Fussball
Sheriff Tiraspol: Underdog oder Despoten-Klub?
Sébastien Thill gestand offen, dass er sich sein Tor bestimmt schon 100 Mal angeschaut hat. „Ich freue mich immer noch“, sagte er Ende September dem ZDF. Es war vielleicht der Treffer seines Lebens. Per Dropkick hatte der 27-jährige Luxemburger den Ball von der rechten Strafraumkante in den Kasten gehämmert. Ein Traumtor, das Thill über Nacht bekannt machte und den steilen Aufstieg seines Klubs, des FC Sheriff Tiraspol, befeuerte. 2:1 gewann Tiraspol beim spanischen Megaklub Real Madrid. Das entscheidende Tor schoss Thill eine Minute vor Ablauf der regulären Spielzeit. Durch den Sieg ist Sheriff jetzt Tabellenführer der Champions-League-Gruppe D.
„Erschossen vom Sheriff“ titelte die spanische Zeitung „Mundo Deportivo“ am nächsten Tag. Auch im Internet fragten sich viele: Was ist das für ein Klub mit einem so seltsamen Namen? Die Geschichte des Underdogs ist kompliziert. Der FC Sheriff tritt für die Republik Moldau an, kommt aber aus einem Land, das es nicht gibt: Transnistrien. Gegründet wurde er von einem Oligarchen, der ein gigantisches Unternehmen führt: Sheriff. Dass der Verein jetzt in der Champions League spielt, ist kein Zufall, so überraschend es für westliche Beobachter auch sein mag. Da bleibt die Frage: Darf man sich als Fußballfan mit dem Underdog freuen? „Ich halte es so: Ich freue mich zuallererst mit der Republik Moldau. Denn der Klub ist Meister der moldauischen Liga“, sagt Marcel Röthig.
Er arbeitet für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung in Kiew und beobachtet von dort die Republik Moldau. „Es bleiben natürlich kritische Fragen: nach dem ungelösten Konflikt, der Rolle des Konzerns“, sagt er.
Eigene Währung, eigenes Militär, eigene Regierung – keine Anerkennung als Staat
Doch der Reihe nach: Transnistrien, dessen Hauptstadt Tiraspol ist, lebt in einer Art Dauerduldung. Die Region hat sich nach einer kurzen bewaffneten Auseinandersetzung im Jahr 1990 für unabhängig von der Republik Moldau erklärt. Allerdings hat nie irgendein anderer Staat diese Unabhängigkeit anerkannt. Dass der Konflikt eingefroren bleibt, liegt auch an den rund 1300 „Friedenssoldaten“, die Russland in den kleinen Streifen Land, der eingequetscht zwischen dem Fluss Dnjestr und der Grenze zur Ukraine im Osten der Republik Moldau liegt, entsendet hat. Es gibt in Transnistrien eine eigene Währung, eigenes Militär, eine eigene Regierung. Nur, außerhalb der Grenzen interessiert das niemanden wirklich.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gründeten die beiden ehemaligen KGB-Mitarbeiter Victor Gusan und Ilja Kasmaly im russisch geprägten Transnistrien den Konzern Sheriff. Er betreibt sämtliche Tankstellen, eine Supermarktkette, Medienunternehmen, Telekommunikationskonzerne. Sheriff erwirtschaftet rund 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von Transnistrien. 1996 folgte die Gründung des FC Sheriff Tiraspol. Präsident: Victor Gusan. Schon 1998 gelang der Aufstieg in die erste Liga der Republik Moldau, die Divizia Nationala. Von 2001 bis 2010 wurde der FC Sheriff zehnmal in Folge Meister. „National ist der Klub noch deutlich dominanter als der FC Bayern München in Deutschland“, sagt Röthig. Der Wert des Kaders beläuft sich laut Internetportal transfermarkt.de auf ein Siebzigstel dessen von Real Madrid. Der Sieg wirkt also fast wie ein Fußballmärchen.
Dient der Klub am Ende der Geldwäsche?
