Fußball
Nick Woltemade schießt Deutschland zum 2:0 gegen Luxemburg: Locker und lässig
Schon nach drei Minuten weiß Nick Woltemade, was in diesem Spiel auf ihn zukommen wird. Der luxemburgische Verteidiger Seid Korac vom FC Venedig aus der zweiten italienischen Liga umkurvt den deutschen Angreifer einmal komplett und der Stürmer von Newcastle United wirkt dabei, als hätte er einen Knoten in den langen Beinen. Hinter dem Tor, vor dem sich diese Szene abspielt, stehen die Hardcore-Fans der Nationalmannschaft aus dem Großherzogtum. Sie jubeln und johlen, denn wie Nationaltrainer Jeff Strasser hatten auch sie Woltemade als größte Gefahr ausgemacht. Eine kluge Vorahnung: Später erzielt der 23-Jährige beide Tore zum mühsamen wie schmeichelhaften 2:0 der deutschen Elf in der WM-Qualifikation.
In solchen Augenblicken wie zu Beginn des Spiels wirkt Woltemade stets ein bisschen ungelenk. Aber wen wundert’s mit seinen 1,98 Metern? Man denke nur an Dirk Nowitzkis Ausflüge auf den Fußballplatz, bei diversen Benefiz-Kicks etwa. Ab einer gewissen Körpergröße fällt es einfach schwer, sich richtig elegant zu bewegen. Und doch gibt Woltemade dem Spiel der Nationalmannschaft aktuell das, woran es durchaus mangelt: Sicherheit und Souveränität.
Ein Trikot für die Schwester
Dem Bundestrainer liefert er dabei die Gewissheit, dass Julian Nagelsmann über einen Mittelstürmer – immer wieder ein leidiges Thema in Fußball-Deutschland – verfügt, der zuverlässig das Tor trifft. Die letzten drei Tore, jenes gegen Nordirland und nun die beiden gegen Luxemburg, waren Woltemade-Tore. Zugleich waren es seine ersten drei Treffer im DFB-Trikot. Dass ihm sein erster Doppelpack im ersten Spiel nach der Vorstellung des neuen Jerseys gelang, freut ihn besonders. „Das Design ist sehr, sehr schön“, sagt er, nachdem er zugibt, sich bereits einige Exemplare zurückgelegt zu haben. Jenes, das er nun gegen Luxemburg trug, sei für seine Schwester in Bremen reserviert. „Sie ist extrem heiß auf die Langarm-Variante“, sagt Woltemade. Nebenbei: Das neue Trikot für die WM 2026 in Nordamerika, so es denn mit der Qualifikation für das Turnier klappt, entweder beim „Endspiel“ um den Gruppensieg gegen die Slowakei am Montagabend oder über den Umweg der Play-offs, soll an die WM 1990 in Italien erinnern. Damals gewann Deutschland den Titel.
Keine Probleme in der Premier League
Erst zu Jahresbeginn wurde Woltemade nach und nach Stammspieler beim VfB Stuttgart, nach der vergangenen Saison wechselte er nach England. „Es war ein turbulenter Sommer“, sagt er nun und es klingt wie ein Geständnis, denn bislang verlor er nicht allzu viele Worte über das Hin und Her seines Wechsels. Der FC Bayern München war an ihm interessiert, aber nicht bereit, die Summe zu bezahlen, die Stuttgart forderte. Stattdessen verpflichtete Newcastle ihn für rund 85 Millionen Euro. Anders als etwa Florian Wirtz nach seinem Wechsel zum FC Liverpool hat Woltemade keinerlei Anpassungsschwierigkeiten in der physisch anspruchsvollen Premier League: In acht Spielen steht er bei vier Toren.
„Was er für einen Weg hingelegt hat und um wie viel er noch besser geworden ist, ist wirklich unglaublich“, hatte Nils-Ole Book kürzlich im Gespräch mit der RHEINPFALZ über Woltemade gesagt. 2022 lotste der Sportvorstand der SV Elversberg ihn per Leihe von der zweiten Mannschaft von Werder Bremen aus der Oberliga ins Saarland – gerade mal eine Autostunde entfernt vom Stade de Luxembourg, wo Woltemade die deutsche Mannschaft nun nach miserabler erster Halbzeit zum Sieg schießt. „Wir haben ihn intensiv beobachtet und kleine Nuancen entdeckt, die sein Spiel besonders machen“, sagt Book. Gleichwohl muss der Manager bei der Erinnerung auch schmunzeln. „Bei eigenen Standardsituationen war er wirklich als Absicherung an der Mittellinie eingesetzt“, erzählt Book, „das war schon super komisch.“
Dort, wo ein Stürmer steht
Zwar ist Woltemade in einer modernen Spielphilosophie auch als Angreifer erster Verteidiger, doch die Zeiten der Mittellinien-Absicherung sind vorbei. Er tritt dort auf, wo ein Mittelstürmer auftreten soll: im Strafraum des Gegners, als Vollstrecker. Dort hat er auch seine beiden Tore gegen Luxemburg erzielt. „Sie haben sie mir auch gut aufgelegt“, sagt er über seine Mitspieler, Leroy Sané (49.) und Ridle Baku (69.) hatten die Treffer vorbereitet. Gerade vor der Pause sei das Spiel sicher „kein Leckerbissen zum Anschauen“ gewesen, befindet der Torjäger, doch er habe „ein ganz gutes Gefühl entwickelt“ und wisse: „Egal, wie das Spiel läuft, ich kann immer noch ein Tor schießen.“ Dieses Selbstverständnis fehlt manchen im deutschen Team bisweilen.
In der Kabine mag Woltemade einer der leiseren sein. Jetzt, wo Kapitän Joshua Kimmich verletzungsbedingt kurzfristig ausfiel, schlüpften andere in dessen Führungsrolle. „Das machen alle“, sagt er, „aber ich trotzdem nicht.“ Dennoch verleiht er der Mannschaft etwas, das unheimlich kostbar ist: Lockerheit, eine gewisse Unbekümmertheit. Die versprüht er auch als letzter verbliebener deutscher Mittelstürmer nach den Ausfällen von Niclas Füllkrug, Tim Kleindienst und Kai Havertz. Macht das mehr Druck – oder beschert es die Angst, nach deren Rückkehr wieder ins zweite Glied zu wandern? Woltemades lässige Antwort: „Nö, eigentlich nicht.“