Sport & Politik RHEINPFALZ Plus Artikel US-Basketballstar Griner: Zwischen den Fronten

Hinter Gittern: Brittney Griner.
Hinter Gittern: Brittney Griner.

Brittney Griner sitzt seit sieben Monaten in einem russischen Gefängnis. Ihr Fall ist zu einem Politikum geworden. Es geht um Drogen, Geheimdienste, dunkle Waffengeschäfte, mögliche Terroranschläge und die Frage: Wer gewinnt – Washington oder Moskau?

Eigentlich wäre Brittney Griner in dieser Woche in Sydney gewesen. Bei der Basketball-Weltmeisterschaft. Mit der Nationalmannschaft der USA. So, wie sie schon bei den globalen Titelkämpfen 2014 in der Türkei und vier Jahre später in Spanien mit dabei gewesen war. Und wie bei den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio und vergangenen Sommer in Tokio. Die Amerikanerinnen gewannen bei allen vier Turnieren die Goldmedaille – auch dank Griner. Die Center-Spielerin ist seit rund einem Jahrzehnt Leistungsträgerin im US-Team.

Doch Griner ist derzeit weder in Australien noch dürfte sie überhaupt irgendetwas von der WM mitbekommen haben. Die 31-Jährige sitzt in einem russischen Gefängnis. Verurteilt zu neun Jahren Haft. Am 17. Februar war sie aus New York kommend auf dem Flughafen Moskau Scheremetjewo festgenommen worden, nachdem Zollbeamte in ihrem Gepäck Haschisch-Öl gefunden hatten, dessen Besitz in Russland illegal ist. Griner bekannte sich im Juli vor Gericht schuldig und gab an, die Drogen „unabsichtlich“ bei sich gehabt zu haben. Richterin Anna Sotnikova nahm ihr das nicht ab. Soweit die Fakten.

Armdrücken zwischen Russland und USA

Doch im Fall dieser Brittney Yevette Griner geht es nicht einfach nur um eine Straftat. Oder darum, dass eine US-Amerikanerin gegen russisches Gesetz verstoßen hat und deshalb verurteilt wurde. Die Angelegenheit ist längst zu einem weltweit beachteten Politikum geworden. Zu einer Art Armdrücken zwischen Moskau und Washington. Wer ist der Stärkere? Wer hat im Zweikampf der ewigen Rivalen den längeren Hebel oder die größere Ausdauer? Und natürlich: Wer knickt zuerst ein?

Eines scheint bereits offensichtlich: Brittney Griner war für Russland ein Geschenk, das die Machthaber gerne angenommen haben. Klar, Gesetz ist Gesetz. Und wer Gesetze missachtet, muss mit Konsequenzen rechnen – und im schlimmsten Fall sogar mit Gefängnis. Doch ob Brittney Griner auch von Moskau wie ein Bulle am Nasenring durch die weltweite Manege geführt worden wäre, wenn sie nicht amerikanische Staatsbürgerin wäre, sondern, sagen wir Kanadierin, Isländerin oder Angolanerin?

Benutzt wie ein politisches Pfand

Ihre Agentin, Lindsay Kagawa Colas, hob hervor, dass Griner als „politisches Pfand“ benutzt werde. Viele US-Medien teilen diese Meinung seit Monaten. Und somit bekommt die Story etwas von einem Hollywood-Thriller. Es geht um Geheimdienste, um dunkle Waffengeschäfte und sogar um mögliche Terroranschläge. Und mittendrin steht eine der besten Basketball-Spielerinnen der Welt, die einfach nur in Russland ihrer Arbeit nachgehen wollte. Allerdings ist Griners Geschichte eben keine Fiktion, sondern bittere Realität. Und ob sie, wie so viele Leinwand-Krimis, ein Happy End haben wird, ist keineswegs garantiert.

Brittney Griner sorgte schon als Teenagerin für Schlagzeilen. Sie fiel einfach auf. Ihre Kombination aus Körpergröße (2,06 Meter) und Athletik machten sie bereits am College zu einem Gesprächsthema. Der College-Sport hat in den USA eine enorme Bedeutung. Hier spielen die künftigen Stars; und hier überragte Griner alle. Denn sie hatte neben ihren Würfen, ihren Rebounds und den Blocks etwas in ihrem Repertoire, das nur ganz wenige Frauen zu bieten haben: den Dunking.

