Fussball
Bundesliga-Neustart: Auch für die Schiedsrichter eine Herausforderung
Mehr als 140 Spiele hat Jochen Drees in der Bundesliga geleitet. Das, was nun auf die Unparteiischen zukommt, ist auch für ihn neu. „Das ist für alle ungewohnt und eine völlig andere Situation, die wir bisher noch nie erleben mussten“, sagt der Projektleiter Video-Assistent beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), der bis vor zwei Jahren noch als Allgemeinarzt in Münster-Sarmsheim (Kreis Mainz-Bingen) tätig war. Einzig Deniz Aytekin kann zusammen mit seinen Assistenten Christian Dietz und Eduard Beitinger sowie dem vierten Offiziellen Frank Willenborg berichten. Sie waren beim Geisterspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln (2:1) am 11. März im Einsatz.
Freude, aber auch Respekt
Doch die Situation hat sich zwei Monate später nochmals verändert. Auch die Schiedsrichter müssen sich an Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen halten. „Alle freuen sich, dass es wieder losgeht. Alle haben aber auch Respekt vor der neuen Situation“, betont Drees. Die Schiedsrichter werden sich auf das Coronavirus testen lassen. Bislang, so sagt Drees, sei nicht bekannt, dass es unter den 26 Erstliga- und 22 Zweitliga-Unparteiischen Corona-Infizierte gibt oder gab. Ein zweiter Test wird am Tag vor dem ersten Spiel der Schiedsrichter, Assistenten und vierten Offiziellen folgen. Im weiteren Verlauf werden die Unparteiischen am Vortag einer Partie getestet.
Wie der DFB mitteilt, wird bei den Spielen ohne Zuschauer nur noch das Schiedsrichterteam – bestehend aus dem leitenden Unparteiischen, den beiden Schiedsrichter-Assistenten und dem vierten Offiziellen – vor Ort sein. Der Schiedsrichterbeobachter wird die Partie vor dem Fernseher verfolgen. Das Team der Unparteiischen soll erstmals am Spieltag aufeinandertreffen. Doch was ist, wenn bei einem Schiedsrichter oder Assistenten ein positives Testergebnis vorliegen sollte? Dann, so teilt der DFB mit, „begibt sich der Unparteiische in sofortige Selbstisolation gemäß den geltenden behördlichen Vorgaben. Aufgrund der dezentralen Anreise des Schiedsrichterteams ist keine Quarantäne des gesamten Schiedsrichterteams erforderlich.“
Dingert könnte in Mainz pfeifen
Um den Reiseaufwand in dieser Situation zu reduzieren, setzt der DFB eine bisherige Praxis außer Kraft: Die Elite-Schiedsrichter können nun auch innerhalb ihrer Landesverbände eingesetzt werden. Heißt zum Beispiel für die pfälzischen Elite-Unparteiischen: Christian Dingert (TSG Burg Lichtenberg) sowie die Assistenten Tobias Christ (TB Jahn Zeiskam) und Timo Gerach (FV Queichheim) oder auch Christian Gittelmann (SpVgg Gauersheim) sowie Nicolas Winter (SV Hagenbach) könnten bei einem Heimspiel des FSV Mainz 05 im Einsatz sein. „Es besteht auch die Möglichkeit, dass Christian Dingert ein Spiel in Mainz pfeift“, kündigt Drees an.
Zwei bis zweieinhalb Stunden halte man als Anfahrt für einen Schiedsrichter vertretbar. So könnten Übernachtungen reduziert werden. Auch könne es in den Schiedsrichter-Teams zu neuen Besetzungen kommen. Hier soll mehr auf regionale Zusammensetzungen ein Augenmerk gelegt werden. Bislang war der Gauersheimer Gittelmann beispielsweise mit Schiedsrichter Tobias Stieler (Hamburg) unterwegs.
„Viele fühlen sich so fit wie nie“
Auf den Re-Start wurden die Unparteiischen vorbereitet – statt gemeinsamer Treffen gab es Schulungen auf digitalem Wege, auch mal ein Videoquiz. Vieles davon bewertet Drees positiv. Dinge, die man auch in der Zeit nach der Coronavirus-Pandemie anwenden könne. Videoszenen aus dem Geisterspiel in Mönchengladbach werden noch folgen. Zudem haben die Spielleiter in der Zwangspause Trainingspläne erhalten. „Wir haben die Rückmeldung bekommen, dass sich viele so fit wie nie fühlen“, erzählt der 50-Jährige.
Dass man nun aufgrund der fehlenden Fangesänge auch jeden Kommentar der Spieler und Trainer hören wird, ist eine neue Situation. Drees setzt hier auch auf ein verändertes Verhalten der Spieler: „Wir können uns vorstellen, dass die Spieler ohne die aufgeheizte Stimmung durch die Fans in so manchen Szenen ruhiger zur Sache gehen.“
Plexiglas im Video-Keller
Im Kölner Video-Assist-Center, dort, wo die Videoschiedsrichter im Einsatz sind, ist bereits fleißig gewerkelt worden. Das Personalaufkommen wird auf ein Minimum reduziert, erläutert der Projektleiter Video-Assistent. „Die zehn Arbeitsstationen sind voneinander getrennt worden.“ Auch innerhalb dieser Stationen gibt es nun Trennungen, Plexiglasscheiben sind aufgebaut worden. So muss an den Arbeitsplätzen kein Mundschutz getragen werden. Die Stationen selbst werden bei den Spielen von einem Video-Assistenten, dem Assistenten des Video-Assistenten und einem so genannten Operator – einem Videotechniker – besetzt sein. In der Bundesliga waren es zuvor zwei Techniker gewesen. „Der Operator wird nun ein bisschen mehr Arbeit haben.“
Drees weiß, dass der Bundesliga und Zweiten Liga in dieser Zeit nun eine Vorreiterrolle zukommen wird, was die Wiederaufnahme des Fußballs betrifft. „Die Augen, Ohren und Fernbedienungen der Welt werden auf die Bundesliga gerichtet sein“, hat die englische Zeitung „The Times“ geschrieben. „Natürlich gilt das auch für die Schiedsrichter und ihre Assistenten“, sagt der 50-Jährige. Das Ziel ist deshalb klar: Die ungewohnte Situation möglichst gut meistern.