OLYMPIA
Nach Tokio-Verschiebung: Vieles ist aus den Fugen geraten
Fast vier Jahre hat Lemke auf einen Tag im August hingearbeitet, an dem sich ein Lebenstraum erfüllen sollte. Es ging für den Mannheimer nicht nur um das Dabeisein, Max Lemke wollte in Tokio die Goldmedaille gewinnen. „Wer weiß, wie es in einem Jahr aussieht“, sagt Lemke. Der heute 23-Jährige sitzt seit 2017 im Kajak-Vierer, wurde mit seinen Kollegen über 500 Meter dreimal hintereinander Weltmeister, sein Boot galt als große Goldhoffnung für Tokio. Die gesamte Vorbereitung war auf dieses Rennen ausgerichtet, ehe das Virus die Pläne über den Haufen warf. „Jetzt nehmen wir alle einen weiteren Anlauf in einem Jahr, ein weiterer vorolympischer Winter steht uns bevor“, erklärt Lemke. Er wird sich der Herausforderung stellen, aber zunächst muss er die Enttäuschung verarbeiten, die das Olympia-Aus in diesem Sommer in ihm ausgelöst hat. Er kämpft gegen die Leere, die ihn erfüllt hat.
Unverdrossen weitertrainiert
Bis in die vergangene Woche hinein trainierte Lemke unverdrossen weiter. Wie seine Teamkollegen im Boot hatte er eine Sondergenehmigung, um die Vorbereitung auf den olympischen Wettkampf fortsetzen zu können. Er durfte weiterhin am Bundesstützpunkt in Potsdam üben. Neben ihm tummelten sich dort vielleicht noch ein Dutzend Kollegen, in normalen Zeiten sind es täglich eher zehnmal so viele. Normal war aber schon länger nichts mehr, die Corona-Pandemie hatte auch das Leben Lemkes verändert. Doch der Kanute war gezwungen, möglichst viel Alltag aufrechtzuerhalten, um seine Form nahe dem Optimum zu halten.
Lemke war vor ein paar Monaten von Mannheim aus in Richtung Potsdam gezogen, um am Bundesstützpunkt der Kanuten noch bessere Trainingsmöglichkeiten zu haben. „Es hat sich gelohnt“, sagt Lemke, dessen individuellen Kraft- und Ausdauerwerte so gut wie nie zuvor waren und sind. Die Voraussetzungen stimmen, um im Sommer in bester Verfassung zu sein. Lemke ist bereit für das Olympische Finale, aber dieses Rennen wird in diesem Jahr nicht ausgetragen.
Der Plan für Gold stand
Mit seinen Mitfahrern im erfolgreichen Kajak-Vierer hatte er einen genauen Plan entworfen, um in Tokio die Goldserie fortsetzen zu können. Durch das Virus und die Verschiebung der Spiele ist jetzt vieles mit Fragezeichen versehen. Es ist nicht einfach so möglich, den Ablauf um ein Jahr zu verschieben, denn im Moment ist nicht absehbar, wann wieder Rennen gefahren werden können. Wo sich das deutsche Boot bislang bei internationalen Wettkämpfen mit der Konkurrenz messen konnte und einen Überblick über die eigene Leistungsfähigkeit verschaffte, herrscht derzeit Verunsicherung.
Nicht nur die fehlenden Vergleiche auf dem Wasser sorgen für Unruhe, auch die unsichere Zukunft des Paradebootes des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV) verursacht wilde Gedanken des Athleten. Mitfahrer Ronald Rauhe wird im Oktober 39 Jahre alt, die Olympische Regatta in Tokio sollte sein Karriereende bedeuten. Noch ist unklar, ob Rauhe ein Jahr später noch dabei ist – und ob der Senior im Boot körperlich den Anforderungen gewachsen ist. Das Quartett, das neben Lemke und Rauhe außerdem Max Rendschmidt und Tom Liebscher umfasst, ist aufeinander abgestimmt. Sie alle hatten eigene Interessen hintangestellt, weil sie das große Ziel Tokio 2020 einte. Jetzt bleibt abzuwarten, ob das Team in dieser Konstellation zusammenbleibt.
Es gibt viel Klärungsbedarf
Lemke und seine Kollegen sind professionelle Athleten, die für ihren Sport leben, aber nicht davon leben können. Deshalb müssen die individuellen Umstände neu durchdacht werden. Gibt es die Möglichkeit, weitere Urlaubssemester an der Uni zu nehmen? Kann der Vertrag als Sportsoldat ausgedehnt werden? Ist der Arbeitgeber weiter kulant? „Da muss jetzt viel geklärt werden“, sagt Lemke. Wie ihm geht es gerade vielen Athleten – sportartenübergreifend.
Die Olympischen Spiele wurden um ein Jahr verschoben – für Max Lemke und viele Kollegen hat sich damit aber viel mehr geändert als die Anpassung der Trainingspläne.