3,05 Meter hängt ein Basketballkorb hoch. Bei den Männern sieht es mitunter spielerisch aus, lässig und cool, wenn sie Richtung Ring springen und den Ball wuchtig von oben durch das Netz stopfen. Für viele Frauen hingegen hängt der Korb einfach zu hoch. Nicht für Griner. 18 Dunkings verzeichnete sie in ihrer College-Karriere – bis heute Rekord. In der Saison 2011/12 führte sie das Team der Baylor University zum Gewinn der Nationalen Meisterschaft. Die Bilanz: 40 Spiele, 40 Siege. Nie zuvor und nie danach hat eine Basketball-Mannschaft im US-College-Sport alle Saisonspiele gewinnen können – weder bei Frauen noch bei Männern. Wie herausragend Griner damals war, zeigt ein Blick auf die Liste der Einzelehrungen. Sie erhielt jede Auszeichnung, die in jener Saison verliehen wurde.

Ikone der LGBTQ-Community

Durch ihre Leistungen wurde sogar die NBA auf sie aufmerksam. Mark Cuban, der stets innovative Besitzer der Dallas Mavericks, betonte im Frühjahr 2013, dass er sich vorstellen könne, Griner beim Draft (die Verteilung der Nachwuchsspieler auf die Vereine) auszuwählen. „Ich habe darüber nachgedacht. Und derzeit neige ich zu einem Ja. Einfach nur, um zu sehen, ob sie es draufhat“, so Cuban.

Letztlich blieb es nur bei Worten. Trotzdem war 2013 ein wichtiges Jahr für Griner. Zum einen unterschrieb sie bei Phoenix Mercury ihren ersten Vertrag in Nordamerikas Frauen-Profiliga WNBA, zum anderen outete sie sich als lesbisch – und ist seitdem eine Ikone der LGBTQ-Community. Doch ihre Homosexualität, so befürchten Familie und Freunde, könnten sie neben ihrer dunklen Hautfarbe nun im russischen Gefängnis zur Zielscheibe werden lassen. Wladimir Putin gilt als Verfechter „traditioneller Werte“, wie er stets betont und unterzeichnete im Vorjahr ein Gesetz, das die gleichgeschlechtliche Ehe untersagt.

Viel Geld in Russland zu verdienen

Doch warum war Brittney Griner eigentlich in Moskau? Noch dazu im kalten Februar? Die Antworten dazu führen unweigerlich zur WNBA. Die ist zwar die stärkste Frauen-Basketball-Liga der Welt, doch gezahlt wird anderswo deutlich besser. Zum Beispiel in China oder eben in Russland. Und deshalb befand sich Griner auf dem Weg nach Jekaterinburg. Die Texanerin spielt zwar für Phoenix in der WNBA, trägt aber seit 2015 während der Saisonpause in Nordamerika das Trikot von UGMK Jekaterinburg in der äußerst lukrativen russischen Superleague. In beiden Ligen gilt sie als Star.

Laut des Online-Portals „The Athletic“ betrug Griners Grundgehalt in Phoenix vergangene Spielzeit 221.450 Dollar. In Jekaterinburg soll es mehr als eine Million Dollar pro Saison sein. Das Geld kommt von Iskander Machmudow, dem milliardenschweren Teambesitzer. Er bringt sein Team in Charter-Flügen zu den Auswärtsspielen, quartiert sie in Luxushotels ein und stellt den Spielerinnen Chauffeure zur Verfügung.

In der WNBA hingegen wurde New York Liberty von der Liga mit einer Geldstrafe von 500.000 Dollar belegt, weil der Verein vergangene Saison fünfmal Charter geflogen war – was einem Verstoß gegen den Arbeitstarifvertrag gleichkam. Denn, so die Begründung, New Yorks Spielerinnen seien somit ausgeruhter gewesen und hätten daher einen Vorteil gehabt. „Warum wird ein Team dafür bestraft, dass es in seine Profis investiert, anstatt den Rest der Liga dazu zu verdonnern, einen höheren Standard zu schaffen?“, fragte „The Athletic“ im März in seiner Story mit der Überschrift: „Brittney Griners Misere sagt mehr über Amerika aus, als über Russland“. In dem Text wurde die Lage der Athletin als „Dilemma“ beschrieben, „das nicht nur ihre Sicherheit inmitten einer großen globalen Krise“ bedrohe, sondern auch „den schlechten Zustand des professionellen Frauen-Basketballs in Amerika“ entlarve.

