn nur noch Siege zählen, dann macht doch den Leistungssport zu. Und: Wenn andererseits Vertrauen und Versprechen im Sport nichts mehr zählen, dann gute Nacht. Sport ist Sport. Mit Siegen, Niederlagen – und Überraschungen. Wie die von Sam Bennett und Caleb Ewan. Die beiden Sprinter sind Seriensieger. Weil sie aber verletzt sind, können sie bei dieser Tour nichts reißen. Dafür feiert Mark Cavendish seinen x-ten Frühling. Chapeau!