Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Frauen-Bundestrainer Markus Gaugisch hat ein gutes Gefühl

Markus Gaugisch während des Länderspiels gegen Frankreich im vergangenen September
Markus Gaugisch während des Länderspiels gegen Frankreich im vergangenen September

Mit zwei Länderspielen beginnt die Saison für die deutsche Handball-Frauen-Auswahl. Bundestrainer Markus Gaugisch freut sich über seine ersten Partien in der Heimat. Wie er die vergangene EM bewertet und warum Frankreich noch einen Schritt voraus ist, erklärte er Udo Schöpfer.

Herr Gaugisch, Sie sind seit knapp einem Jahr Bundestrainer der Frauen. Wie sieht Ihre erste Bilanz aus?
Es ging sofort von 0 auf 100! Es war wichtig, dass im April gleich ein Lehrgang mit Spielen gegen die Niederlande und Griechenland stattgefunden hat, denn so gab es ein erstes Kennenlernen. Ab dem Sommer ging der Blick Richtung Europameisterschaft, ich war sehr zufrieden, wie gearbeitet wurde. Ich hatte immer das Gefühl, dass alle Beteiligten in die gleiche Richtung wollen und wir eine Spielidee, eine Mannschaftsidee entwickeln. Das ist das Wichtigste, dass die Grundlage der Arbeit eine gute ist.

Und die EM mit Platz sieben?
Es gab Höhen und Tiefen. Langfristig gedacht hatte und habe ich ein gutes Gefühl, was die Entwicklung des Teams betrifft.

Sie haben es angesprochen: Bei der EM gab es klare Siege, aber auch klare Niederlagen. Der Sprung ins Halbfinale wurde verpasst.
Wir haben eine sehr gute Zwischenrunde gespielt. Wir haben die Niederlande deutlich geschlagen. Gegen Frankreich haben wir verloren, Frankreich ist eben einen Schritt weiter als wir. Und wir haben Rumänien geschlagen. Da haben wir also zwei von drei Spielen gewonnen.

Und in der Vorrunde?
Da war das Spiel gegen Polen knapp, aber auch ein Zeichen, dass wir mit Druck umgehen können. Wir lagen hinten und haben dennoch die Ruhe bewahrt. Wir haben das Spiel noch gedreht. In Montenegro gegen die Gastgeberinnen zu spielen, bei der Kulisse, das war schon ein Wahnsinnserlebnis. Das war etwas, was die meisten Spielerinnen in der Art und Weise nicht kannten. Auch da haben wir vieles richtig gemacht, aber leider nicht das richtige Ergebnis erzielt. Und gegen Spanien sind wir an der spanischen Spielweise gescheitert. Wir haben die Lösungen im freien Spiel nicht gefunden.

Sie haben es gesagt: Frankreich ist einen Schritt voraus. Warum ist das so? Was machen Frankreich oder Norwegen oder Dänemark besser?
Wenn man sich den Kader der Französinnen anschaut, dann fällt auf: Die Spielerinnen sind alle Leistungsträgerinnen in europäischen Top-Acht-Teams. Sie spielen in Champions-League-Teams. Und das schon länger und das auch regelmäßig bis zum Ende des Wettbewerbs. Sie sind nicht nur dabei, sie tragen auch Verantwortung. Sie haben deutlich mehr Erfahrung auf diesem Level. Sie sind uns individuell einen Schritt voraus, was ihre Flexibilität und ihre Athletik angeht. Wir hatten aktuell die Bietigheimer Spielerinnen, die in dieser Saison in der Champions League unterwegs waren, dazu Emily Bölk sowie Alicia Stolle, die jedoch eine Verletzungshistorie hinter sich hatte. Ansonsten fehlt uns dieser Input noch. Ich bin mir sicher, dass wir das noch hinbekommen, auch wenn wir mit Bietigheim in der Vorrunde nun ausgeschieden sind. Der Thüringer HC und Borussia Dortmund sind in der European League gut unterwegs. Ziel ist es, auf dem internationalen Niveau mehr Erfahrungen zu sammeln, sodass dieser Spielerinnen-Pool bei uns größer wird.

