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Sport-Kolumne zum Wochenende: Diesmal irrt sich Uli Hoeneß
Die Gedanken von Uli Hoeneß über die Zeit nach der Corona-Krise klingen verlockend. Es werde wohl eine „neue Fußballwelt“ geben, erklärte der Aufsichtsratsboss des FC Bayern dem „Kicker“. Die Zeit irrwitziger Ablösesummen und Gehälter sei erst mal vorbei, außerdem gebe es eine Chance, dass die „Koordinaten etwas verändert werden können“. Damit meint er die Koordinaten in der europäischen Stärketabelle. Für einen Fußball-Nostalgiker wie mich ist die Versuchung groß, sich emotional hinter die Aussagen von Uli Hoeneß zu stellen.
Der Traum vom schwedischen Finalisten
Ich träume davon, dass der schwedische Meister mal wieder das Endspiel des Europapokals der Landesmeister, neudeutsch Champions League, erreichen kann und auf dem Weg dahin im Halbfinale den Meister aus Österreich besiegt. Malmö FF war das im Frühjahr 1980 gelungen, im Halbfinale traf Malmö auf Austria Wien. Der Spannungsbogen war ungleich größer, als sich die Halbfinalisten in der Königsklasse des Fußballs noch nicht aus einem Pool von vielleicht zehn Klubs speisten.
Zuletzt gab es einen Systemfehler, als Ajax Amsterdam bis ins Halbfinale stürmte und die Fans in ganz Europa begeisterte. Auf das unerwartete Eindringen der Niederländer reagierte das Establishment entschlossen und kaufte Ajax flugs die besten Spieler weg. Amsterdam wird so bald keine Möglichkeit mehr haben, in der Champions League zu überraschen und einen Teil des großen Geldes abzuschöpfen. Der „Geldadel“ des europäischen Fußballs möchte schließlich unter sich bleiben.
FC Porto sorgt für eine seltene Ausnahme
Es ist fraglos ein großes Spektakel, wenn Liverpool im Halbfinale ein 0:3 gegen Barcelona dreht, aber für mich geht jedes Jahr ein bisschen mehr Faszination verloren, weil es die immergleichen Vereine sind, die sich ab April um die europäische Krone streiten. Es ist schon 16 Jahre her, dass mit dem FC Porto ein Team die Champions League gewann, das nicht zu den Schwergewichten zählte. Seither blieben große Überraschungen aus.
Glaubt Hoeneß also daran, dass die aktuelle Krise den Fußball nachhaltig verändert? Dass nicht mehr alleine das Geld entscheidet, wer gewinnt, sondern auch kontinuierliche gute Arbeit eine Chance hat? Wohl eher nicht.
Mit seiner Aussage verbindet der über lange Jahre wichtigste Mann im deutschen Fußball die Hoffnung, dass die Bundesliga ihre Stellung innerhalb Europas verbessern kann. Und natürlich verbindet Hoeneß damit die Hoffnung, dass seine Bayern nach der Krise eine bessere Chance gegen die finanziellen Schwergewichte in der Champions League haben. Hoeneß vertritt schon immer die Auffassung, dass die Bundesliga und speziell der FC Bayern gesünder aufgestellt sind als der Rest vom Schützenfest.
Die Krise trifft vor allem kleinere Vereine
Selbst wenn die Annahme stimmt, wird das auf die Zeit nach der Krise keine Auswirkungen auf die europäische Spitze haben. Die Corona-Auszeit bedroht viele Vereine in ihrer Existenz, allerdings in vorderster Linie die kleinen Vereine. Die Superreichen werden nicht stürzen, wenngleich auch sie viel Geld verlieren werden. Aber es wird genügend überbleiben, um weiter in den Fußball zu investieren. Hinter Paris Saint-Germain steckt das Emirat Katar, hinter Manchester City das Emirat Abu Dhabi. Gas und Erdöl versickern durch das Virus nicht.
Es wird viele Fußballklubs geben, die durch die Krise ins Wanken geraten, einige werden sicher auch zusammenbrechen – aber es werden nicht die großen Klubs in Europa sein. Uli Hoeneß irrt sich, wenn er eine neue Fußballwelt prognostiziert. Weil zuerst die Kleinen sterben, ist viel mehr zu erwarten, dass sich die Kräfteverhältnisse an der Spitze der europäischen Klubfußballs weiter zementieren.
Die Vorstellung, dass Neymar demnächst für kleines Geld von Paris zurück zum FC Barcelona wechselt, vielleicht für 30 oder 40 Millionen und nicht für mehr als 100 Millionen, ist nostalgisch – aber weltfremd.