Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Christian Dissinger vermisst es, eigene Grenzen auszuloten

Christian Dissinger.
Christian Dissinger.

Der Ludwigshafener Handballer bleibt ein weiteres Jahr bei Vardar Skopje. Mit dem Klub gewann der Europameister von 2016 im vergangenen Jahr die Champions League. Der Rückraumspieler glaubt, dass es nach der Krise nicht so weitergeht wie bisher.

Christian, wo sind Sie gerade?
Ich bin noch in Skopje, es ist gerade ein bisschen stressig.

Weil Sie nach Deutschland fliegen möchten?
Ja, geplant ist mein Flug diese Woche. Mal schauen, wie das wird, mit dem Flug, mit der Quarantäne und auch mit dem Zurückkommen. Unsere Vorbereitung beginnt vermutlich Mitte Juli. Je nachdem, wenn für uns die Champions League los geht.

Wie beurteilen Sie den Kader?
Uns fehlen noch die Positionen Rückraum Mitte und Rückraum rechts. Wenn wir da noch Spieler bekommen, können wir sogar besser sein als vergangene Saison. Wir haben noch einen Monat Zeit. Bis jetzt haben wir eine ganz gute Mannschaft, wir haben eine gute Mischung aus Jung und Alt. Es wird ja spekuliert, dass der eine oder andere Verein finanzielle Probleme bekommt und Spieler abgeben muss, auch wenn das natürlich niemand will.

Im Frühjahr standen die Zeichen auf Trennung bei Ihnen und Vardar, nun haben Sie den Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert. Hat sich alle geklärt?
Ja, der neue Präsident Mihajlo Mihajlovski hat mehrere Sponsoren an Land gezogen, es ist nicht mehr so, dass der Verein nur von einem Sponsoren abhängig ist. Der Klub ist breiter aufgestellt. Das, was uns zugesichert wurde, daran gibt es keinen Grund zu zweifeln.

Das heißt: Der HC Vardar will weiter im Konzert der Großen mitspielen?
Der Anspruch ist das Viertelfinale in der Champions League, in der Seha-Liga das Final Four und national alles zu gewinnen, was es zu gewinnen gibt. Ob das so klappt, weiß man nie. Grundsätzlich muss es so sein, dass unsere Ambitionen hoch sind.

Mal das Virus außer Acht gelassen und die beklemmenden Wochen: Sie fühlen sich nach wie vor wohl in Skopje?
Ja. Natürlich war alles ungewohnt, ich war zuletzt vor einem halben Jahr zu Hause, sonst bin ich immer alle zwei, drei Monate daheim. Aber die Situation betrifft ja die ganze Welt. Skopje ist eine super Stadt, man kann hier gut leben, die Flugverbindungen sind gut. Mein letztes Spiel war wegen meiner Knieverletzung im November, das letzte Spiel meiner Mannschaft war um den 10. März. Seit drei Monaten trainiere ich nun alleine bei mir zu Hause, das ist nicht einfach. Das ist langweilig. Das ist zäh. Zusammen zu trainieren, die eigenen Grenzen auszureizen, das fehlt einfach.

Gab es noch andere Anfragen?
Ja, es gab Anfragen, es gab auch Überlegungen, etwas anderes zu machen. Ich wollte erst warten, bis ich wieder fit bin, ich wollte in der Zeit niemandem zusagen. Durch Corona hat sich dann auch vieles verändert. Denn keiner wusste ja, wie es weitergeht. Und dann hat es sich hier gut entwickelt. So war für mich klar, dass Skopje mein erster Ansprechpartner bleibt. Vardar ist ein super Klub, das ganze Land steht hinter dem Klub. Was Fußball in Deutschland ist, ist hier der Handball.

Sie können ja immer noch später zurück nach Deutschland.
Ja, genau, ich bin ja noch nicht so alt, dass ich am Ende meiner Karriere bin.

Gab es schon Kontakt zu Alfred Gislason, dem neuen Bundestrainer, den Sie vom THW Kiel kennen?
Nein. Ich habe die Entwicklung der Nationalmannschaft verfolgt. Natürlich würde ich noch einmal gerne Nationalmannschaft spielen, aber das ist von vielen Sachen abhängig. Man muss abwarten, wie es in Deutschland überhaupt weitergeht.

Was meinen Sie?
Ich glaube, dass die WM in Ägypten im Januar nicht verschoben wird. Wenn es im Oktober weitergeht, wirkt sich das für die Spieler auch mit Blick auf die WM aus. Denn dann muss man 30 Spiele in drei Monaten machen. Das ist nicht ohne. Vor der WM ist noch die EM-Qualifikation, im April die Olympia-Qualifikation.

Glauben Sie, dass der Handball seine Stellung, sein Niveau halten kann?
Ich glaube, man hat in der Krise vielleicht nicht früh genug klar Stellung bezogen. Somit waren die Spieler im Unklaren, wie es weitergeht. Man hat gehofft, die Saison zu Ende spielen zu können. Die Eishockeyer und die Volleyballer haben sich früh positioniert, dass die Saison vorbei ist. Der Fußball und der Basketball spielen nun wieder. Ich glaube, dass das am Ansehen genagt hat. Statt ins Risiko zu gehen, hat man versucht, Kosten zu sparen, was aber auch verständlich ist, denn der Etat der Handball-Klubs besteht zu einem Großteil aus Zuschauereinnahmen. Da sind die Klubs zu stark abhängig. Um ehrlich zu sein: Ich bin mir nicht sicher, ob es so weitergeht wie bisher. Es wird kurzfristig Einschnitte geben, falls der Impfstoff nicht kommt.

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