Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel Nationalmannschaft nach Ukraine-Spiel: Der Gewinner ist gar nicht da

Blick auf die Uhr ein Jahr vor der EM: Bundestrainer Hansi Flick.
Blick auf die Uhr ein Jahr vor der EM: Bundestrainer Hansi Flick.

Beim 3:3 im Jubiläumsspiel offenbart die deutsche Mannschaft eklatante Schwächen – vor allem in der Defensive. Hansi Flick glaubt aber weiterhin an die Qualität seiner Spieler.

Wo Niklas Süle den Montagabend verbracht hat, und ob er das Spiel der deutschen Nationalmannschaft verfolgt hat, ist nicht klar. Letztlich ist es aber auch nicht entscheidend. Wichtig ist, dass Süle nicht im Weserstadion in Bremen war und sich deshalb ohne eigenes Zutun als Gewinner fühlen durfte.

Überraschend hatte Hansi Flick darauf verzichtet, den Innenverteidiger von Borussia Dortmund für die Juni-Länderspiele zu nominieren. „Ich finde, er lässt noch einiges liegen. Ich will, dass er von seiner Einstellung, von seiner Mentalität einen Schritt nach vorne macht“, sagte Flick in Richtung von Süle. 90 Prozent würden dem Bundestrainer nicht reichen, er wolle mehr Leistung seiner Nationalspieler sehen. Die Botschaft war an den Dortmunder und gleichzeitig an alle anderen gerichtet, die im kommenden Sommer bei der Europameisterschaft in Deutschland dabei sein wollen. Voller Einsatz ist gefordert.

Viele Alarmsignale auf dem Rasen

Nach den Eindrücken vom Montagabend in Bremen muss man – sofern man der deutschen Elf die Daumen drückt – inständig hoffen, dass noch viel mehr Spieler außer der vom Bundestrainer öffentlich kritisierte Süle viel liegen gelassen haben. Es wäre ein Alarmsignal, wenn die Nationalspieler im Jubiläumsspiel gegen die Ukrainer annähernd 100 Prozent erreicht hätten. Besonders der Defensivverbund hinterließ einen irritierenden, weil sehr irritierten Eindruck. Viele Beobachter wünschten sich den 90-Prozent-Süle zurück, um der Abwehr mehr Stabilität zu verleihen – das sagt viel über den Zustand der Kollegen aus.

Derzeit nicht im Nationalmannschaftskader: Niklas Süle.
Derzeit nicht im Nationalmannschaftskader: Niklas Süle.

„Niklas fehlt. Er ist qualitativ ein sehr, sehr guter Spieler. Ich hoffe, dass er bald wieder an Bord ist“, sagte Verteidiger Antonio Rüdiger vor den 90 Minuten gegen die Ukraine. Im Nachgang wirkten seine Worte noch etwas dringlicher. Rüdiger war mit Abstrichen der verlässlichste Defensivakteur im deutschen Trikot. Seine Nebenleute Nico Schlotterbeck und Matthias Ginter waren Unsicherheitsfaktoren. Die Außenbahnspieler Raum (links) und Wolf (rechts) bemühten sich um das Offensivspiel und scherten sich erschreckend wenig darum, was in die andere Richtung geschah. Es gab viele Alarmsignale auf dem Rasen.

Dreierkette bleibt ein Thema

„Ich glaube an diese Mannschaft“, sagte der Bundestrainer und verwies auf gute Trainingsleistungen, die sein Vertrauen in die eigene Belegschaft untermauern. „Ich sehe die Jungs jeden Tag“, erklärte Flick, räumte aber die für alle sichtbaren Fehlleistungen gegen die Ukraine ein: „Wir müssen schauen, dass wir diese Fehler abstellen. Wir müssen kompromissloser verteidigen.“ Eine Grundsatzdebatte über die Qualität seiner Spieler wollte der 58-Jährige nicht führen. Über seine taktische Herangehensweise ebenso wenig.

 Joshua Kimmich jubelt nach seinem Treffer zum 3:3 mit Teamkollege Kai Havertz.
Joshua Kimmich jubelt nach seinem Treffer zum 3:3 mit Teamkollege Kai Havertz.

Gegen die Ukraine hatte er seine Mannschaft in der Defensive mit einer Dreierkette aufs Feld geschickt, nach knapp einer Stunde wieder auf eine Viererkette umgestellt. Eine Abkehr von der Idee, mit seinem Team eine zweite taktische Grundordnung einzuüben, soll das aber nicht bedeuten. „Wir haben einen Plan und werden den weiter durchziehen. Wir müssen daran arbeiten und es möglichst im nächsten Spiel besser machen“, erläuterte der Bundestrainer.

Kommt jetzt die Chance für Emre Can?

Ob dann erneut Leon Goretzka den defensiven Part im Mittelfeld ausfüllt, bleibt abzuwarten. Die Idee, Joshua Kimmich von der Aufgabe zu befreien, für Stabilität zu sorgen, war sichtbar geworden. Eventuell bekommt Emre Can die Gelegenheit, sich für die anspruchsvolle Aufgabe zu empfehlen, in einer Mannschaft für Ordnung zu sorgen, die mehrheitlich das Spiel nach vorne liebt.

Ungeachtet dieser Frage ist klar: Am kommenden Freitag in Warschau gegen Polen im zweiten Test der Dreierspielreihe im Juni wird es nicht nur ums Einspielen für ein Turnier im kommenden Sommer gehen. Es wird darum gehen, ob ein 90-Prozent-Süle besser als die Kollegen ist – dass darüber gestritten werden kann, ist ein schlechtes Zeichen.

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