Sport
Interview mit Speerwerferin Christin Hussong: „Will nicht alles preisgeben“
Christin, was machst du am 7. August?
Ich hoffe, in Tokio im Finale zu stehen.
Manchmal ist ja die Qualifikation dorthin der schwierigere Wettkampf, oder?
Schwierig ist beides. Ich habe leider beides erlebt. Eben auch, dass es nach der Quali schon aus sein kann. Umso mehr strengt man sich da an. Sie ist nicht im Vorbeigehen zu schaffen.
In Doha warst du die Zweitbeste in der Qualifikation ...
... ja aber im Finale dann nicht.
WM-Vierte warst du. Mit einer starken Leistung. Hast du das eingeordnet?
Als Sportler will man immer aufs Treppchen, eine Hymne hören oder eine Medaille mitnehmen. Das war nicht so. Ich konnte mir damals und kann mir heute nichts vorwerfen. Ich hatte alles gegeben, über 65 Meter geworfen, auch im letzten Versuch noch mal alles probiert. Und meine Psychologin Tanja Damaske sagte gleich nach dem Wettkampf, es zeichnet die Besten aus, noch mal kontern zu können. Einen vierten Platz hat man ungern in der Vita stehen. Man merkt, dass man das in den kommenden Jahren nicht mehr erleben will.
Manche bekommen Jahre später die Medaille, weil ein gedopter Konkurrent nachträglich disqualifiziert wurde...
Ich hoffe, dass mir das niemals passieren wird. Den Moment, die Siegerehrung im Stadion zu erleben, kann dir niemand nachreichen.
Doha war, Tokio kommt. Bist du fit?
Ich habe Leistungen momentan, die habe ich zu vergleichbarer Zeit noch nie erbracht. Es läuft richtig gut. Nun muss im Sommer der Speer im richtigen Moment weit fliegen.
Welche Trainingslager stehen an?
Am 1. März geht’s für zwei Wochen nach Belek, nach Ostern dann elf Tage.
Der FCK war auch in Belek, seither hat er nicht mehr gewonnen.
Der war in einem anderen Hotel.
Warum Belek, welche Vorteile gibt’s?
Wir stehen im Hotel auf und gucken auf den Platz. Eine tolle Anlage. Das Essen ist überragend, auf die Sportler abgestimmt. Nudeln, Gemüse, Obst, Fisch, Fleisch, einfach alles.
Bist du eigentlich schon für Tokio qualifiziert?
Ich habe die 64 Meter geworfen, die vom internationalen Verband gefordert werden. Alle mit 64 sind nominiert, wenn’s nicht mehr als drei in einem Land sind. Es sieht also gut aus.
Es ist also eine entspanntere Vorbereitung als etwa 2016, als die deutsche Konkurrenz groß war. Da hieß es: Mach drei aus vier?
Es ist anders geworden. Ich werfe inzwischen weltweit gegen die Besten der Welt. An denen muss ich mich orientieren. Früher dachte ich, da steht eine Spotakova, die Weltrekordlerin, die ist nicht von dieser Welt. Jetzt weiß ich, es sind alles die gleichen Menschen. Jetzt bin ich froh, dass ich im Weltklassefeld dabei bin, das habe ich mir lange genug erkämpft. Seit dem EM-Titel 2018 komme ich überall gut rein, weil ich jetzt einen Namen habe.
Hat sich nach dem Titel etwas verändert in puncto Sponsoren?
Nicht viel. Ich muss ehrlich sagen, ich dachte, dass da mehr passiert.
Kennst du Tokio? Es soll sehr heiß werden.
Nein, ich war nicht da. Ich denke, Doha war eine gute Generalprobe. Aber es wird anders. Kein Fünf-Sterne-Hotel und so. Wir sind nur wenige Tage vor den Wettkämpfen im Olympischen Dorf, mit einer Riesenkantine für alle, die Zimmer haben nur Schrank und Bett aus Karton. Wir beziehen aber vorher ein Trainingslager in Japan.
Wo beginnt deine Sommersaison?
Ich weiß noch nicht, ob ich in Offenburg und Halle werfe oder in China. Da sind zwei Meetings angesetzt, aber aufgrund des Coronavirus sind die noch unsicher.
Hast du Angst vor dem Virus?
Nein. Ich habe mit der Zeit auch gelernt, dass ich mich nicht mit Sachen verrückt mache, die ich nicht beeinflussen kann.
Du hast gerade dein Studium beendet. Wie fühlst du dich? Vielleicht freier?
Im Olympiajahr ist es optimal, wenn ich keine Uni mehr einplanen muss. Aber so ein bisschen was für den Kopf tut andererseits ganz gut. Ich habe was in der Hand, wer weiß, wie schnell es mit dem Sport vorbei sein kann.
Nach Tokio kommt die EM in Paris. Ist sie ein Thema für dich?
Ich bin ja als Titelverteidigerin gesetzt. Den will ich auch verteidigen. Familie und Freundinnen, die nicht nach Tokio können, haben schon Karten und Hotel gebucht. Paris ist um die Ecke.
Thema Selbstvermarktung. Wie ernst nimmst du Instagram & Co?
Ehrlich, ich bin nicht der Typ dazu. Ich stelle mich nicht gerne vor die Kamera. Ich will nicht alles preisgeben. Ich habe eine Privatsphäre, die geht die große weite Welt nichts an.
Und wie sehr genießt du die Bühne, etwa bei Sportlerbällen?
Sie gehört dazu. Ich stehe nicht gern im Abendkleid auf dem Roten Teppich, zu mir passen eher Turnschuhe und Jeans. Die Bälle aber sind sehr schön, und ich könnte sie ohne meinen Sport nicht erleben.