Sport RHEINPFALZ Plus Artikel Gewalt im Amateurfußball: Alarmstufe Rot

Schiedsrichter sind besonders häufig Anfeindungen ausgesetzt.
Schiedsrichter sind besonders häufig Anfeindungen ausgesetzt. Foto: imago

Die Angriffe hören nicht auf: Beim Verbandspokalspiel im nordpfälzischen Rüssingen diese Woche schlug ein Spieler dem Linienrichter die Faust ins Gesicht. Kein Einzelfall. Immer häufiger sind Schiedsrichter Opfer von verbalen und körperlichen Attacken. Der DFB erklärt das Problem zur Chefsache. Hilft das? Eine traurige Bestandsaufnahme aus Fußball-Deutschland.

Von Anja Kunz

Köln: Die Situation in der Kreisliga D eskaliert nach dem Abpfiff. Die Partie zwischen Blau-Weiß Köln V und Germania Ossendorf I ist gerade vorbei, als ein paar Ossendorfer Spieler den Schiedsrichter wüst beschimpfen und mit dem Ball bewerfen. Der Referee zeigt zwei Akteuren die Rote Karte und löst damit erst recht Tumulte aus: Mehrere Spieler jagen den Unparteiischen über den Platz, versuchen ihn mit Tritten zu Fall zu bringen. Er erleidet eine offene Wunde am Bein und ein Hämatom am Kopf; eine geworfene Glasflasche verfehlt ihn knapp. Die Folgen des Angriffs: Ohren- und Kopfschmerzen; fünf Tage lang kann er nicht arbeiten. Nun hat der Mann Angst. Er wirke „traumatisiert, mental schwer getroffen“, urteilt der zuständige Kreis-schiedsrichterausschuss nach einer Anhörung. Ossendorfer Spieler hätten auf dem Platz mit Sätzen wie „Ich finde deine Adresse im Internet“ gedroht. Der Referee will das Haus nicht mehr verlassen.

Was Anfang November im Kölner Westen passierte, ist nur einer von zig Vorfällen im Herbst 2019: Auf deutschen Fußballplätzen, so scheint es, ist Gewalt gegen Schiedsrichter an der Tagesordnung. Dabei geht es nicht mehr nur um Pöbeleien, sondern um Prügeleien. Fast wöchentlich gibt es Meldungen über gefährliche Körperverletzung gegen Unparteiische. Und das vor allem in den unteren Ligen, dort, wo Freizeitkicker auf dem Platz stehen, Kinder und Eltern an der Seitenlinie zuschauen. Dort, wo sich die (Dorf-)Gemeinschaft trifft, wo man sich kennt – und wo es eigentlich um den Spaß am Spiel gehen sollte. Und nicht um Faustschläge und tätliche Angriffe bis zur Bewusstlosigkeit des Opfers.

Funktionäre, Politiker und Soziologen verweisen gern auf den hohen gesellschaftlichen Wert des Sports. Und darauf, dass der Fußball wie ein Brennglas die Probleme widerspiegelt. Stimmt zwar. Es ist trotzdem ein hilfloses Argument. „Im Handball oder Rugby zum Beispiel funktioniert es, dass Spieler, Trainer und Betreuer die Entscheidungen der Schiedsrichter klaglos hinnehmen“, sagt Gunter Gebauer, 75, Philosoph und Sportwissenschaftler. Wenn der Schiedsrichter im Handball pfeift, muss der Ball sofort auf den Boden gelegt werden und der Spieler sich entfernen. Gegrummelt wird zwar trotzdem, aber weitaus weniger. Rudelbildung, Rempeleien und Raufereien sieht man da selten. Im Fußball ständig.

Schlechtes Vorbild Bundesliga

Die Bundesliga ist diesbezüglich ein schlechtes Vorbild, da bleibt der Fairness-Gedanke wohl allzu oft in der Kabine. In der höchsten deutschen Spielklasse schreien sogar Trainer die Schiedsrichter an, manche Profis fallen auf dem Platz nur durch permanentes Meckern, Protestieren und Schubsen auf oder mit Schwalben. Oder beim gestenreichen Fordern von Gelben Karten für den Gegner. Zu sehen ist das alles in den Stadien, im Fernsehen und im Internet.

