Sport RHEINPFALZ Plus Artikel Leichtathletik: Zehnkampf-Olympiasieger Willi Holdorf wird 80

Willi Holdorf wird am Montag 80.
Willi Holdorf wird am Montag 80.

Noch einmal Tokio, das wär’s für Willi Holdorf. „Allein, um unseren Weltmeister Niklas Kaul vor Ort zu beobachten“, sagt er freudig und erklärt, dass DOSB-Präsident Alfons Hörmann ein paar Medaillengewinner von damals eingeladen hat. Erst aber feiert am Montag der „König der Athleten“ von 1964, der Zehnkampf-Olympiasieger von Tokio, seinen 80. Geburtstag, und zwar auf einem Kreuzfahrtschiff mit seiner Frau Sabine.

Auf Niklas Kaul hatte er bei der Wahl zum Juniorsportler des Jahres 2017 eine kleine Laudatio gehalten. „Er ist ein ganz Netter, er ist mir fast zu nett. Ich sagte damals schon, die alten Zehnkämpfer müssten sich warm anziehen, da komme ein Junger. Aber nie und nimmer dachte ich, dass er so schnell kommt“, erinnert sich Holdorf im Gespräch mit der RHEINPFALZ an die Ehrung vor drei Jahren in Köln. „Klar kann Kaul in Tokio Gold holen. Aber er muss zusehen, dass er sich in der Grundschnelligkeit verbessert. Er lief in Doha 11,29 Sekunden. Ich dachte immer, wer nicht unter elf Sekunden bleibt, könne nicht Weltmeister werden“, erzählt Holdorf, der seinen Gesundheitszustand als „ganz gut, aber mit 80 kann’s auch mal schnell kritisch werden“, beschreibt.

10,7 Sekunden auf Asche und bei 12 Grad

Zum Vergleich: Holdorf, der eine Bestzeit von 10,4 Sekunden stehen hatte, lief in Tokio im Oktober 1964 10,7 Sekunden. Auf einer Aschenbahn und bei zwölf Grad. „Es war richtig kalt“, sagt er. Der Flug dorthin, über den Nordpol und Alaska, war „eine unglaubliche Weltreise. Wie wenn ich heute zum Mond fliegen würde“, erzählt der Norddeutsche, der aus Blomesche Wildnis stammt, einer kleinen Straßensiedlung bei Glückstadt an der Elbe. Unter vielen guten Zehnkämpfern – die Disziplin war damals schon eine deutsche Domäne – hatte sich der erst 24 Jahre junge Holdorf mit Hans-Joachim Walde, der in Japan Dritter wurde, und Horst Beyer, dem Sechsten, in der Ost-West-Ausscheidung durchgesetzt.

„Ich wusste, dass ich eine Medaille machen konnte, mit Gold hatte ich nicht gerechnet. Es lief bei den schwierigen Bedingungen halt gut für mich“, sagt er. Und für die anderen nicht ganz so gut, ähnlich wie bei Kauls Sieg in Doha ja auch. Für die Kalifornier wie Paul Herman oder Russel Hodge zum Beispiel oder den Weltrekordler Cuan Kwang Yang aus Formosa war es definitiv zu kühl und ungemütlich. Nach neun Disziplinen wies Holdorf einen Vorsprung von 18 Sekunden auf den Russen Rein Aun aus Tallinn auf – Aun lief über 1500 Meter starke 4:22 Minuten, Holdorf taumelte nach hartem Kampf zwölf Sekunden später ins Ziel. Gold für die Startnummer 263, die auch Armin Hary bei seinen Olympiasiegen in Rom 1960 getragen hatte.

Hinter dem Ziel zusammengebrochen

Im Olympiabuch der Deutschen Olympischen Gesellschaft schreibt der Journalist Wolfgang Wünsche: „Bei Holdorf ist es längst kein Laufen mehr, er quält sich dahin, die Augen fast verschlossen. Er torkelt und galoppiert zugleich dem Ziel entgegen, das der Russe längst passiert hat. Da wankt Holdorf heran, schwankt bedrohlich nach rechts und bricht direkt hinter dem Ziel zusammen.“

Die Bilder gingen um die Welt. Aber anders als 2019, als das deutsche Fernsehen kurz vor Mitternacht hohe Live-Einschaltquoten bei Kauls leichtfüßigem 1500-m-Lauf verzeichnete, kamen die Bilder mit großer Verspätung an. „Wenn ich heute in Schülerzeitungsinterviews erzähle, dass der Film erst nach Deutschland geflogen werden musste, damit man ihn sehen konnte, wollen die jungen Leute das gar nicht glauben“, sagt Holdorf. Seine damalige Frau Doris erfuhr es erst am Telefon von ihrem Bruder vom Sieg ihres Mannes, nachdem der Lebensmittelhändler von nebenan sie ans Telefon gerufen hatte.

Willi Holdorf, der „König der Athleten“ , beendete seine Zehnkampfkarriere mit 24 Jahren und entdeckte seine alte Liebe zum Fußball. Im Herbst 1965 machte er das Sportlehrerdiplom und zog mit seiner Familie nach Ober-Erlenbach im Taunus. Schon damals gab’s Umfragen. Das Institut für angewandte Sozialwissenschaften fragte im Mai 1965 nach den sympathischsten deutschen Sportlern, und Holdorf, der „Sportler des Jahres“ 1964, kam hinter Uwe Seeler und vor Hans-Jürgen Bäumler auf den zweiten Platz.

EM-Dritter 1973 im Bob von Horst Floth

Er kickte und ließ immer noch nicht vom Zehnkampf-Training ab, fuhr öfter mal zu seinem Trainer Bert Sumser nach Leverkusen. Als Trainer führte er den Stabhochspringer Claus Schiprowski 1968 in Mexiko zum Olympiasilber, von 1971 bis 1973 saß er als Anschieber im Zweier- und Viererbob von Horst Floth und holte gar 1973 EM-Bronze. Seine Fußballtrainerkarriere bei Fortuna Köln indes endete nach fünf Monaten und 14 Spielen.

Willi Holdorf war ein Berufsleben lang Vertreter beim Sportartikelhersteller Adidas, als Gesellschafter schrieb er an der Erfolgsstory des THW Kiel mit. Aus den Gremien des Handballklubs hat er sich jetzt zurückgezogen, bei Heimspielen sitzt er noch immer auf der Tribüne. Und bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften ist er gerngesehener Stammgast.

Der zweitplatzierte Russe Rein Aun gratuliert Willi Holdorf zur Goldmedaille, die NOK-Präsident Willi Daume überreicht hatte.
Der zweitplatzierte Russe Rein Aun gratuliert Willi Holdorf zur Goldmedaille, die NOK-Präsident Willi Daume überreicht hatte.
Willi Holdorf und der 20 Jahre ältere Fritz Walter bei der Sportplatzeinweihung der SG Ober-Erlenbach am 21. August 1965.
Willi Holdorf und der 20 Jahre ältere Fritz Walter bei der Sportplatzeinweihung der SG Ober-Erlenbach am 21. August 1965.
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