Olympia
Querpass: Die stille Passion der Japaner
Mit dem Coronavirus waren die Japaner von ihrem Kurs abgekommen, sich global als Sportnation und Wirtschaftsmacht präsentieren zu wollen. Die Verlegung der Spiele um ein Jahr brachte keine Erleichterung, die Mehrheit Japans sei weiter gegen Olympische Spiele, hieß es gebetsmühlenartig. Das ist sicher nicht falsch, wobei nirgendwo die Fragestellung für die Umfragen zu lesen war. Was ja nicht unwesentlich ist.
Aber siehe da, nun sitzt die Mehrheit der Japaner aus der Not heraus, aber glücklich vor dem Fernseher und schaut unermüdlich die Spiele. Einschaltquoten belegen das. Schon die Eröffnungsfeier, so analysierte Video Research, lag bezüglich der Quote bei 56,4 Prozent. Es soll die höchste Quote seit den Spielen 1964 gewesen sein.
Das war zu erwarten, auch weil die einheimischen Sportlerinnen und Sportler erfolgreich, sympathisch, tränenreich und emotional auftreten. Die 13-jährige Momiji Nishiya hat auf ihrem Skateboard ein ganzes Land mitgerissen, ihr flogen die Herzen zu. Im Nationalsport Judo räumten die Japaner ab, feierten neun Siege. Aus Medaillen wurde Zuneigung, aus Gold Liebe.
Die Faszination der Japaner für den Sport ist ungebrochen
Frank Rövekamp, Japan-Kenner und Leiter des Ostasieninstituts Ludwigshafen, hatte in einem Interview die Japaner als „Gefangene des Augenblicks“ bezeichnet. Sie leben ein „Heute so, morgen so“. Heute vorsichtig und ängstlich, morgen vorsichtig – und begeistert. Die Stimmung werde kippen, kündigte Rövekamp an, und genau so kam es.
An den Olympischen Ringen vor dem Nationalstadion bilden sich täglich Schlangen. Der Wunsch nach einem Foto mit den Ringen ist ein klares Bekenntnis zu Olympia. Schulterzuckend, aber einsichtig, vielleicht mit Demut, nehmen sie zur Kenntnis, nicht in die Stadien zu dürfen. Inzwischen weiß man, dass man einheimischen Zuschauern hätte Zutritt gewähren können. Sie sind diszipliniert, sie hätten Masken getragen und Abstand gehalten. Und man weiß: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen steigenden Infektionszahlen in der Stadt und den Olympischen Spielen. Japaner und Athleten fühlen sich, aber sie berühren sich nicht. Die Faszination der Japaner für den Sport, ihre Leidenschaft für Olympische Spiele, ist ungebrochen. Sie leben ihre emotionale Versöhnung in diesen Tagen als stille Begeisterung. Das ist die gute Nachricht aus Tokio.
