Fussball
Fragil und aggressiv zugleich: Die einst beste Torhüterin der Welt steckt in Schweirigkeiten
Es war ruhig geworden um Hope Solo. Sehr ruhig. Vor knapp zwei Jahren war die ehemalige Torhüterin der US-Fußball-Nationalmannschaft zuletzt in den Schlagzeilen gewesen, damals, als sie am 4. März 2020 ihre Zwillinge Vittorio Genghis und Lozen Orianna Judith zur Welt gebracht hatte. Das Familienglück schien komplett, nachdem Solo und Ehemann Jerramy Stevens im Februar 2018 noch das so ziemlich Schlimmste durchmachen mussten, was Eltern wohl nur durchmachen können. Solo war schwanger, ebenfalls mit Zwillingen, hatte aber eine Fehlgeburt.
Vor wenigen Tagen nun tauchte ihr Name wieder in den Medien auf. Wieder im Zusammenhang mit ihren Zwillingen. Doch es waren verstörende Neuigkeiten, die da öffentlich wurden. Nach Angaben der Polizei war Solo auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums in Winston-Salem (North Carolina) verhaftet und wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss, Widerstandes bei der Verhaftung sowie geringfügige Kindesmisshandlung angeklagt worden.
Alles nicht so schlimm?
Ein Passant hatte beobachtet, wie Solo bei laufendem Motor mehr als eine Stunde lang im Auto geschlafen hatte, während die Kinder auf dem Rücksitz saßen. Ein herbeigerufener Polizist hatte Alkohol gerochen. Da sich Solo geweigert hatte, vor Ort den Aufforderungen des Beamten Folge zu leisten, wurde sie in eine Haftanstalt gebracht. Ihr Anwalt, Rich Nichols, bemühte sich umgehend, die Sache zu relativieren. Solo sei sofort wieder aus dem Gefängnis entlassen worden, zurück bei ihrer Familie, betonte er. Und sie wolle unbedingt klarstellen, dass ihre Kinder das Wichtigste für sie seien, teilte Nichols mit. Kurzum: alles nicht so schlimm, wie berichtet.
Schlimm ist jedoch, dass dies nicht der erste Vorfall ist, bei dem Hope Solo Ärger mit der Polizei hatte. Schlimm ist auch, dass derartige Meldungen über die einst beste Fußballtorhüterin der Welt nicht mehr überraschen. Denn diese Hope Amelia Solo ist eine Frau, die in zwei Welten lebt. Paraden hier, Probleme dort.
Eine Macht zwischen den Pfosten
Im Tor war sie eine stete Konstante, zuverlässig. In 102 ihrer 220 Länderspiele hielt Solo ihr Gehäuse sauber – das ist internationaler Rekord. Solo sei „mehr als ein Jahrzehnt lang eine dominierende Macht zwischen den Pfosten“ gewesen, schrieb die „New York Times“ kürzlich. Die erfolgreiche US-Nationalmannschaft, das waren viele Jahre vor allem vier Leistungsträgerinnen: Abby Wambach und Alex Morgan im Sturm, Megan Rapinoe im Mittelfeld, Hope Solo im Tor. 2008 und 2012 gewann sie Olympiagold. Bei den Weltmeisterschaften 2011 und 2015 wurde sie als „beste Torhüterin“ geehrt. Und sie war auch dabei, als die Amerikanerinnen nach 16 langen Jahren 2015 wieder den WM-Titel holten. Den 5:2-Finalsieg gegen Titelverteidiger Japan verfolgten daheim 25,4 Millionen Menschen. So viele hatten nie zuvor in den USA ein Fußballspiel gesehen – bei Frauen und Männern. Und diese Bestmarke ist knapp sieben Jahre später immer noch unerreicht.
