Fussball RHEINPFALZ Plus Artikel Schiedsrichter Gittelmann in Corona-Zeiten: „Emotionen müssen von innen kommen“

Voller Einsatz: Christian Gittelmann.
Voller Einsatz: Christian Gittelmann.

Interview: Schiedsrichter-Assistent Christian Gittelmann (37) aus Gauersheim in der Nordpfalz steht seit 1. Januar 2019 auf der Fifa-Liste und ist so auch bei internationalen Spielen im Einsatz. Seit dem Bundesliga-Neustart nach der Corona-Zwangspause war er schon bei etlichen Spielen dabei. Die Geisterspiele stellen auch ihn vor neue Herausforderungen. Was ihm besonders auffiel.

Herr Gittelmann, Sie waren am Dienstagabend Assistent bei der Bundesliga-Partie zwischen dem SC Freiburg und Hertha BSC. Ging alles gut?
Die wichtigen Entscheidungen haben auf jeden Fall gepasst. Wenn man das ganze Spiel mit allen Details nimmt, die oft nur uns selbst auffallen, war es nicht perfekt, aber ganz okay.

Erklären Sie uns mal: Wie sieht für Sie die direkte Vorbereitung auf ein Spiel in der Corona-Zeit aus?
Die Corona-Tests sind grundsätzlich einen Tag vor dem Spiel. Dann dauert es bis zu 24 Stunden, bis das Testergebnis da ist. Ist der Befund negativ, wird die Ansetzung bestätigt und kommuniziert. Es bringt nichts, das vorher zu machen, es könnte schließlich auch ein positiver Test herauskommen, der eine Umbesetzung nach sich ziehen würde. Die Tests habe ich schon in Kaiserslautern, Sandhausen oder Mainz gemacht.

Und die Vorbereitung in körperlicher Hinsicht?
Die Vorbereitung war schon ziemlich intensiv. Ähnlich wie bei den Vereinen auch. Ich hatte nicht wirklich eine Pause, es war quasi ein Abbruch mitten in der Saison, und dann ist man direkt in eine Vorbereitung auf den Tag X gegangen. Es waren jedenfalls mental und körperlich intensive Wochen. Und als es sich dann mehr und mehr herauskristallisiert hat, wann es weitergeht, hatte ich dann auch wieder im Training einen Punkt, auf den ich hinarbeiten konnte.

Ihr Training war in Gauersheim?
Genau, ich habe viele Läufe gemacht, ich habe daheim Krafttraining und Stabilisations-Training absolviert. Ich habe mich jeden Tag fit gehalten.

Videokonferenzen als Vorbereitung

Wie war in der Pause das Zusammenspiel mit den Kollegen?
Wir hatten Videokonferenzen, in denen wir vorbereitet wurden, was uns bei den Spielen ohne Publikum erwartet und wie das Prozedere um die Spiele abläuft. Uns wurde das gemeinsame Hygienekonzept des DFB und der DFL vorgestellt. Mit den Kollegen war ich ständig im Austausch, wir schicken uns Videosequenzen, diskutieren über kritische Szenen. Für mich als Assistent sind natürlich die Abseitsstellungen immer ein wichtiger Aspekt.

Und wenn Sie ins Stadion kommen, was passiert dann?
Man kommt mit seinem eigenen PKW an. Ich bin eineinhalb Stunden vorher am Spielort. Man zieht sich die Maske auf, geht direkt in die Kabine. Man geht recht kurz vorher auf den Platz, man hat nicht wie sonst üblich Physiotherapie. Von der Atmosphäre her ist alles sehr gedämmt. Das Schiedsrichterteam hat seine Kabine, wobei natürlich auf Abstand geachtet wird, deswegen ist dies auch mal eine andere Kabine als die sonst gewohnte. Das Einlaufen ist komplett anders. Die Gastmannschaft geht links an der Eckfahne rein, das Heimteam gegenüber. Wir Schiedsrichter gehen auch getrennt auf das Feld.

Spiele im Zeichen der Demut

Und wie waren die Spiele selbst?
Die ersten beiden Spieltage standen nur im Zeichen von Corona. Da war bei allen viel Demut dabei, weil alle froh waren, dass es weitergeht. Es war ein Schritt zurück in die Normalität. Die Spiele am Anfang waren sehr fair, es war ein totales Miteinander. Trotzdem werden wir wie immer an den entscheidenden Einzelsituationen gemessen. Der Fokus war jedoch immer da. Man gewöhnt sich an die neue Situation, auch wenn man sich eigentlich gar nicht daran gewöhnen will, dass zum Beispiel keine Zuschauer da sind, denn sie gehören zu dem Sport einfach dazu. Aber auf dem Platz hat man den Fokus, da ist der normale Wahnsinn, man ist konzentriert auf jede einzelne Situation. Auch die Spieler sind mitten in ihrem Spiel.

