EM-Tagebuch RHEINPFALZ Plus Artikel Der Mann ist zu groß für die Dusche

Quasimodos Reich.
Quasimodos Reich.

Der freundliche ältere Herr wusste, was auf mich zukam, als er mich bei der Übergabe für meine Wohnung während der European Championships in München gesehen hat.

„Oh“, empfing mich der freundliche ältere Herr: „Oh, das hätten wir in die Anzeige schreiben sollen.“ Nun ja, es war zu spät.

Ich bin zwei Meter groß, was mir in meiner Kindheit und Jugend ein veritables Problem beim Hosenkauf bescherte. Inzwischen, auch Dank der Bestellmöglichkeiten des Internets, ist das nicht mehr schwierig. Die Schmähungen („Du langes Elend“) habe ich ebenfalls ohne spürbare Spätfolgen hinter mir gelassen. Das bedeutet aber keineswegs, dass ich als großgewachsener Mensch nicht doch hier und da auf Stolpersteine stoße, nicht nur in der Holzklasse eines Flugzeugs.

Er stellte nicht die Frage aller Fragen

„Sie werden nicht in die Dusche passen“, sagte der freundliche Herr, nachdem er mir einen musternden Blick zugeworfen hatte. Immerhin, er stellte nicht die Fragen aller Fragen, der ich oft einigermaßen ratlos ausgesetzt bin: „Hawwe Sie die zwe Meter?“ Im Gegensatz dazu gab er mir einen Rat. „Vielleicht versuchen Sie es kniend unter der Dusche“, sagte er. Ich habe das doch lieber nicht ausprobiert.

In jedem Fall hat der Mann Recht behalten, denn aufrecht passe ich wirklich nicht in die Dusche. Ein Hinweis in der Wohnungsanzeige nach dem Motto „der Nassbereich reicht nur für Menschen bis 1,70 Meter Körperlänge“ hätte mich sicher abgehalten, aber nun ist es zu spät. Ich stehe jetzt jeden Tag vor der Aufgabe, mich unter einer Dusche zu säubern, in die ich nur unter mittelschweren Qualen hineinkomme. Immerhin habe ich mir fest vorgenommen, jetzt endlich etwas für meine Rücken- und Rumpfmuskulatur zu tun. Die Notwendigkeit wird mir stets bewusst, wenn ich dieser Tage dusche.

Quasimodo in der Hocke

Wenn das Wasser über meine Haut prasselt, dürfte das in etwa aussehen wie bei Quasimodo, dem Glöckner von Notre-Dame. Nein, vermutlich reicht das gar nicht, um sich das Ausmaß vorzustellen. Es sieht eher aus wie bei Quasimodo, wenn der noch etwas in die Knie geht. So oder so ist es sicher kein schöner Anblick.

Einen Hinweis hatte der freundliche ältere Herr noch, als er mir die Wohnungsschlüssel übergab und mich auf das Malheur mit der Dusche aufmerksam machte. „Meine Tochter passt da gut rein“, sagte er mit einem Lächeln im Gesicht.

Die Moral der Geschichte ist deshalb für mich glasklar: Ist die Dusche zu klein, ist der Mann zu groß.

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