Radsport RHEINPFALZ Plus Artikel Ein 1. Mai ohne Windschatten und Nervenkitzel

Ein Kamerateam aus Frankfurt besuchte Pascal Ackermann in seiner Wohnung in Lochau.
Ein Kamerateam aus Frankfurt besuchte Pascal Ackermann in seiner Wohnung in Lochau.

Pascal Ackermann ist ein Strahlemann, egal ob als gefeierter Sieger des Radklassikers in Frankfurt oder als Kilometerfresser auf seinem Balkon am Bodensee. Dort droht der Sprintstar zum Bergfahrer zu werden, wie er schmunzelnd im Fernsehen erzählt. Denn der Hessische Rundfunk zeigt zwar kein Rennen, aber Radsport – wie fast immer am „Tag der Arbeit“.

„Das Wetter ist trocken, das ist eine gute Voraussetzung fürs Rennen.“ Pascal Ackermann flunkert, wie so oft breit grinsend, denn in Lochau, zwischen Bodensee und Pfänder, regnet es in Strömen. Ein kurzer Kameraschwenk in den Hinterhof belegt dies. Aber irgendwie hat er doch auch Recht. Er sitzt im Trockenen auf seinem überdachten Balkon, genauer, er sitzt auf seinem Smarttrainer und radelt das einstündige virtuelle Rennen „Eschborn- Frankfurt“ gut gelaunt mit. Zwar fehle ihm der Windschatten, gesteht er, und der Nervenkitzel wie vor Jahresfrist, als er nach 188 Kilometern den Radklassiker an der Alten Oper in Frankfurt gewonnen hatte. Er schwitzt trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb.

Größte Eintagesveranstaltung Deutschlands

30 Jahre habe auch ich morgens am 1. Mai nach dem Wetter geschaut. Sonne oder Regen? Wenn die Sonne schien, dann war ein Festtag garantiert. Dann war die deutsche Radsport-Gemeinde unterwegs, entweder auf zwei Rädern bei den 18 Rennen oder eben zu Fuß als Zuschauer. Bei der vermutlich größten Eintages-Sportveranstaltung Deutschlands. Immer dabei – bis auf 2015, als ein Terroranschlag befürchtet worden war und das Rennen ausfiel – der Hessische Rundfunk.

Und jetzt? Am 1. Mai 2020? Da ist’s schier egal, ob’s regnet oder schneit. Oder ob die Sonne lacht. Der Klassiker fällt aus, ich bleibe daheim und schaue zu, wie der Hessische Rundfunk eine Radsportsendung auf die Beine stellt, als gäbe es gar kein Coronavirus. Der 1. Mai ist und bleibt eben ein Radsporttag.

Triathlet Kienle bekennt sich zum Glas Wein

Live-Schalte auf einen Parkplatz vor einem Möbelhaus in Eschborn: Die Gitter sind aufgestellt, das große Starttor ist aufgeblasen. Kein Mensch ist da. Doch, einer: John Degenkolb. Der Sieger von 2011, ein heimisch gewordener Wahlhesse, lässt sich sogar mit einem Startschuss auf die Reise schicken, radelt Teile der Originalstrecke ab, trifft Jens Zemke, den Sportlichen Leiter von Bora-hansgrohe, und viele Radtouristen. „Aber“, so bekennt „Dege“, „keiner weiß, wohin die Reise geht.“ Damit meint er dieses Virus, das offen lässt, was es mit den Menschen vor hat, mit den Sportlern wie Triathlet Sebastian Kienle, der nicht an einen Start im Herbst auf Hawaii glaubt und sich deshalb auch mal einen Wein zur Pizza leisten kann, wie er live erzählt. Oder speziell mit den Radsportlern, wie in all den Gesprächen deutlich wird. Rick Zabel, Simon Geschke, Andre Geipel oder Tony Martin sind zugeschaltet, auch Alexander Kristoff und Philippe Gilbert, und sie sind ratlos. Oder die Bahnspezialisten Emma Hinze, Maximilian Levy und die querschnittgelähmte Kristina Vogel.

Teamkollegen als Pappkameraden dabei

Der Hessische Rundfunk hat keine Kosten und Mühen gescheut, den Fans einen wunderschönen Radsportmittag zu bereiten. Florian Naß und Fabian Wegmann kommentieren die Bilder des 2019er Rennens, während Pascal Ackermann auf dem Smarttrainer gegen 1500 Teilnehmer das 40-km-Rennen schweißtreibend bestreitet. Sein sogenannter Lead-Out, sein Sprintzug, ist mit dabei – Andreas Schillinger, Michael Schwarzmann und Rüdiger Selig hängen als Pappkameraden hinter seinem Rücken, treten muss er dieses Mal allein. „Es hört sich verrückt an. Dank ihrer Hilfe muss ich ja sonst nur die letzten 250 Meter Vollgas fahren und spare 30, 40 Prozent meiner Kraft“, sagt der Minfelder, der in der Nähe von Bregenz heimisch wurde. Dort droht er zum „Bergfahrer“ zu werden. Weil die Grenzen ins nahe Deutschland dicht sind, muss er immer wieder den Pfänder hochstrampeln. „Ich komme fast täglich auf 2000 Höhenmeter mit meinem Grundlagen-Ausdauertraining“, sagt „Ackes“.

Der Sieg 2019 – ein Kindheitstraum

Seit er elf ist, fuhr er immer am 1. Mai in Frankfurt, mit Ausnahme des Jahres 2014, als er am Knie operiert worden war. Der Sieg im Vorjahr – ein Kindheitstraum. Unvergessen. Ähnlich wie er säckeweise Flaschen sammelte und einem Autogramm seines Lieblings Jens Voigt hinterherhechelte. Der bald 50-Jährige ist auch zugeschaltet. In Berlin scheint die Sonne ...

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