Fussball
Fanausschreitungen: Ein zunehmend schmaler werdender Grat
Beinahe 20.000 Zuschauer sahen am Samstag das Drittliga-Spiel des 1. FC Kaiserslautern gegen den SC Verl – endlich waren die Tribünen auf dem Betzenberg wieder ordentlich gefüllt. Eine Woche zuvor, als 19.000 Fans das Derby zwischen dem SV Waldhof Mannheim und dem FCK sahen, wirkte das Carl-Benz-Stadion ausverkauft. Fast zwei Jahre hatte es solche Bilder in Deutschland nicht mehr gegeben, die Corona-Pandemie hatte lange sogar für Geisterspiele gesorgt. Das ist vorerst vorbei, mit Ausnahme ungeimpfter Menschen dürfen die Schlachtenbummler ihre Teams in den Arenen anfeuern, sodass der Profifußball einen großen Teil seiner Anziehungskraft zurückerlangt hat. Gleichzeitig mit ihr ist die hässliche Fratze zurückgekehrt.
„Stadion kein rechtsfreier Raum“
„Gestern konnten wir einen Tatverdächtigen ermitteln und festnehmen. Fußballstadien sind keine Bühne für Gewalttäter und kein rechtsfreier Raum“, sagte Frank Richter Freitagmittag. Der Polizeipräsident der Stadt Essen hatte extra zu einer Pressekonferenz geladen, um zu verkünden, dass ein 29-jähriger Familienvater aus Marl zunächst festgesetzt wurde. Ihm wird vorgeworfen, am zurückliegenden Wochenende mit einem Böllerwurf für den Abbruch des Topspiels der Regionalliga West gesorgt zu haben.
10.000 Fans – mehr durften nicht in das schicke Stadion an der Hafenstraße – hatten 73 Minuten für eine prickelnde Atmosphäre gesorgt, als sich Tabellenführer Rot-Weiss und der hartnäckige Verfolger Preußen Münster gegenüberstanden. Nach dem 1:1-Ausgleich der Westfalen wurde das Fußballfest jedoch zu einem Drama. Aus dem Fanblock der Essener flogen Böller in Richtung Platz und explodierten in unmittelbarer Nähe zu den Ersatzspielern der Münsteraner, die sich hinter dem Tor aufwärmten. Durch die Detonation waren die Münsteraner Auswechselspieler Marvin Thiel und Jannik Borgmann verletzt worden, sodass sich der Schiedsrichter nach einer 30-minütigen Unterbrechung gezwungen sah, die Begegnung abzubrechen. Kaum waren wieder mehr Fans auf den Tribünen erlaubt, gab es in Essen einen Skandal.
Rot-Weiss droht Niederlage am Grünen Tisch
Am kommenden Freitag entscheidet das Sportgericht in erster Instanz über die Wertung der Partie. Es ist wahrscheinlich, dass Rot-Weiss die Begegnung am Grünen Tisch verliert und somit einen Rückschlag im Kampf um den Drittliga-Aufstieg hinnehmen muss. Marcus Uhlig, der Vorstandsvorsitzende des traditionsreichen Klubs, äußerte sich klar: „Das ist nicht Rot-Weiss Essen, das ist nicht die Hafenstraße. Das ist die Untat eines Einzelnen, der hier möglicherweise viel kaputtgemacht hat. Das wird aufzuarbeiten sein.“
Der Tatverdächtige muss sich zivilrechtlich für den Böllerwurf verantworten, der Schaden für den Klub und den Fußball ist aber größer als eine denkbare Geldstrafe für den 29-Jährigen.
Ostermann stellt einen Zusammenhang her
Aufarbeiten – das stand in den vergangenen Tagen auch in Saarbrücken an. Auf andere Weise mussten sich Spieler, Trainer und Verantwortliche des 1. FC Saarbrücken mit einem Teil ihrer Anhänger befassen. Nach der 0:1-Niederlage gegen Viktoria Köln am vorvergangenen Samstag drangen einige Zuschauer in den Innenraum des Stadions ein und „stellten“ die Mannschaft zur Rede. Es blieb bei einer verbalen Auseinandersetzung, in der Trainer Uwe Koschinat klare Worte fand und sich sprichwörtlich vor seine Spieler stellte – dennoch sandte die Situation keine schönen Bilder.
Ich bin der Meinung, dass auch die Corona-Pandemie ihren Teil zur Enthemmung von Menschen beigetragen hat“, sagte FCS-Präsident Hartmut Ostermann der „Bild-Zeitung“. Der Mäzen des Klubs zog einen direkten Zusammenhang zwischen den durch die Pandemie ausgelösten gesellschaftlichen Entwicklungen der zurückliegenden beiden Jahre und der offensichtlichen Aggressivität einiger Zuschauer bei Fußballspielen.
Böller gab es auch beim Südwest-Derby
Liegt Ostermann richtig und bleiben Bilder wie aus Essen und Saarbrücken kein Einzelfall, steht der professionelle Fußball vor einem unschönen Frühjahr. In einer Phase, in der Meisterschaften entschieden, Auf- und Abstiege ausgespielt werden, neigen die Beteiligten ohnehin zu emotionalen Ausbrüchen.
Das Derby zwischen dem SV Waldhof und dem 1. FC Kaiserslautern, dass hitzig und stimmungsvoll war und damit einen äußeren Rahmen schuf, den sich Fußball-Fans wünschen, schrammte ein paar Mal am Chaos vorbei. In beiden Fankurven wurden Böller gezündet, aus dem Waldhof-Lager flog kurz vor Spielende zudem eine Rauchfackel auf den Rasen. „So etwas gehört nicht in ein Stadion“, sagte SVW-Routinier Marco Höger.
Der Grat zwischen einem Fußballfest und einem Spielabbruch ist mit der zunehmenden Rückkehr der Fans schmaler geworden.