Tauschgeschäft mit Viktor Bout?

Nun zu Griners Rolle als „politisches Pfand.“ Die USA haben stets betont, dass die Basketballerin „unrechtmäßig inhaftiert“ sei. Ebenso wie Paul Whelan. Er ist ein ehemaliger Marine-Soldat, wurde Ende Dezember 2018 in einem Moskauer Hotelzimmer verhaftet und im Juni 2020 wegen angeblicher Spionage zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt.

Ende Juli hatte Washington dem Kreml offeriert, im Tausch für Griner und Whelan Viktor Bout freizulassen. Der 55-Jährige, Spitzname „Händler des Todes“, ist ein weltweit agierender, russischer Waffendealer. US-Außenminister Anthony Blinken sprach von einem „beachtlichen Angebot“. Moskau signalisierte eine Woche später, man sei „bereit für Gespräche“.

Im März 2008 war Bout bei einer Gemeinschaftsaktion von thailändischer Polizei, US-Behörden und Interpol in Bangkok festgenommen worden. Er war auf amerikanische Agenten hereingefallen, die sich als Mitglieder der kolumbianischen Rebellen-Gruppe FARC ausgegeben hatten. Jene angeblichen FARC-Mitglieder hatten Interesse an Flugabwehrraketen zum Abschuss von Passagier-Flugzeugen bekundet. In späteren Verhandlungen vor einem New Yorker Gericht gaben sie an, gegenüber Bout geäußert zu haben, „ein paar Amerikaner“ umbringen zu wollen. Bout soll daraufhin versprochen haben, alle Wünsche erfüllen zu können. Aufgrund dessen galt er als Gefahr für die USA, wurde 2010 nach Amerika ausgeliefert und 2012 zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Dimensionen, in denen Bout seine Waffen vertrieben habe, hätten „die Armeen einiger kleinerer Länder neidisch machen können“, sagte der damalige US-Justizminister Eric Holder.

Trotz der Gesprächsbereitschaft beider Seiten ist bislang kein Fortschritt zu erkennen. Die Beziehungen zwischen Washington und Moskau sind ohnehin angespannt. Seit der russischen Invasion in die Ukraine haben die USA Kiew mit Waffen und Ausrüstung im Wert von mehreren Milliarden Dollar unterstützt.

Präsident Biden lädt Ehefrau ein

Vor zwei Wochen hatte US-Präsident Joe Biden Griners Ehefrau Cherelle und Paul Whelans Schwester zu sich ins Weiße Haus geladen. Es war ein Empfang, der den Angehörigen Mut und Zuversicht suggerieren sollte. Biden betonte, dass man „alles erdenklich Mögliche machen und jeden Tag unermüdlich daran arbeiten“ werde, um beide nach Hause zu holen. Jede Minute, die Griner und Whelan in Gefangenschaft seien, so Biden, sei „eine Minute zu viel.“

Griner ist seit sieben Monaten in Haft. Ihre Ehefrau sprach von „sieben strapaziösen Monaten“. Sie freue sich auf den Tag, so Cherelle Griner, wenn ihre Brittney heimkomme. Auch im Nationalteam wird Griner „sehr vermisst“, wie Trainerin Cheryl Reeve hervorhob. Um seine inhaftierte Mitspielerin zu ehren, hat der US-Basketball-Verband entschieden, dass niemand das Trikot mit Griners Rückennummer 15 bei der WM tragen darf.

Ikone: Brittney Griner (Mitte) ist 2,06 Meter groß, seit einem Jahrzehnt Leistungsträgerin im US-Nationalteam, Ikone der LGBTQ-C
Ikone: Brittney Griner (Mitte) ist 2,06 Meter groß, seit einem Jahrzehnt Leistungsträgerin im US-Nationalteam, Ikone der LGBTQ-Community und zweifache olympische Goldmedaillengewinnerin. Doch an Basketball ist derzeit nicht zu denken. Sie wurde zu neun Jahren Haft verurteilt.
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