„Auch die Trainer müssen sich ein Stück zurücknehmen“, fordert der bekannte Sportsoziologe Gunter A. Pilz aus Hannover. Es könne nicht sein, dass Jürgen Klopp „90 Minuten lang an der Seitenlinie hin- und herrennt und glaubt, jede Schiedsrichter-Entscheidung kommentieren zu müssen“. Solch ein schlechtes Vorbildverhalten habe eine negative Wirkung auf Spieler und Zuschauer. Die bekommen ja suggeriert, „es gehöre zum guten Ton, grenzenlos den Schiedsrichter anzupöbeln“. Bei aller Emotionalität, die der Fußball bietet: Die, die in der Öffentlichkeit stehen, haben auch eine Verantwortung.

„Kriegsähnliche Zustände“

Dass der Respekt gegenüber dem Amt des Schiedsrichters gesunken ist, beklagt auch Ex-Bundesliga-Referee Thorsten Kinhöfer, 51. „Wir haben eine unfassbare Aggression auf dem Platz. Bei jeder Hand-Entscheidung rennen sieben oder acht Spieler auf den Schiri zu, schreien auf ihn ein“, beobachtet er und überspitzt die aktuelle Situation in der „Bild“-Zeitung mit dem Satz: „Das sind mittlerweile kriegsähnliche Zustände.“

Der Fußball hat ein tiefgehendes Disziplinproblem.

Rumpenheim, Hessen: Der Schiedsrichter gibt einen Elfmeter für die SKG Rumpenheim. Daraufhin wird er von Spielern des Gegners Sparta Bürgel II beleidigt und bespuckt. Der Referee zückt die Rote Karte und sofort kommt es auf dem Platz zur Rudelbildung. Nach einem weiteren Platzverweis wird der Schiedsrichter von einem Trainer und mehreren Ersatzspielern attackiert. Als er in die Kabine flüchten will, wird er durch einen Kopfstoß verletzt und mit einem Regenschirm (von der Tribüne) geschlagen. Der Tag ist „der Tiefpunkt“ in seinem Schiedsrichter-Dasein. Er liebe Fußball, deshalb sei er, als er selbst nicht mehr spielen konnte, Referee geworden. Nun fragt er sich, warum er sich die Gewalt antue. „Es hätte ja leicht noch viel Schlimmeres passieren können. Auf dem Platz wird man alleingelassen.“

Auch beim größten Sportverband der Welt, dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), ist das Gewaltproblem angekommen und plötzlich Chefsache. Kürzlich verschickte er einen Brief mit tröstenden Worten: „Wir sind bestürzt, fassungslos, betroffen“, und mit blumigen Versprechen: „Wir lassen Sie nicht allein!“ Der neue Präsident Fritz Keller appellierte an die staatlichen Institutionen, „gegen die zunehmende Gewalt mit aller Schärfe vorzugehen“. Polizei, Justiz, Politik seien gefragt. Ein Fußballplatz ist kein rechtsfreier Raum. Tätlichkeiten, Körperverletzung oder Beleidigungen sind Straftaten. Sie müssen angezeigt und geahndet werden.

Es ist also nicht so, dass der DFB nichts gegen die zunehmende Gewalt tut – aber offensichtlich zu wenig. Der Verband wirbt mit Aktionen wie „Danke Schiri!“ Für den Nachwuchs wurden massenhaft grüne Kärtchen gedruckt, die sie vor dem Anpfiff zeigen können. „Fair bleiben, liebe Eltern“ steht da zum Beispiel drauf. Und auf der Rückseite Sprüche wie „Danken statt Zanken“, „Loben statt Toben“, „Vorbild statt fuchsteufelswild“.

Der DFB ist eine Institution in der Fußballrepublik Deutschland. Und als solche besitzt er eine gesellschaftliche Verantwortung. Es ist seine Pflicht, Werte zu vermitteln, Vorbilder zu stellen, Solidarität und respektvolles Verhalten zu propagieren.

Heidersdorf, Erzgebirge. Kurz nach der Halbzeitpause in der Kreisliga-Partie zwischen SV Heidersdorf und SV Germania Gornau verliert ein Germania-Spieler die Beherrschung. Er ist mit einer Gelben Karte gegen ihn nicht einverstanden, legt sich auf den Rasen und schreit – um sich so über einen Gegenspieler lustig zu machen. Für das hämische Schauspiel zeigt der Schiedsrichter Gelb-Rot. Das bringt den Spieler erst recht auf die Palme. Er steht auf, würgt den Referee und zerrt ihn zu Boden. Die Partie wird abgebrochen.

