Fussball-WM
Die Schiedsrichterinnen bei der WM: Sie warten weiter
Es war ein großes Versprechen, das der Fußball-Weltverband Fifa gab, als sechs Frauen in den Kader des sogenannten „Team One“ berufen wurden. Bei dieser Mannschaft handelt es sich um die insgesamt 129 Unparteiischen für das Turnier, „es ist mein Team und das Team, das hier bei der WM am wichtigsten ist“, verkündete Fifa-Präsident Gianni Infantino zwei Tage vor dem Eröffnungsspiel feierlich, denn die Schiedsrichter seien als einzige Mannschaft „bereits für das Finale qualifiziert“. Bis zum späten Dienstagabend hatte der Weltverband nun 40 der insgesamt 64 Begegnungen mit Spielleitern besetzt, eine Frau ist jedoch noch nicht ausgewählt worden für die hervorgehobene Rolle als „Referee“, wie die Spielleiter im offiziellen WM-Jargon heißen.
Von den sechs Schiedsrichterinnen kommen drei für diese Aufgabe in Frage und könnten damit zur ersten weiblichen Schiedsrichterin werden, die eine WM-Partie leitet: Stephanie Frappart (Frankreich), Salima Mukansanga (Ruanda) und Yoshimi Yamashita (Japan). Die Nominierung des weiblichen Trios sei „der Beweis dafür, dass die Qualität und nicht das Geschlecht“ ausschlaggebend für eine WM-Teilnahme seien, hatte Pierluigi Collina, der Chef der Fifa-Schiedsrichterabteilung vor dem Eröffnungsspiel gesagt: „Sie verdienen es, dabei zu sein, weil sie konstant sehr gute Leistungen erbringen.“
Spiel um Platz drei wäre Trostpreis
Inzwischen stellt sich jedoch schon die Frage, was genau die Fifa vorhat. Als vierte Offizielle waren die Frauen bereits mehrfach im Einsatz, mehr war bislang nicht drin. Und wenn der Weltverband die Hauptrolle im jeweils siebenköpfigen Schiedsrichterteam tatsächlich irgendwann an eine Frau vergibt, bietet das in jedem Fall Angriffsflächen. Sollte beispielsweise die Französin Stéphanie Frappart (Frankreich) ein wichtiges Spiel in der K.o.-Runde pfeifen, wird jeder ihrer Schritte von der gesamten Fußballöffentlichkeit beobachtet werden, was zu einer schweren Last werden könnte.
Frappart hat wohl die besten Aussichten, ein Spiel zu bekommen, weil sie regelmäßig Partien in der Ligue 1, einer der großen europäischen Ligen leitet und schon in der Champions League der Männer im Einsatz war, 2020 beim Spiel zwischen Juventus Turin und Dynamo Kiew. Wenn sich der Weltverband hingegen entscheidet, „nur“ in einer eher bedeutungslosen Partie wie dem Spiel um Platz drei eine Frau einzusetzen, würde die Nominierung wie ein Teil der Show wirken: Schaut, bei uns dürfen auch Frauen mitmachen – aber nicht, wenn es ernst wird.
„Gutes Schiri-Niveau“
Der ehemalige Weltklasse-Schiedsrichter Urs Meier ist sich relativ sicher, dass hinter der Nominierung der Frauen tatsächlich eher strategische Überlegungen stecken als fachliche. Als Meier Anfang der Woche auf Frappart angesprochen wurde, fragte er sich in seinem Podcast: „Wenn sie in Frankreich selbst noch nicht die Nummer zwei oder die Nummer drei ist, warum bietet man sie dann auf? (…) Es ist nicht das Leistungsprinzip.“ In Meiers Augen hätten eher auf höchstem (Männer-)Niveau erfahrene Leute wie Deniz Aytekin berufen werden sollen, um die Qualität der Schiedsrichterarbeit möglichst hoch zu halten. Wobei Meier schon findet, dass die Leistungen des „Team One“ bislang sehr gut sind. Ganz grobe Fehler sind bislang noch nicht passiert, die Videoassistenten arbeiten relativ unauffällig „das Niveau der Schiedsrichter ist gut“, sagte Meier. „Auch die Linie, die gefahren wird zwischen dem Schutz der Spieler und dem Bemühen die Spiele laufen zu lassen, ist eine gute Mischung.“
Die bisherigen Leistungen zählen wohl zu den Gründen dafür, dass bislang mehrere Unparteiische bereits zwei Einsätze bekommen haben, aber eben immer noch keine Frau, obgleich Frappart jüngst verkündete: „Wir haben große Fortschritte in den vergangenen Jahren gemacht.“
Sehr wahrscheinlich wird der Moment für einen Einsatz irgendwann kommen, aber – und das ist irgendwie auch traurig für die Schiedsrichterinnen – wird die erste Nominierung einer Frau als Spielleiterin einer WM-Partie nicht einfach nur die Würdigung guter Leistungen sein, sondern zu einem Vorgang mit gesellschaftspolitischer Botschaft überhöht werden.