Markus Gaugisch feuert seine Spielerinnen an.
Markus Gaugisch feuert seine Spielerinnen an.

Deutschland hatte einen Nationaltrainer aus Dänemark, einen aus den Niederlanden, den erfahrenen Michael Biegler – sie alle kamen nicht weiter. War das dann auch der Grund?
Die Hauptaufgabe wird sein, Spielerinnen von der Jugend an gut ausbilden. Das muss in einer gemeinsamen Arbeit zwischen Vereinen, Landesverbänden und dem DHB stattfinden. Es ist wichtig, dass eine Idee verfolgt wird, wie Spielerinnen aufwachsen sollen. Sie müssen mitbekommen, wie man flexibel Handball spielt. Und das in der Offensive und der Defensive. Daran müssen wir ansetzen.

Und das verstehen auch alle?
Das hoffe ich. Das ist auf jeden Fall mein Anliegen, das vorzuleben. Ich will in den Austausch gehen. Es ist immer ein gemeinsamer Prozess, der da stattfinden muss. Die Mädels haben nicht die Bedingungen, die die Jungs in diesem Alter haben. Das darf nicht so bleiben.

Was haben Sie mit ihrer Mannschaft in den beiden Testspielen gegen Ungarn und Polen vor?
Es sind meine ersten Länderspiele in Deutschland und das gleich in der Heimat. Ich freue mich sehr darauf! Wir haben wie die Männer nahbare und gute Persönlichkeiten im Team. Wir hatten im vergangenen Jahr nicht allzu viele Trainingseinheiten. Wir haben die Abwehr weiterentwickelt. Ein weiterer Schritt war dann: Wie soll unser Angriffsspiel aussehen. Die Vorgabe: Erstmal einfach spielen, nicht zu viele komplexe Handlungen vornehmen. Für den jetzigen Lehrgang und im April geht es darum, die Abwehr zu stabilisieren, neue Spielerinnen einzubauen. Wir wollen das, was wir können, festigen.

Der jetzige Kader, könnte das der Kader sein, mit dem sie in die WM gehen?
Es ist noch lang bis Ende des Jahres. Wir haben einen Stamm, wir müssen schauen. Es gab einige junge Spielerinnen, die sich gut gezeigt haben. Annika Lott zum Beispiel, sie war in Buxtehude schon stark. Sie ist beim Thüringer HC noch besser geworden.

Jedes gute Turnier hilft auf dem Weg zur Heim-WM 2025. Richtig?
Ja klar! Jedes gute Spiel hilft. Im weiblichen Bereich sind wir noch in einer Nische unterwegs, die Präsenz in der Öffentlichkeit ist noch nicht so groß. Das gilt auch für den Besuch der meisten Bundesligaspiele. Es bleiben leider noch zu wenige hängen.

Wobei: Die Dortmunderinnen hatten im Europapokal gerade 11.000 Zuschauer.
Ja, das war Wahnsinn. Unglaublich, das sieht man, was möglich ist. In der Champions League hatten wir in Bietigheim auch zwischen 1500 und 2000 Zuschauer. Ich glaube, das Potenzial ist da, man muss das Gesamtprodukt voranbringen.

Sonntag: Test in Heidelberg

Im April 2022 übernahm Markus Gaugisch die deutsche Frauen-Auswahl. Der heute 48-Jährige ist noch bis Sommer auch Trainer des Frauen Bundesligisten SG BBM Bietigheim. Der frühere Bundesliga-Spieler trifft mit seinen Frauen am Freitag bei einem Dreiländerturnier in Ludwigsburg auf Ungarn und am kommenden Sonntag um 15 Uhr im SNP Dome in Heidelberg auf Polen. Über 2000 Karten sind für das Spiel in Heidelberg schon verkauft.

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