Meinung
Warum die Bundesjugendspiele abgeschafft werden sollten
Als ihrem Sohn die Tränen über die Wangen laufen, ist Christine Finke fassungslos. Der Neunjährige ist gerade von der Schule nach Hause gekommen. Von den Bundesjugendspielen. Für ihn lief es nicht gut. Seiner Mutter hat er seine Teilnehmerurkunde in die Hand gedrückt, für den Grundschüler ist es die offizielle Bestätigung, dass er im Sport eine Niete ist. Die Stimmung in der Küche der Konstanzer Familie ist an diesem Nachmittag im Keller.
Die dreifache Mutter möchte das aber nicht einfach hinnehmen. Finke setzt sich mit Wut im Bauch an ihren Computer und startet im Internet einen Aufruf zur Abschaffung der Spiele. Sie schreibt: „Die Bundesjugendspiele sind nicht mehr zeitgemäß: Der Zwang zur Teilnahme und der starke Wettkampfcharakter sorgen bei vielen Schülern für das Gefühl, vor anderen gedemütigt zu werden.“ Für zahlreiche weniger sportliche Schüler bedeuteten die Spiele eine alljährlich wiederkehrende öffentliche Herabsetzung, tippt Finke in ihre Tastatur. „Sport sollte Spaß machen und nicht nur für ein gutes Körpergefühl, sondern auch für Selbstbewusstsein sorgen, unabhängig vom Talent und Können des Einzelnen.“ Die Worte der Mutter treffen offenbar einen Nerv: Tausende unterschreiben die Petition innerhalb weniger Tage. Aber Finke gerät auch massiv in die Kritik, es bildet sich eine Gegenkampagne zum Erhalt der Bundesjugendspiele.
Das war 2015. Sieben Jahre her also. Aber nach wie vor wird darüber diskutiert, ob die Bundesjugendspiele ein Fest der Bewegung sind oder staatlich gefördertes Mobbing in kurzen Hosen. Derzeit werden die Wettkämpfe wieder überall im Land veranstaltet. Für die Schüler der Klassenstufen eins bis zehn sind sie Pflicht. Nur eine Entschuldigung der Eltern oder ein Attest des Arztes kann vor der Weitsprunggrube retten.
Muss das eigentlich sein? Gewiss: Pflichten gehören zum Schülerleben wie die schlecht riechende Toilette in der Schulsporthalle. Befürworter verteidigen auch ausdauernd die Bundesjugendspiele in ihrer jetzigen Form. Es gehe doch darum, Kinder und Jugendliche in Bewegung zu bringen, argumentieren sie. Sport fördere die persönliche Entwicklung, außerdem gebe es immer mehr übergewichtige Kinder. Hinzu komme, dass die Disziplinen der Bundesjugendspiele – unter anderem Lauf, Wurf und Sprung – grundlegende Bewegungsabläufe vermittelten, die zum klassischen Bildungskanon zählten.
Sportlehrerverband: Spiele fördern Gemeinschaft
Die Argumentation hat allerdings logische Lücken: Wer Kinder und Jugendliche zum Sportwettkampf zwingt, der müsste auch Wettbewerbe wie Jugend forscht, Jugend musiziert oder Jugend debattiert zu Pflichtveranstaltungen erklären, weil dabei genauso grundlegende Inhalte aus anderen klassischen Bildungsbereichen erlebt werden können, die über den Unterricht im Klassensaal hinausgehen.
Der Deutsche Sportlehrerverband verteidigt die Bundesjugendspiele. Wie es in einer Stellungnahme heißt, sei es ein legitimes Ziel, sich im Wettkampf messen zu wollen. Herausforderungen aus den Bereichen Turnen, Leichtathletik und Schwimmen würden für die Wettkämpfe zusammengestellt, deshalb seien die Veranstaltungen auf Vielseitigkeit ausgelegt. „Die Bundesjugendspiele geben Anlass für ein aus dem Alltag herausgehobenes, Gemeinsamkeit stiftendes Sportfest“, schreibt der Verband.