Liest und sieht man das, dann fragt man sich: Wer tut sich das noch an? Thaya Vester, Wissenschaftlerin der Uni Tübingen, forscht seit Jahren über Gewalt an Schiedsrichtern im deutschen Amateurfußball und hat ihre Doktorarbeit über das Thema geschrieben. Sie sagt, dass es ein Nachwuchsproblem im Schiedsrichterwesen gibt und dass Gewalt dabei „eine Ursache von mehreren ist“. Fehlender Respekt, berufliche und private Gründe seien weitere. Statistiken zeigen zwar, dass die Zahl der Schiedsrichter-Anwärter in den meisten Landesverbänden seit Jahren stabil ist, jedoch würden viele junge Referees schnell wieder aufhören. Bleibt das so, kriegen die Verbände ein Problem, weil sie Spiele nicht mehr besetzen können. Im Saarland und in Berlin streikten die Schiedsrichter zuletzt, um ein Zeichen gegen die Verrohung der Sitten zu setzen.

Bei ihren Untersuchungen hat Thaya Vester aber auch festgestellt, dass, „die erlebten Gewaltvorkommnisse relativ gleich geblieben sind. Während 2011/2012 noch 39,3 Prozent der Referees angaben, manchmal beleidigt worden zu sein, waren es 2016/2017 nur 0,5 Prozent mehr. “ Für einige Regionen allerdings gibt es eine Zunahme von Gewalt, in Städten mehr als auf dem Land.

Essen: Zehn Spieler des Kreisligisten BV Altenessen II jagen den Schiedsrichter, der ihrem eigenen Klub angehört, über den Platz und verfolgen ihn bis in die Kabine. Sie attackierten ihn mehrfach, er verletzt sich am Knie und verliert einen Zahn. Das Sportgericht sperrt fast die komplette Mannschaft für ein Jahr, zwei Akteure, die in die Kabine eingedrungen waren gar für zwei Jahre. Der Trainer muss sechs Monate pausieren, weil er den Referee angefasst haben soll. Der Verein hat die Mannschaft vom Spielbetrieb abgemeldet.

Ist das die Lösung? Eine ganze Mannschaft in Sippenhaft zu nehmen, weil Einzelne austicken? Gunter A. Pilz hält das nicht für zielführend, sondern kontraproduktiv. „Beim Täter wird sich damit im Kopf nichts ändern und der Rest des Teams ist stinksauer.“ Viel effektiver wären Strafen, die das eigene Verhalten reflektieren. Zum Beispiel Anti-Aggressions-Kurse oder Schiedsrichter-Lehrgänge für Spieler, um sie für das Amt zu sensibilisieren. Pilz sieht das Problem in fehlenden Sozialarbeitern bei Vereinen. Wenn in Schulen etwas passiert, dann rufen die Pädagogen sofort nach Schulsozialarbeitern – und kriegen sie auch. Wenn der Sportverein ein Problem hat, heißt es, er solle es selbst lösen. Tut er das nicht, steht er am Pranger udn muss sich anhören, seine Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. In Sportvereinen gibt es viel zu selten qualifizierte Sozialarbeiter. Dabei ist gerade da der Bedarf groß – denn Vereine sind offen für alle Menschen. Mit ihnen kommen aber auch theoretisch und praktisch alle Arten von Problemen.

Münster, Südhessen: Bundesweit für Aufsehen sorgte im Oktober die brutale Attacke auf einen 22-jährigen Schiedsrichter in der C-Liga. In der Partie des FSV Münster gegen TV Semd hatte der Unparteiische einem Münsterer Spieler die Gelb-Rote Karte gezeigt und war von diesem anschließend bewusstlos geschlagen worden. Ein Rettungshubschrauber musste ihn ins Krankenhaus fliegen. Der Täter wurde am Donnerstag dieser Woche zu einer dreijährigen Sperre verurteilt. Zudem wurde der Verein mit einer sechsmonatigen Spielsperre und einer Geldstrafe in Höhe von 500 Euro belegt. Er hat die Mannschaft vom Spielbetrieb abgemeldet, den Täter aus dem Verein ausgeschlossen und ihm ein lebenslanges Hausverbot erteilt.

Yahya S. (links im Bild) vom TuS Rüssingen, der beim Verbandspokalspiel gegen Alemannia Waldalgesheim am Mittwochabend einem Lin
Yahya S. (links im Bild) vom TuS Rüssingen, der beim Verbandspokalspiel gegen Alemannia Waldalgesheim am Mittwochabend einem Linienrichter ins Gesicht geschlagen hatte, bedauert seine Tat. »Ich möchte den Linienrichter um Entschuldigung bitten. Natürlich war es ein Fehler, ich weiß nicht, was ich da gemacht habe. Ich möchte mich bei allen Menschen dafür entschuldigen, es tut mir sehr leid.« Foto: Stepan
x