Wenn das Licht am hellsten war, die Bühne am bedeutendsten und das Spiel am wichtigsten – dann war auf Solo Verlass. Doch die Frau mit dem dunklen Pferdeschwanz war weitaus mehr als nur jemand, die herausragend gut Schüsse abwehren und Chancen zunichtemachen konnte. Solos Bekanntheitsgrad reichte weit über die Seitenauslinie hinaus. Sie saß bei bekannten Talkmastern im Studio, tanzte bei „Dancing with the Stars“, füllte die Titelseiten von „Sports Illustrated“, „Newsweek“ oder „Vogue“ und zog sich für „The Body Issue“ von „ESPN The Magazine“ sogar aus.
2014 beleidigte sie Polizeibeamte
Allerdings überstrahlte all dies die andere Seite der Hope Solo. So cool sie im Tor war, so fragil wirkte sie im Privatleben, hatte oft Probleme, geriet in Schwierigkeiten, verlor die Beherrschung. Ihr Leben abseits des Spielfeldes war für sie schon oft eine größere Herausforderung als ein Elfmeter.
Im Sommer 2014 wurde die Torhüterin wegen häuslicher Gewalt in zwei Fällen verhaftet. Stark alkoholisiert hatte sich Solo körperliche Auseinandersetzungen mit ihrer Halbschwester und ihrem Neffen geliefert. Als die Polizei ihr Handschellen anlegen wollte, wehrte sie sich heftig und beleidigte einen Beamten mit den Worten: „Du hast doch Schiss vor mir, weil du genau weißt, dass ich dir ohne die Handschellen den Arsch versohlen würde.“ Zudem prahlte sie damit, dass ihre Halskette mehr wert sei, als das Jahresgehalt der Polizisten. Da wichtige Zeugen sich weigerten, auszusagen, wurde der Fall eingestellt.
„Haufen voller Feiglinge“
Im Januar 2015 wurde ihr Ehemann nachts um 1.30 Uhr angetrunken in Kalifornien am Steuer eines Kleinbusses des US-Fußball-Verbandes erwischt. Solo saß mit im Fahrzeug und war, laut Polizeiaussage, bei der Verhaftung ihres Gatten „aggressiv.“ Der US-Verband sperrte sie daraufhin für 30 Tage. Es sei mittlerweile „nicht aus der Luft gegriffen“, hieß es damals in der „New York Times“, anzunehmen, dass der „Verband und vielleicht sogar die Mitspielerinnen mit dem Menschen Hope Solo nicht mehr klarkommen und nur noch auf die Torhüterin setzen“.
Doch die Zweckgemeinschaft hielt nur noch ein Jahr. Als die USA 2016 im Olympischen Viertelfinale von Rio 3:4 nach Elfmeterschießen gegen Schweden verloren, beleidigte Solo die Skandinavierinnen aufgrund ihrer defensiven Spielweise als „Haufen voller Feiglinge“. US Soccer hatte endgültig genug und beendete das Nationalmannschaftskapitel von Solo.
Die Achterbahnfahrt geht weiter
Ihre Geschichte von Aufstieg und Fall reiht sich in eine Liste von Athletinnen und Athleten ein, die Ähnliches erlebten: Schwimm-Superstar Michael Phelps wurde zweimal alkoholisiert am Steuer erwischt und unter anderem zu 18 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Jennifer Capriati, die im Alter von 16 Jahren Steffi Graf im Olympischen Tennis-Finale von Barcelona besiegte, hatte Drogen-Probleme. Und Tonya Harding gilt bis heute als „Eishexe“. Die WM-Zweite im Eiskunstlaufen von 1991 hatte vehement bestritten, etwas vom Attentat auf ihre Kontrahentin, Nancy Kerrigan, im Vorfeld der US-Meisterschaften 1994, gewusst zu haben, legte dann aber ein Schuldgeständnis ab. Der nationale Eiskunstlaufverband sperrte sie auf Lebenszeit. Harding fiel tief, versuchte sich als Boxerin, Sängerin, Autohändlerin – und scheiterte überall.
Hope Solo muss sich am 28. Juni vor Gericht verantworten. Zuvor steht sie noch wegen ihrer sportlichen Verdienste im Rampenlicht. Am 21. Mai wird sie in die „Hall of Fame“ des US-Fußballs aufgenommen. Ihre Achterbahnfahrt geht weiter.