Radsport
Warum eine Schlammschlacht in München kein Schreckensszenario wäre
„Regenwetter liegt mir ganz gut, und auch die anderen Deutschen mögen es“, sagt Brandl tapfer, „der Kurs ist momentan noch nicht abgefahren, er geht über eine Wiese. Es wird ganz sicher ein Roulettespiel“. Und Nadine Rieder ergänzt: „Es wird trotzdem schnell werden, weil der Kurs ein schneller ist, zumindest ist das mein erster Eindruck. Er ist auch technisch nicht sehr anspruchsvoll, aber der Regen könnte den Rennverlauf bestimmen.“ Sie habe die Strecke bisher nur zu Fuß besichtigt, am Nachmittag wollten sie erstmals mit den Rädern drauf.
Die 33-jährige Oberstdorferin rechnet am Samstag mit den Französinnen und Schweizerinnen, Max Brandl (25) hat vor allem den Briten Tom Pidcock auf der Rechnung, den MTB-Olympiasieger, der gerade noch die Tour de France gefahren ist. „Der Typ ist immer Mitfavorit, aber es sind mindestens fünf, sechs, die um den Titel und die Medaillen fahren können“, sagt er und zählt sich dazu.
Kein leichtes Jahr für „Bike-Max“
Brandl hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Am 10. April brach er sich das Radiusköpfchen am rechten Arm, wovon er sich erst spät erholte. Ende Juni wurde er deutscher Meister und brach sich kurz darauf beim Weltcup in Lenzerheide das Schlüsselbein. Und dann brachte er vom Weltcup in Snowshoe/USA auch noch das Coronavirus mit. „Aber ich habe gut trainieren können, ich denke, es ist alles möglich“, sagte „Bike-Max“ aus Lohr am Main, der Biologie in Freiburg studiert und in Kirchzeiten allerbeste Trainingsmöglichkeiten hat. Nadine Rieder hatte wegen des übervollen MTB-Kalenders den Weltcup in den USA ausgelassen, zumal ja noch Ende August in Les Gets die Weltmeisterschaften stattfinden.
Bundestrainer Peter Schaupp, der sechs Männer und drei Frauen ins Rennen schickt, sagt: „Wir sind gut aufgestellt. Bei Regenwetter braucht man sicherlich noch ein bisschen mehr Glück als sonst. Es wird ein taktischen Rennen werden. Wir streben die TopTen an, und das ist sicher drin“. Schaupp erzählt, dass das letzte Weltcuprennen in West Virgina schon eine Schlammschlacht gewesen sei, „da haben sie die Bremsbeläge komplett bis aufs Metall runtergefahren“.
Eine große Chance für die Mountainbiker
Die Einbettung in das große EM-Format sieht Nadine Rieder als Glücksfall. „Für uns Mountainbiker ist das eine sehr große Chance. Wir sind sonst nicht so sehr in den Medien präsent und nun groß im Fernsehen, und da der Eintritt frei ist, rechne ich auch mit vielen Zuschauern vor Ort“. Trotz des Wetters. Vielleicht mögen Fans ja gerade eine Schlammschlacht, wenn es denn überhaupt so kommt, wie es vorhergesagt ist.
Max Brandl spürt eine extreme Vorfreude auf das Rennen. Zum einen hatte er vor der Anreise die Goldmedaillen von Niklas Kaul und Gina Lückenkemper im Fernsehen gesehen, was ihn angefixt hat, zum anderen spürte er allein schon beim Betreten des Olympiaparks „brutal die Energie, die von den Zuschauern ausgeht, obwohl gerade keine Wettkämpfe waren“. „Für viele Sportlerinnen und Sportler ist das eine Entschädigung, was Olympia in Tokio angeht, wo es ja recht wenig Emotionen gab. Jetzt wird das ganz anders sein. Ich hoffe auch, dass sich zum einen dieses EM-Format durchsetzt und dass vielleicht mal ein Weltcup hier stattfinden wird“. Unvergessen ist in diesem Zusammenhang das Jahr 1987, als an diesem Olympiaberg Klaus-Peter Thaler bei den Profis und Mike Kluge bei den Amateuren Cyclocross-Weltmeister wurden, und all die vielen Crossrennen, die die Münchner im Park schon gesehen haben.