Doch es gibt auch diese Seite: Transnistrien gilt als extrem korrupt, immer wieder gibt es den Verdacht von Zigarettenschmuggel im großen Stil. Dient der Klub am Ende zur Geldwäsche? So genau weiß das keiner. Der Sheriff-Konzern hat massiven Einfluss in die Regierung des nicht-anerkannten Landes, Oppositionelle landen nicht selten im Gefängnis. Klubpräsident Gusan soll einmal die Attrappe einer Handgranate aufs Spielfeld geworfen haben, als er mit der Leistung der Mannschaft nicht einverstanden war.
23 der 30 Spieler des FC Sheriff stammen nicht aus der Republik Moldau. Sie kommen aus Brasilien, Griechenland, Trinidad und Tobago, dem Senegal oder eben Luxemburg wie Sébastien Thill. Er spielte lange in seiner Heimat, landete über Umwege in Tiraspol. Fragt man ihn am Telefon nach dem Warum, muss er ein wenig lachen. „Ich wollte unbedingt mal einen Titel gewinnen“, sagt er in feinstem frankofonen Singsang. Statt FC Petrocub Hîncesti oder FK Sfîntul Gheorghe Suruceni heißen die Gegner für Thill in der Champions League jetzt Real Madrid, Inter Mailand und Schachtar Donezk. „Eine Hammergruppe. Vielleicht können wir Platz drei anvisieren“, sagte er vor dem ersten Gruppenspiel. Das klang damals verwegen. Jetzt hat Sheriff gute Chancen aufs Weiterkommen, und Beobachter Röthig meint: „Der Verein ist keine Eintagsfliege.“
Transnistrien hat wirtschaftlich den Anschluss verloren
Über den Alltag in Transnistrien kann oder will Thill nicht viel erzählen. Es gebe nicht allzu viel zu erleben, er gehe jeden Tag essen. Die meisten Menschen vor Ort würden kein Englisch sprechen, die Verständigung falle schwer. Aber die Mitarbeiter im Verein seien sehr freundlich, sagt der 27-Jährige. Etwas mehr kann Marcel Röthig beisteuern: „Ein bisschen fühlt es sich an wie eine konservierte Sowjetunion. Man ist überrascht, wie leer die Straßen sind, wie leb- und lieblos das Leben in Transnistrien rüberkommt.“
Offiziell leben eine halbe Million Menschen in der Region, von denen schätzungsweise aber nur noch die Hälfte da ist. Der Rest ist zum Arbeiten ins Ausland gezogen. Während die Republik Moldau in den vergangenen Jahren in Richtung Westen strebte und die junge Präsidentin Maia Sandu das Land modernisiert, hat Transnistrien wirtschaftlich den Anschluss verloren.
Beeindruckt ist Thill vom Sportkomplex, den der Klub für 200 Millionen Euro bauen ließ. Drei Stadien, davon eines überdacht, stehen dort. Es gebe zwei Kantinen, neun Trainingsplätze. Die Mannschaft sei „eine echte Multikulti-Truppe“, sagt Thill, lacht und meint das absolut positiv.
Der Erfolg des Klubs ist von langer Hand geplant
Für den Mittelfeldspieler und die vielen jungen Akteure in der Mannschaft ist der FC Sheriff auch ein Sprungbrett. Das ist auch das Kalkül des Klubs: Der gibt kaum Geld für Ablösen aus, hofft stattdessen selbst auf Einnahmen durch den Weiterverkauf seiner Spieler. Der Erfolg des Klubs ist seit langer Hand geplant und hat in Osteuropa kaum einen überrascht.
Darf man diesen FC Sheriff, der gerade so erfrischend die Königsklasse mit den alteingesessenen Großklubs aufmischt, jetzt also gut finden? „Für das Land selbst ist das eine Chance, menschlich wieder mehr zusammenzukommen – und den Konflikt wieder öfter in die internationalen politischen Diskussionen einzubringen“, meint Röthig.
Zumal es Gusan, so sieht es Röthig, der selbst beim Heimspiel gegen Schachtar im Stadion war, nicht um Politik geht, sondern ums Geschäft. „Natürlich ist es kein klassischer Underdog, sondern ein Oligarchen-Klub. Doch wenn wir eine Weltmeisterschaft nach Katar vergeben, können wir auch Champions-League-Spiele in Transnistrien schauen.“