Hintergrund
FCK-Spieler lernten in Ruppertsberg das Schießen
Es begab sich aber zu der Zeit, man schrieb das Jahr 1966, da hatten Schützenbrüder oberhalb von Ruppertsberg, am Waldesrand, direkt unter einem großen Felsen, eine Schnapsidee. Sie zielten in ihrem Schießstand auf rohe Eier und wollten partout das unsichtbare Eigelb durch die Schale treffen. Es dauerte nur wenige Jahre, da kamen immer mehr Leute vorbei, sprachlos wie neugierig zugleich, und wollten das Spektakel miterleben. Wollten sehen, was denn nun mit dem Rührei geschieht.
April, April! So war das natürlich nicht. Aber alle Welt stellte es sich so vor. Die Menschen, die hernach in der Karwoche eines jeden Jahres in Ruppertsberg einfielen, mussten sich eines Besseren belehren lassen: Es wurde mit den Luftdruck-Sportgewehren nicht auf Eier, sondern auf Zielscheiben geschossen und für Treffer ins Schwarze gab es ein hartgekochtes, buntes Ei als Preis. Oder zwei. Oder drei.
Und das Ostereierschießen war geboren – 1967. Juchhe.
Wie ein Felsbrocken das Spektakel stoppte
Nun wird in Ruppertsberg seit 2013 nicht mehr um Ostereier geschossen, weil besagter Felsbrocken herabstürzte und den Schießstand bedrohte. Und 2020, in dem Jahr, in dem alles so gut wie still steht, nun ja, da gibt es überhaupt kein Ostereierschießen mehr. Weder in der Pfalz noch in Deutschland. Jeder weiß, warum.
„Losst doch die Leit mitschieße“
Kein anderer als der Ur-Ruppertsberger Schützenbruder Raymund Rössler (91) weiß die Geschichten von anno dunnemals besser zu erzählen. Es waren Manfred Hüther (1929 -1986), der allzu früh gestorbene Chefreporter der RHEINPFALZ, und die in Königsbach wohnende Sopranistin Erika Köth (1925 - 1989), die die Schnapsidee auf den großen weiten und erfolgreichen Weg ins Land brachten. Hüther sagte: „Lasst es uns doch Ostereierschießen nennen“ und Köth plädierte für „Losst doch die Leit mitschieße“. Es dauerte vielleicht zehn Jahre, bis rundherum immer mehr Vereine zum Ostereierschießen einluden. In Ruppertsberg gleich an zwei Wochenenden, am Palmsonntag und eben an Ostern.
RHEINPFALZ-Chefreporter Ideengeber
Der pfiffige Raymund Rössler, Chronist von Ruppertsberg und RHEINPFALZ-Mitarbeiter seit eh und je, wusste natürlich, wie sich eine Ei-Idee am besten vermarkten ließ: mit Sportlern und mit Journalisten. So gab es zum Auftakt einer jeden Kampagne das berühmte Presse- und Prominentenschießen. Auf den Tisch kamen in der fleischlosen Karwoche „Gequellte und weißer Käs“, einmal sogar machte der Journalistenverband Pfalz auf Manfred Hüthers Anregung eine Reise nach Rom.
Alle pfälzischen Spitzensportler, die meisten in der „Pälzer Ausles’“ organisiert, waren gerngesehene Gäste, natürlich auch die Fußballer des 1. FC Kaiserslautern oder die Fußballerinnen des TuS Niederkirchen. Gekrönt wurde der inoffizielle Eierschützenkönig. Geselligkeit war Trumpf!
Natürlich hatte der 1. FCK schon öfter eine sportlich kritische Zeit zu überstehen, und so ist überliefert, dass einst Udo Sopp, der damalige FCK-Präsident, für jeden Mittwoch in Ruppertsberg ein Sondertraining anberaumen ließ, damit die Jungs das Schießen lernen. Naja, er hatte die Idee, aus der dann doch nichts wurde.
„Eier, wir brauchen Eier“ als Hilferuf?
Ob Oliver Kahn, im nahen Karlsruhe geboren, jemals in Ruppertsberg weilte, ist nicht gesichert. Umgekehrt ist aber auch nicht überliefert, ob die Ruppertsberger seinen berühmten Spruch „Eier, wir brauchen Eier“ als Hilferuf gebrauchten, um dem Ansturm der Hobbyschützen gerecht zu werden.
Eher nicht. Die Ostereierschießen in Ruppertsberg und der Pfalz waren längst zu Selbstläufern geworden, nachgeahmt von vielen Schützenvereinen bundesweit. Das zweimillionste Ei ging 2012, beim bisher letzten Ruppertsberger Schießen, an die Familie Jordan-May aus Limburg an der Lahn.
„Ein jeder Schuss ein buntes Ei“
Für die Schützengesellschaft Ruppertsberg indes endete der Höhenflug in einem tiefen Fall. Der Felsrutsch kurz nach Weihnachten 2012 hatte zur Folge, dass das Gelände am ehemaligen Steinbruch aus Sicherheitsgründen gesperrt werden musste – bis zum heutigen Tag. So bleibt als Erinnerung und Dokument der vom Ruppertsberger Musiker Oskar Frey komponierte Marsch: „Die Gäste kommen von weit her, Präsidenten geben uns die Ehr. Ein jeder Schuss ein buntes Ei, es leb’ der Schütze froh und frei!“