FuSSball-EM
Der geschmeidige Pitbull aus Rueil-Malmaison
Der weltberühmte Hobby-Philosoph und englische Ex-Nationalspieler Gary Lineker hat schon so manche für Amüsement sorgende Weisheit zum Besten gegeben. Der berühmteste Lehrsatz ist wohl jener, dass Fußball ein leichtes Spiel sei, in dem 22 Menschen einem Ball hinterherjagten und am Ende stets die Deutschen gewännen. Unlängst hat Lineker ein weiteres Bonmot geliefert. Er sagte: „Zwei Drittel der Erde sind von Wasser bedeckt, der Rest von N’Golo Kante.“ Für den 30-jährigen Mittelfeldspieler des FC Chelsea wurden schon viele Metaphern kreiert, um seine Vorzüge auf dem Rasen zu beschreiben, der „Guardian“ etwa nannte ihn „Pac Man – der Mann, der Bälle frisst“. Jedwede Umschreibung gibt die Kunst des Franzosen jedoch nur unzureichend wieder. Was Lineker zum Ausdruck bringen wollte, ist klar: Kanté ist überall.
Man lehnt sich wohl nicht allzu weit aus dem Fenster mit der Behauptung, Kanté sei aktuell der beste defensive Mittelfeldakteur des Erdenballs. Zwischen den beiden Strafräumen hat keine Mannschaft einen Spieler mit solch großem Einfluss auf das Gleichgewicht des Teamgebildes. Kanté repräsentiert eine perfekte Balance zwischen Angriff und Verteidigung, bisweilen gar im selben Augenblick.
Eine Klette mit nie ermüdender Physis
Bestes Beispiel ist das Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen Real Madrid, als er vor den beiden Treffern des späteren Champions gegnerische Fehler antizipierte, den Ball stahl und sofort die gewinnbringende Attacke einleitete. Kanté ist immer dort, wo es brennt. Er ist zwar nur 1,68 Meter groß und vielen seiner Gegenspieler hinsichtlich der Körperlänge unterlegen, dafür aber umso flinker und wendiger, gesegnet mit einer scheinbar nie ermüdenden Physis.
Er pappt wie eine Klette an den Spielgestaltern der Kontrahenten. Ohne den Ball erobert zu haben, lässt er nicht los. Die Gabe der Antizipation erlaubt ihm ein perfektes Stellungsspiel. Nur selten muss er sich eines Fouls bedienen. Kanté macht seine Innenverteidiger besser, weil er vieles an Arbeit erledigt, bevor sie auf die letzte Linie zurollt; die Kreativen haben durch ihn mehr Freiraum, ihre eigenen Vorzüge zu entfalten, weil sie eine verlässliche Absicherung hinter sich wissen.
Starcoach José Mourinho sagte über ihn: „Falls ein Trainer vier oder fünf Kantés haben könnte, er würde vier oder fünf Plätze freiräumen.“ Kantés ehemaliger Mitspieler Eden Hazard sagte: „Wenn er in Form ist, hast du eine Chance von 95 Prozent, das Spiel zu gewinnen.“ Die neueste Eloge stammt von Kantés Landsmann Bixente Lizarazu. Der ehemalige Profi des FC Bayern München und Weltmeister von 1998 schrieb in einer Kolumne für die Sporttageszeitung „L’Equipe“: „Er ist kein verrückter Tackler und kein Pitbull. Sein Stil ist viel geschmeidiger, aber genauso effektiv.“
Erst Buchhalter, dann Weltmeister
Kanté, Frankreichs Fußballer des Jahres 2017, stammt nicht aus einem der berühmten Nachwuchsleistungszentren. 1980 war die Familie aus Mali nach Frankreich gekommen, der Vater malochte als Müllmann und starb, als N’Golo elf Jahre alt war. Der Spross lebte mit acht Geschwistern in einem Pariser Banlieu, in Rueil-Malmaison, 14 Kilometer westlich von Paris. Oft wurde er gehänselt und beschimpft. Dennoch, so heißt es, habe er nie sein heiteres Wesen verloren. Nach der Schule, die er mit dem französischen Abitur beendete, begann er eine Lehre als Buchhalter.
Mit 20 Jahren spielte er noch bei US Boulogne in der sechsten Liga, bei anderen unterklassigen Teams war er vorher durchgefallen. Erst mit 22 Jahren wechselte er in die erste französische Spielklasse, zu SM Caen. Dort begann seine Profikarriere. 2016 schloss er sich Leicester City an und wurde auf Anhieb sensationell englischer Meister. 2018 folgte der Weltmeistertitel mit Frankreich.
Nun wird Kanté auf einen Marktwert von 55 Millionen Euro geschätzt. Damit ist ein Mann seine Qualitäten noch immer schier ein Schnäppchen. „Er ist der Schlüssel zu allem, er ist zwei Spieler in einem“, sagt Thomas Tuchel, sein Trainer beim FC Chelsea. „N’Golo bringt für jedes Team auf der Welt Input.“ Und Erfolg.

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