FUSSBALL RHEINPFALZ Plus Artikel Die Krise von Klopps FC Liverpool – „Mentalitätszwerge“ wie bei einem Absteiger

Ratlos an der Seitenlinie: Jürgen Klopp.
Ratlos an der Seitenlinie: Jürgen Klopp.

Wieder nichts: Es läuft gar nicht beim englischen Meister FC Liverpool mit Trainer Jürgen Klopp. Der 53-Jährige wirkt ratlos.

Klopp stand einfach nur da, regungslos, mit offenem Mund und ungläubigem Blick. Sein FC Liverpool kassierte beim 0:1 gegen den Abstiegskandidaten FC Fulham am Sonntag die sechste Heimniederlage nacheinander und die achte Schlappe in zwölf Spielen in der Premier League seit dem Jahreswechsel. Die Aura der Unbesiegbarkeit des Champions-League-Siegers von 2019 und amtierenden englischen Meisters liegt in Trümmern.

RB Leipzig kann aufs Weiterkommen hoffen

Die „Reds“ sind im freien Fall, unterbieten sich stets aufs Neue. RB Leipzig kann im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League an diesem Mittwoch (21 Uhr, Sky) in Budapest aufs Weiterkommen hoffen – trotz Liverpools 2:0-Sieg im Hinspiel.

Klopp erlebt die größte Krise seit seiner Ankunft am Mersey River im Oktober 2015. Auf die Frage, wie schwer es werde, den Verfall zu bremsen, sagte er: „Ich habe nicht genug englische Wörter, um zu beschreiben, wie groß dieser Job ist.“

Über mögliche Ziele für den Rest der Saison will er sich keine Gedanken machen: „Wir müssen Fußballspiele gewinnen“, sagte Klopp. Am besten erst einmal das nächste. „Den Rest sehen wir dann.“ Die Titelverteidigung ist schon lange kein Thema mehr, auch die Champions-League-Qualifikation scheint mittlerweile aussichtslos. Liverpool ist Premier-League-Achter – und kann froh sein, in der ersten Saisonhälfte gut gepunktet zu haben. Die aktuelle Form entspricht der eines Absteigers.

Keine mildernden Umstände mehr

Lange galten mildernde Umstände für den Meister. Der Leistungsabfall wurde mit den vielen Verletzungen vor allem in der Abwehr, dem Verlust des Anfield-Mythos durch die Abwesenheit von Zuschauern, den körperlichen Anforderungen der Corona-Saison und einem Kater nach dem Rausch der vergangenen Jahre begründet. Mittlerweile genügen äußere Umstände nicht mehr, um den Kollaps zu erklären. Der „Independent“ urteilte: „Liverpools aktueller Zustand ist nicht akzeptabel.“ Die pointierteste Analyse lieferte „Reds“-Ikone und Sky-Sports-Fachmann Jamie Carragher: „Jürgen Klopp hat seine Spieler in der Vergangenheit zu Recht Mentalitätsmonster genannt. Im Moment sind sie Mentalitätszwerge.“

Warum ändert Klopp die Defensiv-Struktur nicht?

Nichts mehr ist zu sehen von dem, was Liverpool unter dem deutschen Trainer eigentlich auszeichnet. Die einst so furiose Offensive ist harmlos (kein Heim-Tor aus dem Spiel heraus seit Ende Dezember), das Pressing ist zum Erliegen gekommen, Selbstvertrauen und Widerstandsfähigkeit sind dem Team entwichen, die Abwehr ist ein Sicherheitsrisiko. Sie steht weiterhin extrem hoch – trotz des Ausfalls der Stamm-Innenverteidiger Virgil Van Dijk und Joe Gomez, und lässt sich immer wieder durch lange Bälle aushebeln. Warum Klopp dieses Einfallstor nicht schließt, indem er seine letzte Reihe weiter zurück zieht, ist für viele ein Rätsel.

Horrortrip in eigene Vergangenheit

Der Trainer befindet sich auf einem Horrortrip in die eigene Vergangenheit. Vieles erinnert an Klopps letzte Saison bei Borussia Dortmund 2014/15. Der BVB rutschte nach Jahren des Erfolgs – zwei Meisterschaften, ein Pokalsieg, einmal der Einzug ins Champions-League-Finale – auf mysteriöse Weise ab, zwischenzeitlich sogar auf den letzten Platz. Nach sieben Jahren in Dortmund stellte Klopp seinen Posten zur Verfügung. Nicht auf Druck, sondern weil ihm Zweifel gekommen waren, ob er noch der richtige Mann am richtigen Ort ist. Eine ähnliche Situation dürften aktuell die Fans in Liverpool fürchten.

„Ich brauche keine Pause“

Sie stehen hinter dem Trainer – soweit man das beurteilen kann in der Zeit der Geisterspiele. Einige Anhänger demonstrierten ihre Solidarität mit dem Trainer, indem sie per Kleinflugzeug ein Banner über Anfield präsentierten: „Unity is Strength“, Zusammenhalt ist Stärke. Die Besitzer des Vereins, die US-amerikanische Fenway Sports Group, sehen es ähnlich. Sie sollen entschlossen sein, am Trainer festzuhalten. Der hatte einen Rücktritt Mitte Februar ausgeschlossen. „Ich brauche keine Pause“, sagte Klopp. Jeder Rückschlag könnte allerdings Zweifel säen bei ihm.

Leipzigs Formkurve zeigt in die andere Richtung

Trotz des 0:2 aus dem ersten Duell geht RB Leipzig in Budapest gegen den FC Liverpool nicht als Außenseiter ins Rückspiel des Champions-League-Achtelfinales. Dafür sind die Formkurven der Kontrahenten einfach zu verschieden. Liverpool verlor in der Premier League sechs der vergangenen sieben Spiele. Leipzig feierte in Bundesliga und Pokal acht Siege nacheinander. Dennoch war Nagelsmann darauf bedacht, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. „Denn aktuell sind wir der Verlierer des Duells“, betonte der 33-Jährige. Bevor es am Dienstagnachmittag in den Flieger nach Budapest ging, war bei der Besprechung dennoch die angestrebte Aufholjagd das Thema. „Wir konzentrieren uns auf die Lehren und Fehler aus dem Hinspiel“, sagte Nagelsmann. „Da waren unabhängig von den Toren ein paar Dinge dabei, die wir besser machen können. Wir glauben an uns, sind aber nicht der Favorit. Wir sind der Herausforderer.“ Für RB ist vor allem der erneute Ausfall von Angeliño (Muskelverletzung) schwer verdaubar.

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