Skispringen
Warum die Vierschanzentournee Athleten und die Massen begeistert
Zum zweiten Mal dürfen wegen der Corona-Pandemie keine Zuschauer in die Stadien der Vierschanzentournee. Das obligatorische „Ziiiieeeehhhh“ aus tausenden Kehlen nach dem Absprung – es wird nicht erschallen. Die besondere Atmosphäre fehlt.
Ganz ohne Unterstützung müssen die deutschen Skispringer aber nicht auskommen. Zu Hause fiebern die Fans vor den Bildschirmen mit. Selbst in schlechten Jahren haben 4,4 Millionen Fans Skispringen eingeschaltet. Im vergangenen Jahr fieberten beim Neujahrsspringen 7,7 Millionen Zuschauer mit den deutschen Adlern.
Nur 1100 Springer in Deutschland
Etwa 1100 Skispringer – vom Schüler bis zum Senior – nehmen mehr oder weniger regelmäßig an Wettkämpfen teil. Damit bewegt sich die Zahl der Deutschen, die jemals über eine Schanze gesprungen sind, im Promillebereich. Warum übt diese Disziplin dann bei den Massen diese ungeheure Faszination aus?
Auch der ehemalige Bundestrainer Werner Schuster hat keine schlüssige Erklärung. „Vielleicht liegt es daran, dass es einen tiefen Wunsch des Menschen gibt, fliegen zu können“, sagt der Österreicher: „Gerade dieses Unvorstellbare ringt den Menschen enormen Respekt ab.“
Die Unfallgefahr spielt mit
Karl Geiger hat eine andere Erklärung parat. „Skispringen ist eine extreme und gefährliche Sportart“, weiß der Athlet, der neben dem Japaner Ryoyu Kobayashi zu den großen Favoriten zählt. Dessen werde man sich immer wieder bewusst, wenn es mal zu Stürzen komme. „Es ist nicht ohne“, sagt Geiger, „es kann sehr viel passieren.“ Wie beim Motorsport ist hier die Möglichkeit Teil der Faszination, dass ein Unfall passieren kann.
Dabei sind die Abläufe geradezu normiert. Zwischen dem Abdrücken vom Balken und dem Abschwingen im Auslauf vergehen etwa acht Sekunden. Auf den maximal 105 Metern bis zum Schanzentisch werden die Springer auf etwas mehr als 90 Kilometer pro Stunde beschleunigt, es folgt der aktive Absprung vom Schanzentisch, und dann geht’s ab in die Luft – bis die Gesetze der Physik die Springer wieder auf den Boden holen. Mal früher, mal später.
Eine Art von Sucht
„Allein die Kräfte in der Luft zu spüren, ist beeindruckend“, beschreibt Olympiasieger Andreas Wellinger einen Sprung: „Das bringt eine Welle an Gefühlen, die durch den Körper schießen.“ Für eines davon sorgt Adrenalin. Noch deutlicher wird ein Wissenschaftler: „Bei manchen Skispringern, die eine Art Sucht entwickeln, liegt systematisch ein Grundbedürfnis vor“, wird der Sportpsychologe Oskar Handow in Volker Kreisls „Das Buch vom Skispringen“ zitiert. Allerdings habe ein Risikosportler eine gesündere Variante gefunden, mit der Sucht umzugehen.
Ein klein wenig von diesem Gefühl können Interessierte bekommen, wenn sie eine der Schanzen außerhalb eines Wettkampfes besuchen. Sowohl in Oberstdorf als auch am Holmenkollen in Oslo kann man auf den Anlaufturm. Auf der Bergiselschanze in Innsbruck ist oben sogar ein Restaurant. Nicht nur einmal hat der Coach Schuster den Satz gehört: „Das ist ja verrückt, da runter zu springen.“
Fliegen auch als Hobby
Die Sucht nach Fliegen spiegelt sich bei vielen Springern im Privaten wider. Nicht nur Andreas Wellinger macht zurzeit den Flugschein. Auch der Schweizer Simon Ammann besitzt die Lizenz. Thomas Morgenstern, Olympiasieger 2006, hat aus dieser Leidenschaft ein Geschäft gemacht, darf sogar einen Hubschrauber pilotieren. „Es ist die Kombination aus Luft, Leichtigkeit und Gefühl von Freiheit“, beschreibt Wellinger. „Das, was wir beim Skispringen viel zu kurz haben, kann man in einem Flugzeug noch viel mehr genießen.“