Sozialdarwinismus auf der Tartanbahn
Gemeinsamkeit stiften? Gerade das tun die Spiele nicht. Schwimmen, turnen, laufen – das macht jeder Schüler für sich allein. Mehr noch: Die Kinder und Jugendlichen treten gegeneinander an, sammeln Punkte – und werden anhand von Tabellen eingeteilt in Sieger und Verlierer. Das ist Sozialdarwinismus auf der Tartanbahn – und das vor den Augen der Schulgemeinschaft. Nicht umsonst empfinden es zahlreiche Schüler als psychische Folter, wenn sie sich beim Dauerlauf als Letzte über den Zielstrich schleppen, weil sie nicht die Fittesten sind. Dem Spott mancher Sportskanonen sind sie schutzlos ausgeliefert. Wer dann auch noch behauptet – und das tun Befürworter der Bundesjugendspiele –, darin bestehe die Möglichkeit, würdevoll mit Niederlagen umzugehen, ist entweder Anhänger der Küchenpsychologie oder der schwarzen Pädagogik.
Die Debatte um die Sinnhaftigkeit der Bundesjugendspiele beschäftigte auch schon Juristen. Der kürzlich verstorbene Rechtswissenschaftler Michael Sachs ging sogar so weit, die Schulwettkämpfe als verfassungswidrig einzustufen. Der Professor behauptete, Jungen müssten im Vergleich zu Mädchen für eine Ehrenurkunde bessere Leistungen erbringen. Das sei eine Benachteiligung und verstoße gegen den Gleichheitsgrundsatz, festgehalten in Artikel drei des Grundgesetzes.
Nazi als Ideengeber
Interessanter als die juristische Perspektive ist jedoch die historische. Der Initiator der 1951 ins Leben gerufenen Bundesjugendspiele war ein Mann mit recht beweglichem Rückgrat: Carl Diem. Er war als Generalsekretär des Organisationskomitees ab 1933 federführend an Planung und Umsetzung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin beteiligt. Bis zum Schluss blieb Diem linientreu, obwohl er seit 1943 vom Holocaust wusste. Noch am 18. März 1945 rief der Funktionär Mitglieder der Hitlerjugend in Berlin zu einem „finalen Opfergang für den Führer“ auf. Nach dem Krieg schwieg er zu seiner Vergangenheit, es schadete ihm nicht. 1947 wurde Diem zum Rektor der von ihm gegründeten Deutschen Sporthochschule in Köln ernannt.
Sollen also unsere Kinder auch heute noch flink wie die Windhunde und zäh wie Leder sein? Keiner bezweifelt, dass Sport Kindern und Jugendlichen guttut – körperlich, seelisch, sozial. Damit junge Menschen aber im Alltag ihre Turnschuhe anziehen, braucht es Freude an der Bewegung. Die kann man nicht erzwingen. Sport ist nicht nur das Prinzip jeder gegen jeden, sondern gemeinsam füreinander. Es sollten Formate entwickelt werden, bei denen jeder etwas zum gemeinsamen Erfolg beitragen kann.
Freude am Sport geht nicht über Zwang
Freude am Sport vermitteln noch immer Vereine am besten. Deshalb wäre ein guter Ersatz für die Bundesjugendspiele, wenn an diesen unterrichtsfreien Tagen Lehrer und Schüler bei den örtlichen Klubs reinschnuppern. In der Kooperation zwischen Vereinen und Schulen liegt Zukunft. Ohnehin haben viele Vereine zu wenige Übungsleiter und Kinder, weil der Nachmittag an Schulen immer voller wird mit AGs. Vor allem aber können Jungen und Mädchen bei der freien Wahl der Sportart ihrer Neigung und ihren Talenten nachgehen. Es muss nicht immer Weitsprung sein – Bogenschießen fordert den Körper auch.
Es gibt schon ähnliche Modelle: In Niedersachsen beispielsweise ist es Schulen möglich, statt der Bundesjugendspiele Sportfeste auszurichten – etwa mit Tauziehen, Billard oder Dosenwerfen. Sie belohnen nicht nur die reine Körperkraft, sondern auch Geschicklichkeit und Grips. Vielleicht ist das die Blaupause für eine andere Art der Wettkampfkultur an deutschen Schulen und das mögliche Ende der Bundesjugendspiele. Denn die haben mit Freude am Sport nichts zu tun.