FCK
Marlon Ritter, der Alleingänger der Roten Teufel
So ist das nun mal, wenn eine Mannschaft über Wochen und Monate erfolgreich Fußball spielt: Die Erwartungshaltung steigt. Manch einer glaubt dann, ein vermeintlich schwacher Gegner wie der im Drittliga-Abstiegskampf steckende SC Verl müsse mit 90 Minuten Glanz und Gloria aus dem Stadion geschossen werden. Und manch einer hat, wenn dem nicht so ist, das dringende Bedürfnis, etwas missmutig zu reagieren. Das galt am Samstagnachmittag auch für einzelne Anhänger des 1. FC Kaiserslautern.
Ein Grummeln hier, ein Raunen dort, als die Roten Teufel sich gegen mutige Gäste schwertaten und gar mit 0:1 in Rückstand gerieten. ,,Die Stimmung war gut, bis auf die erste Halbzeit. Nach fünf Minuten haben die Fans schon gepfiffen, das konnte ich leider nicht so verstehen, das finde ich übertrieben“, sann Kapitän Hendrick Zuck nach dem Schlusspfiff. „Wir haben trotzdem die Ruhe bewahrt und das Spiel gedreht. Dann war die Stimmung wieder bombastisch.“
Winklers wichtige Premiere
Die Arenen werden aufgrund gelockerter Anti-Corona-Maßnahmen nun wieder voller, die Kulissen demzufolge lauter. Auch Alexander Winkler machte sich darüber Gedanken: „Man hat in der ersten Halbzeit natürlich die Pfiffe gehört. Da haben wir uns teilweise auch anstecken lassen, waren vielleicht in der einen oder anderen Situation etwas überhastet. Die Fans waren unzufrieden, wir selbst waren unzufrieden. Wir haben uns das anders vorgestellt, aber es ist halt kein Wunschkonzert.“
Winkler selbst verbuchte einen großen Anteil daran, dass er und seine Mannen kurz vor vier vor eine rundum glückliche Westtribüne traten und die Welle der Begeisterung probten. Nach 36 Spielminuten köpfte der Defensivroutinier einen von Hendrick Zuck getretenen Eckball ins Verler Tor und egalisierte damit das 0:1, das Leandro Putaro 22 Minuten zuvor erzielt hatte. Winkler bejubelte seinen ersten Treffer für die Roten Teufel. „Irgendwann muss ich ja mal einen machen, ich bin auch mal an der Reihe“, flachste der 30-Jährige.
Mit Götze im Mittelfeld kommt die Struktur
Bislang hatte es der 1. FC Kaiserslautern stets geschafft, die Ausfälle von Leistungsträgern aufzufangen. Gegen den SC Verl gelang dies zunächst nicht. Felix Götze kam anstelle des gesperrten Boris Tomiak auf der rechten Position der Dreierabwehr nicht zurecht, vor dem Verler Führungstor wurde er überlaufen. Erst als Trainer Marco Antwerpen für den zweiten Abschnitt Hikmet Ciftci nach rechts hinten beorderte und Götze ins Mittelfeld auf seine angestammte Position rückte, wendete sich das Blatt zum Guten.
„Felix hat die Räume noch mehr erkannt, da konnten wir ein bisschen mehr Fußball spielen und nicht nur die langen Bälle“, analysierte Hendrick Zuck. Der FCK erspielte sich etliche Chancen. Doch es bedurfte eines Geniestreiches in Form einer Einzelaktion, um den 14. Saisonsieg zu erlangen. Marlon Ritter antizipierte einen Fehlpass von Luka Stellwagen, setzte aus der eigenen Hälfte heraus unaufhaltsam zu einem 60-Meter-Spurt an und veredelte seinen Alleingang mit einem Linksschuss. Schon am 2. Oktober vorigen Jahres war der 27-Jährige als Solist aktenkundig geworden: Beim 6:0 gegen den TSV Havelse nahm er auf Höhe der Mittellinie einen Ball aus der Luft per Hacke mit und enteilte den Havelser Verteidigern.
Ritters Erinnerungen an die Rote Erde
,,Ich habe viel Grün vor mir“, sagte Ritter nun, „irgendwann sehe ich das Tor, und dann muss man einfach mal schießen, auch wenn es mit links ist – was ich gegen Dortmund nicht gemacht habe.“ Ja, in Dortmund ... Beim 0:0 am 27. November liefen im Stadion Rote Erde die finalen Minuten, als Ritter aus heiterem Himmel frei vor dem Tor stand. Er traute seiner linken Klebe nicht, statt den Ball von der Strafraumkante einfach in den verwaisten Kasten der Borussia zu schießen, zog er noch einmal auf – und wurde gestoppt. Nicht so dieses Mal.
Waldhof Mannheim siegte in Halle, der VfL Osnabrück in Meppen, Eintracht Braunschweig schlug den MSV Duisburg. Die ärgste Konkurrenz im Kampf um den Aufstieg punktete ohne Ausnahme. Umso bedeutender war der neunte Heimerfolg, mit dem der FCK Tabellenplatz zwei bewahrte. Auch 1860 München, Gastgeber im Nachholspiel am Dienstag (19 Uhr), feierte mit dem 3:1 in Zwickau nach einer Serie von vier Spielen ohne Sieg ein Erfolgserlebnis. Es wartet die nächste schwere Aufgabe in einem sich zuspitzenden Saisonfinale, in dem der FCK jede Unterstützung seines Anhangs gebrauchen kann – und gewiss auch bekommen wird.