Stichwort Emotionen.
Die Emotion beziehungsweise die Motivation müssen von innen kommen. Ausschließlich. Von außen kommen nur Reaktionen von den Bänken und den Ersatzspielern, wie im unteren Amateurfußball. Das macht es nicht wirklich einfacher. Aufschrei, Jubel, Gesänge, das alles hat man nicht. Nichtsdestotrotz ging es zuletzt nur noch um die Ergebnisse, es ging und geht um Aufstieg und Abstieg, um Titel. Die Emotionen haben in den letzten Spielen bereits wieder zugenommen. Durch die fünf Wechsel wird das Spiel noch wechselhafter. Die Trainer haben mehr Möglichkeiten. Das ist ein großer Unterschied. Das wäre meines Erachtens auch ein interessantes Modell für die Zukunft.“

Es ist nicht leichter als vorher

Ist es leichter oder schwerer für Sie in dieser neuen Atmosphäre? Wie ist Ihr Eindruck?
Leichter ist es auf keinen Fall. Ich muss genau so fokussiert sein wie immer. Fehlen tut uns auf jeden Fall etwas. Aber im Spiel selbst bin ich so fokussiert, dass ich das nur unterbewusst wahrnehme. Normalerweise nimmt man auch nur unterbewusst wahr, was auf den Tribünen passiert. Ich merke es aber tatsächlich, wenn ich meine Pulsdaten auswerte, da fehlen ein paar Schläge, durch die super Atmosphäre ist sonst einfach der Puls per se schon höher.

Ist die Interaktion mit den Spielern derzeit anders?
Zuletzt ging es schon wieder in das Normale über. Wobei jeder Beteiligte ja weiß, dass alles, was geäußert wird, durch die Mikrofone zu hören ist. Vielleicht denken in normaler Atmosphäre manche Betrachter: Ach du liebe Zeit, was die da bestimmt für einen Ton an den Tag legen! Ich kann sagen: Ich wurde noch nie von einem Spieler im Profifußball beleidigt, noch nie. Auch wenn das Stadion noch so voll war und die Emotionen noch so hochgekocht sind.

Hören Sie mehr im Moment, was die Spieler so sagen?
Man hört es halt schallen. Es ist halt lauter, aber bis jetzt war alles im Rahmen. Das zeigt, dass der Umgangston zwischen den Beteiligten gar nicht so schlecht ist, wie es manchmal im Bild aussieht. Viele denken da oft, wie die da miteinander umgehen. Aber so ist es nicht. Es wirkt und ist emotional, aber nicht feindselig.

Noch einmal zum Verständnis: Wenn Dortmunds Abwehrchef Mats Hummels vor 80.000 Zuschauern Kommandos gibt, hören Sie das auch an der Linie?
Teilweise schon. Aber natürlich nicht in dem Maße.

Wenn das Spiel zu Ende ist …
… sonst haben wir Beobachter auf den Tribünen, die mit uns direkt eine Besprechung machen, momentan ist es so, dass wir ausschließlich Telefoncoachings erhalten und nach dem Spiel wie die Teams zügig das Stadion verlassen. Das ist aktuell so auch okay.

Nach drei, vier Wochen, wie lautet Ihr Fazit? War es in Ordnung, wie die Geisterspiele gelaufen sind?
Ja, ich finde bislang schon. Meine bisherigen Eindrücke sind, dass das Konzept von allen Beteiligten diszipliniert umgesetzt wurde. Alles ist professionell abgelaufen. Das war ein wichtiges Zeichen für die Gesellschaft. Gerade auch politisch, dass man ein klares Konzept hat, und es bestmöglich umgesetzt wird. Da war unser Profifußball Vorreiter für ganz Europa. Darauf kann die Bundesliga stolz sein. Viele Länder übernehmen es jetzt in dieser oder ähnlicher Form. Ich hoffe, dass wir nun bald positiv Richtung neue Saison schauen können und es keine zweite größere Corona-Welle gibt, was für Gesellschaft, Wirtschaft und Sport sehr herausfordernd wäre.

x