Fußball
Joshua Kimmich in der Nationalmannschaft: Fehlgedeutet
Joshua Kimmich lief, nein, Joshua Kimmich schritt über den Rasen des Nationalstadions in Warschau und erfüllte seine Pflicht. Als die Partie gegen Polen abgepfiffen war, lief der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft von Mitspieler zu Mitspieler. Kurz abklatschen, weiter zum nächsten Kollegen, abklatschen, und so weiter. Kimmich tat nach dem Spiel, was ein Kapitän tun muss, inklusive eines kurzen Gesprächs mit dem Schiedsrichter.
Der Mittelfeldspieler vom FC Bayern München nahm nach dem Schlusspfiff die ihm zugedachte Rolle ein. So weit, so gut. Weitaus kritischer wird Kimmich ohnehin gesehen, wenn das Spiel läuft. Es gibt massive Kritik, denn wenn der Ball rollt, sind längst nicht alle der Meinung, dass der Kapitän der Nationalmannschaft tut, was ein Kapitän tun muss.
Mit Kimmich fehlen die Erfolge
Seit Kimmich ein Teil der Nationalmannschaft ist, fehlen die Erfolge. Mit ihm hat sich der umjubelte Weltmeister von 2014 in ein höchst durchschnittliches Team verwandelt, das bei den zurückliegenden drei Turnieren enttäuschte. Ziemlich genau ein Jahr vor der Europameisterschaft im eigenen Land zeigen Kimmich und seine Kollegen alarmierende Leistungen. Im März gab es ein verdientes, aber uninspiriertes 2:0 gegen Peru, dem sich eine verdiente 2:3-Niederlage gegen Belgien anschloss. Knapp drei Monate später folgte auf ein erschreckendes 3:3 gegen die Ukraine nun ein 0:1 in Polen, das nicht so desolat wie weite Teile der Partie gegen die Ukraine war, aber dennoch die EM-Tauglichkeit der deutschen Auswahl in Frage stellt.
Joshua Kimmich will der Anführer dieser Gruppe von hochbegabten Fußballern sein, und deshalb wird er bei den anhaltenden sportlichen Rückschlägen besonders beäugt. „Wenn es nach euch geht, jagt ein Tiefpunkt den nächsten“, warf Kimmich den Journalisten in den Katakomben des Nationalstadions in Warschau entgegen – und erntete unausgesprochenen Zuspruch. Zuvor hatte er 79 Minuten lang versucht, die Niederlage abzuwenden. Eifer und Willen waren ihm nicht abzusprechen, das galt für die anderen jungen Männer im deutschen Trikot ebenfalls – aber Selbstverständnis und Überzeugung strahlte niemand aus, auch Kimmich nicht.
Mit der Führung des Teams überfordert
In Warschau wurde einmal mehr offensichtlich, dass der deutsche Spieler mit der Binde am Arm nicht verkörpern kann, was eine Mannschaft in einer schweren Phase benötigen würde. Kimmich war nicht in der Lage, Halt zu geben, weil er selbst keinen sicheren Stand hat. Er möchte ein Anführer und ein Stratege auf dem Feld sein, er möchte diese Rolle nicht erst nach dem Abpfiff ausfüllen. Aber Joshua Kimmich ist kein Anführer oder Stratege. Er vereinigt außergewöhnliche Fähigkeiten in sich, hat hervorragende Talente, aber Kimmich ist in seiner Funktion, die deutsche Mannschaft in der Mittelfeldzentrale zu führen, überfordert.
Hansi Flick hält trotzdem an seinem Plan fest, mit dem zentralen Mittelfeldspieler Kimmich in Richtung Europameisterschaft zu marschieren. Der Bundestrainer hat seit seiner Zeit als Trainer beim FC Bayern München eine enge Beziehung zu dem 28-Jährigen. Man schätzt und stützt sich gegenseitig. Als Kimmich in Warschau gefragt wurde, welche Rolle Flick an den negativen Ergebnissen habe, stellte sich der Spieler verbal vor seinen Chef. „Der Trainer trägt Verantwortung für die Taktik und die Herangehensweise, aber wir stehen auf dem Platz und müssen das mit Leben füllen“, sagte Kimmich.
Flick will helfen, hilft aber nicht
Der Bundestrainer hatte am Tag zuvor versucht, seinen Kapitän zu stützen. „Jo hat eine Mentalität, er will immer das Beste, er will immer siegen. Dafür tut er alles, in jedem Training, an jedem Tag“, befand Flick, und legte nach: „Diese Mentalität, die er hat, hat Kobe Bryant gehabt, die hat Michael Jordan gehabt. Einfach voranzugehen und zu sagen: Ich gebe alles, um das Beste aus mir herauszuholen.“ Flick wollte helfen, erreichte aber das Gegenteil. Der Vergleich mit zwei der größten Basketballern der Geschichte wirkte ungeschickt, es folgten hämische Kommentare. Letztlich hatte Flick den Ehrgeiz auf Erfolg mit der Fähigkeit verwechselt, auf dem Spielfeld in der Lage zu sein, Erfolg herbeizuführen. Es war eine Fehldeutung des Bundestrainers. Es wirkt mitunter, als sei die Rolle für Kimmich in der Nationalmannschaft ein Missverständnis. Als würde Flick die Fähigkeiten seines Kapitäns insgesamt fehldeuten
Bei der Lösung des Problems könnte ein Blick in die Vergangenheit helfen. Vor drei Jahren gewann der FC Bayern München unter dem Trainer Flick die Champions League und vollendete das Triple. Die Mannschaft spielte in der Königsklasse begeisternden Fußball – Flick und Kimmich überzeugten. Der Trainer mit der Art, die Mannschaft zu führen und Kimmich auf seiner Position auf dem Spielfeld – Kimmich wurde Champions-League-Gewinner als rechtes Glied in der Vierer-Abwehrreihe.