Ringen RHEINPFALZ Plus Artikel Horst Lehr hat Geschichte geschrieben

 Freudenschrei: Der Ludwigshafener Horst Lehr jubelt nach dem Sieg über Abubakar Mutaliev aus Russland.
Freudenschrei: Der Ludwigshafener Horst Lehr jubelt nach dem Sieg über Abubakar Mutaliev aus Russland.

Das nennt man historisch. Horst Lehr vom ASV Ludwigshafen gewann als Dritter in der Klasse bis 57 Kilogramm die erste WM-Medaille im Freistil für den Deutschen Ringer-Bund seit 22 Jahren. Das motiviert für das große Ziel.

„Ich kann’s selbst noch nicht so richtig glauben. Ich schaue die Medaille an und kann es doch noch nicht richtig fassen“, gesteht Horst Lehr seine Verwunderung ein. Dabei ist die Situation, in der er sich gerade befindet, nicht neu. Im September 2018 bremste ein schwere Verletzung den heute 21-Jährigen aus. Im ersten Kampf der Junioren-Weltmeisterschaften im slowakischen Trvna hatte der Ludwigshafener einen Riss am hinteren Kreuzband im rechten Knie erlitten. Bei den Ringer-Europameisterschaften 2020 in Rom präsentierte er sich aber stärker denn je und gewann die Bronzemedaille – ebenfalls in der Klasse bis 57 Kilogramm. Auch vor den Weltmeisterschaften in Oslo hatte er mit erheblichen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen gehabt.

Genugtuung nach verlorenen Jahren

Die EM-Bronzemedaille hatte die Hoffnungen des damals 20-Jährigen auf eine Olympiateilnahme genährt, aber wegen der Corona-Pandemie wurden die Qualifikationsturniere erst einmal um ein Jahr verschoben. An ihnen teilnehmen konnte Horst Lehr allerdings nicht, denn im September 2020 erkrankte er am Pfeifferschen Drüsenfieber. Wieder ein verlorenes Jahr. „Bis vor drei Monaten durfte ich gar nicht groß trainieren und war erst vier Wochen vor der WM wieder so richtig im Training“, schildert Lehr. Das waren also nicht die besten Voraussetzungen, um bei einer Weltmeisterschaft um die Medaillen kämpfen zu können.

Erwartungen waren niedrig

Entsprechend niedrig waren auch die Erwartungen. „Mein Bundestrainer Jürgen Scheibe sagte mir, ,komm, es ist der erste Wettkampf nach einem Jahr. Wir versuchen’s und schauen, was dabei herauskommt. Hauptsache, dass du wieder Wettkampferfahrung bekommst’“, schilderte Horst Lehr. Ins Turnier startete im Achtelfinale mit einem 2:0-Punktsieg gegen den Ukrainer Roman Hutsuliak. „Ich habe komplett frei aufgerungen, und das beste draus gemacht. Ich sagte mir, geh’ ohne Erwartungen rein, seh’ das als ein ganz normales Turnier und auf einmal habe ich gemerkt, hey, es geht“, blendet er zurück. Im Viertelfinale war Afgan Khasalov aus Aserbaidschan der Gegner des Ludwigshafeners, der sich dieses Mal noch deutlicher durchsetzte. 4:1 lautete der Endstand. Nun war sein Ehrgeiz geweckt.

Kühlen Kopf bewahrt

Im Halbfinale erlitten seine aufkeimenden Hoffnungen aber erst einmal ein Dämpfer. Im Duell mit dem Bronzemedaillengewinner bei den Olympischen Spielen in Tokio, dem US-Amerikaner Thomas Gilman, lag Lehr im ersten Durchgang sogar vorn, verlor nach einen spektakulären Duell allerdings 5:15. „Da hat sich das fehlende Training dann doch bemerkbar gemacht. Aber die Bronzemedaille wollte ich natürlich haben“, erklärte Lehr. Und es sah in seinem Bronzekampf auch gut für ihn aus, denn nach einem Beinangriff führte er gegen den favorisierten Russen Abubakar Mutaliev mit 2:0. „Da dachte ich, den hol’ ich mir. Wichtig war, dass ich im Lauf des Kampfes einen kühlen Kopf bewahrt habe“, erzählte Horst Lehr, der zu Beginn des zweiten Durchgangs erst einmal ins Hintertreffen geriet, als sein Gegner zum 2:2 ausglich und damit wegen der zuletzt erzielten Wertung führte.

Stark, wie Lehr danach den Versuch einer Beinschraube abwehrte. In der fünften Minute startete er einen Beinangriff, Mutaliev versuchte zu kontern, aber Lehr hielt Stand und brachte seinen Angriff durch: 4:2-Führung. Wenig später war es Lehr, der einen Konter startete, und zwar mit Erfolg: 6:2. Dem Russen gelang nur noch die Wertung zum 4:6, mehr ließ Lehr nicht mehr zu. Das war bärenstark.

Paris im Blick

Jetzt sind die Olympischen Spiele 2024 in Paris das große Ziel. „Ich hoffe, dass gesundheitlich nichts dazwischenkommt und ich dort eine Medaille gewinne“, sagt Horst Lehr, der der Sportförderkompanie in Bruchsal angehört und am Olympiastützpunkt Metropolregion Rhein-Neckar in Heidelberg von Jürgen Scheibe und Behcet Selimoglu trainiert wird.

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