Hintergrund
Einzigartig in Deutschland: Die spezielle Höhenluft in Herxheim
Gerade in den mehr als zwei Jahren Coronavirus-Pandemie sind die Einschränkungen in einer vernünftigen Vorbereitung auf die Saison besonders im Ausdauerbereich der Läufer und Geher deutlich geworden: Fliegen war kaum möglich, schon gar nicht in die Höhentrainingslager in Kenia oder Arizona. Mit einem Schlag eröffnen sich nun im südpfälzischen Herxheim neue Perspektiven, unter Höhenbedingungen zu wohnen, zu schlafen und zu trainieren. In einer hellen und großzügigen Wohnung mit Küche sowie Esszimmer, mit Wohn/TV-Bereich, mit vier geräumigen Doppelzimmern, mit modernem Sanitärbereich, mit zwei Kältekammern und einem großen Raum zum Trainieren – mit Laufband, Spinningrädern und Alter-G, einem Anti-Schwerkraft-Laufband.
Die Wohnung ist ein Meilenstein
Bundestrainer Werner Klein sagt über die Wohnung: „Sie ist eine Meilenstein. Wir können unsere Höhentrainingslager völlig neu strukturieren, diese intensiv medizinisch und wissenschaftlich begleiten. Wir erhoffen uns dadurch nicht nur den Anschluss an die Weltspitze, wir wollen ab 2028 vorne mitmischen. Das ist unsere Vision, das ist unser Traum.“ Vor allem Werner Klein hatte die Idee von Johannes Eisinger in den letzten Monaten intensiv bis zur Umsetzung mitgetragen.
Seit 2012 sind in dessen Rehazentren Reha Med und Reha Fit regelmäßig Spitzensportler zu Gast, wenn sie verletzt sind, um wieder fit zu werden. Sabrina Mockenhaupt war da, Marathonläufer Hendrik Pfeiffer ist hier wieder gesund geworden und auch 5000-m-Läufer Richard Ringer. „Irgendwann kam mir der Gedanke, die Athletinnen und Athleten sollen bei uns auch trainieren und betreut werden, wenn sie gesund sind“, begründete Eisinger seine Idee. Er kaufte das alte Möbelhaus Gilb und eröffnete ein Gesundheitszentrum. In der Höhenwohnung ist der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) für Eisinger „Premiumpartner“, wohlwissend, dass wohl in kürzester Zeit andere deutsche Sportverbände Interesse bekunden werden.
Ein Fördermodell außerhalb des Systems
„Diese Höhenwohnung ist ein Fördermodell außerhalb des klassischen Fördersystems“, wie am Dienstag Idriss Gonschinska, der DLV-Vorstandsvorsitzende, in Herxheim in einer simulierten Höhe von 1800 Metern betonte, eine Privatinitiative, die, so sagte Gonschinska, „von Leidenschaft und Innovation, von Kreativität und hohem Investment getragen wird.“ Es seien Rahmenbedingungen, wie sie nirgendwo in Deutschland zu finden seien. Gonschinska sagte, dass der Verband in einem Zeithorizont von acht bis zehn Jahren plane, das heißt natürlich, dass neben den Spitzenathleten vor allem der Nachwuchs in den Genuss dieser neuen Einrichtung kommen soll. Natürlich wird das Höhentraining in Herxheim nicht neu erfunden. Aber gerade in der Kombination mit den Rehamöglichkeiten vor Ort bekommt es in Deutschland eine neue Dimension.
Um die Effektivität auszunutzen, sollen Sportlerinnen und Sportler 16 bis 18 Stunden am Stück dort wohnen, schlafen und trainieren, und das über mehrere Tage, vielleicht sogar bis zu drei Wochen. Das heißt, eines der vielen Konzepte dieser besonderen Methode der Leistungssteigerung ist, dass eine Trainingseinheit draußen in der Natur stattfinden kann, ansonsten ist man in der Wohnung.
Eine Wissenschaft für sich
Höhentraining sei eine Wissenschaft für sich, das müssen vor allem junge Menschen erst einmal kennenlern, sagte Professor Rainer Knöller, Head of Science des DLV, und nicht jeder reagiere gleich gut auf das Höhentraining, nicht jeder ziehe den gleichen Vorteil daraus. „Es ist jedenfalls wunderbar. Es ist das, was uns gefehlt hat, und wenn’s einfach wäre, gebe es so etwas schon längst. Es ist aber nicht einfach, und deswegen sind wir hier bei Johannes Eisinger“, sagte Knöller. Die Olympiasechste von Tokio, Melat Kejeta (29), die vor über zehn Jahren aus Äthiopien nach Deutschland geflüchtet ist, war schon zweimal hier, zuletzt mit ihrer zwei Monate alten Tochter. „Ich fühle mich hier in Herxheim wie Zuhause“, sagte Kejata.