Fussball-EM
Eine fatale Symbolik
Ganz am Ende, als die Menschenmassen bereits aus der gewaltigen Puskas-Arena zu den Ausgängen strömten, kam noch einmal Adam Szalai auf den Rasen. Der Kapitän der ungarischen Nationalmannschaft hatte aufopferungsvollen Einsatz beim 0:3 gegen Portugal gezeigt, aber ihm schien es nicht zu reichen, dass seine Mannschaft als Männerchor mit einer in schwarzen T-Shirts gekleideten Meute gemeinsam die Nationalhymne geschmettert hatte.
Der Bundesligaprofi des 1. FSV Mainz 05 ging noch einmal alleine raus, um eine Verbeugung für die lautstarke Unterstützung zu machen. Sein Sturmkollege vom SC Freiburg, Roland Sallai, sollte kurz darauf sagen: „Die Fans waren super, wir können uns glücklich schätzen, dass wir sie hinter uns haben.“ Doch die Frage für dieses paneuropäisch-pandemische Fußball-Turnier lautet: Warum müssen es in Budapest so viele sein?
Als sei Corona immer noch nur eine Biersorte
Letztlich waren nicht alle der 67.155 Plätze besetzt, es wurden 55.662 Besucher gezählt, von denen sich so gut wie keiner mehr an die Corona-Regeln gebunden fühlte. Abstand? Maske? Bloß nicht. Weil nur Geimpfte, Genesene und Getestete durch die automatisierten Drehkreuze gelangten, gab sich das Publikum eines Verhaltens hin, als sei Corona immer noch nur eine Biersorte. Da flimmerten Hinweise auf das Tragen von Mund-Nasen-Schutz über die Videowände, doch auf Anfrage hatte Ungarns Fußball-Verband mitgeteilt, dass keiner Maske tragen müsse.
Der fußballbegeisterte Ministerpräsident Viktor Orban bekam in dem Schmucktempel genau jene nationale Symbolik geliefert, die sich der mit Fanschal auf der Ehrentribüne hockende Fidesz-Politiker gewünscht hatte: Über den Sport den Nationalstolz zu stärken, hat auch schon anderswo geklappt. Doch haben proppevolle Ränge aus der rechtsnationalen Hochburg eine Sicherheit vermittelt, die es bei diesem Virus nicht geben kann. Die Siebentagesinzidenz ist mit 9,3 zwar niedrig, die Quote eines vollständigen Impfschutzes unter den 9,8 Millionen Einwohnern bei fast 50 Prozent recht hoch und der digitale Impfausweis – im Gegensatz zu Deutschland – von Anfang an Realität, aber das entbindet nicht von einer gewissen Vorsorge. Wenn bald in Orbans Hauptstadt die Corona-Zahlen steigen, muss der Infektionsherd nicht lange gesucht werden.
Die Gefahr der Trittbrettfahrer
Die Debatte ist eröffnet, wie weit die Öffnungsschritte gehen dürfen – und was dahintersteckt. Ungarn will als Teil der Europameisterschaft die Heimspiele als identitätsstiftendes Element nutzen. Doch wenn beim Marsch vom Heldenplatz zur Arena mit der zu rechtsextremen Tendenzen neigenden Anhängerschaft alle Vorkehrungen nicht mehr gelten, birgt das Gefahren, weil es Trittbrettfahrer in anderen Ländern geben kann.
Dabei ist ein solch leichtsinniges Verhalten im Alltag der schönen Donau-Metropole gerade nicht zu beobachten. In jeder Metro und jeder Buslinie erklangen gleich am Tag danach wieder die Hinweise auf das Tragen von Masken in ungarischer und englischer Sprache – und jeder hielt sich brav daran. Die Innenbereiche der meisten Restaurants werden von den Menschen gemieden, vor den Supermärkten der Innenstadt stehen Hilfskräfte, die genau abzählen, wie viele Personen sich drinnen aufhalten. Nur für die Fußball-EM gelten solche Vorkehrungen nicht mehr. Befremdlich.

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Foto: Imago Images/Beautiful Sports