Tischtennis Der Krieg beschert eine Weltauswahl
Borussia Düsseldorf gegen den 1. FC Saarbrücken im deutschen Pokalfinale. Düsseldorf gegen Saarbrücken im Halbfinale der Champions League, Düsseldorf gegen Saarbrücken im DM-Endspiel. Es wiederholt sich alles. Doch mit dieser Dominanz könnte es bald vorbei sein. Bundesliga-Rivale TTC Neu-Ulm hat für die nächste Saison einen Kader zusammengestellt, über den der deutsche Nationalspieler und frühere Weltranglisten-Erste Dimitrij Ovtcharov sagt: „Von der Attraktivität und den Weltranglisten-Positionen her ist das wahrscheinlich das beste Team, das je in Europa aufgeboten wurde.“
Das „Wunderkind“ neben Ovtcharov
Denn neben Ovtcharov selbst werden für Neu-Ulm spielen: das japanische „Wunderkind“ Tomokazu Harimoto, der schwedische Vizeweltmeister Truls Möregardh und der Olympia-Vierte Lin Yun-Ju aus Taiwan. Da die vier Stars primär für die Champions League verpflichtet wurden, will der TTC in der Bundesliga einen Großteil jener russischen Nationalmannschaft einsetzen, die erst im vergangenen September das EM-Finale gegen Deutschland verlor.
Die Tatsache, dass der in Kiew geborene Ovtcharov und die drei besten Spieler Russlands künftig zu einem Team gehören, zeigt aber auch: Die Geschichte des TTC Neu-Ulm erzählt nicht bloß etwas über große sportliche Ambitionen. Sondern noch viel mehr etwas über die Folgen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine.
„Ich erwarte von den jungen Athleten nicht, dass sie sich jetzt zwingend im Fernsehen oder in der Zeitung positionieren. Aber wenn ich die Jungs sehe, dann muss ich da schon eine klare Haltung erkennen, dass sie gegen den Krieg sind“, stellte Ovtcharov im ZDF-Sportstudio klar. Dass sich der Neu-Ulmer Macher Florian Ebner trotzdem „keine Sorgen über den Alltag in diesem Team macht“, hat etwas mit der speziellen Entwicklung seines Klubs zu tun – und mit dem Werdegang der drei noch sehr jungen russischen Spieler. Der TTC Neu-Ulm wurde erst vor drei Jahren von dem Medienunternehmer Ebner gegründet. Jeweils dank einer Wildcard stieg das Profiteam 2019 gleich in der Bundesliga und 2021 auch das erste Mal in der Champions League ein. Im Jahr dazwischen verpflichtete Ebner den russischen Trainer Dimitri Mazunow, der seit 1992 in Deutschland lebt.
Wieder Perspektive für russische Talente
Unabhängig von seiner Tätigkeit als Bundesliga-Trainer leitet Mazunow bereits seit Jahren eine Trainingsgruppe um die jungen Russen Maksim Grebnew (20), Lev Katsman (21) und Wladimir Sidorenko (20), die dafür schon im Teenager-Alter nach Deutschland zogen. Der Überfall auf die Ukraine bewirkte, dass russische Spieler nicht mehr bei internationalen Turnieren und nicht mehr in der Champions League spielen dürfen. Der ambitionierte TTC hatte auf einmal keine Mannschaft für den wichtigsten Wettbewerb mehr – und drei der größten Talente Europas keine sportliche Perspektive.
„Auf zwei Jahre Corona folgt nun dieser Ausschluss“, sagte Ebner. „Also müssen die drei befürchten, dass sie ab dem Alter von 18 über mehrere Jahre keine internationalen Turniere mehr gespielt haben. Normalerweise können sie den Anschluss an die internationale Spitze danach nur noch schwer wieder herstellen.“
Die Neu-Ulmer dachten nach dem russischen Angriff kurz darüber nach, die Verträge mit Grebnew, Katsman und Sidorenko aufzulösen, entschieden sich aber schnell dagegen. Ovtcharov sieht das im Kern genauso. Und das obwohl er seinen russischen Klub Fakel Oranienburg aus Protest gegen den Krieg nach fast zwölf Jahren verließ. Eine Folge davon war, dass plötzlich zwei Leute ein Team für die Champions League suchten: Ovtcharov als Spieler, Ebner für seinen Verein. Da begann die große Transferoffensive des TTC Neu-Ulm.
„Dima fragte mich: Wen hättest du gern? Ich sagte: Der Lieblingsspieler meines Sohnes ist Harimoto. Dabei war das gar nicht ernst gemeint“, erzählte Ebner. „Aber er sagte mir nur: Florian, gib mir zwei Tage. Ich hätte nicht mal Harimotos Manager ans Telefon gekriegt. Aber Dimitrij Ovtcharov hat eine solche Strahlkraft und so viele Beziehungen: Er hat ihn einfach angerufen.“ Mit Lin spielte Ovtcharov bereits in Oranienburg zusammen. Den Transfer Möregardhs fädelte Ebner ein. Seit es die neue Turnierserie „World Table Tennis“ gibt, bleibt den Topspielern immer weniger Zeit, um für einen Verein zu spielen. Auf den Liga-Alltag verzichten zu können und fast nur in der Champions League dabei zu sein, ist für die Stars attraktiv. Für Ovtcharov, Möregardh und Lin besorgte der TTC-Macher auch eine Bundesliga-Lizenz, weil sein Klub das Finalturnier um den deutschen Pokal erreichen will: Das wird stets in Neu-Ulm ausgetragen.