Tischtennis RHEINPFALZ Plus Artikel Boll verliert Viertelfinale: Europameister der Herzen

Timo Boll (rechts) und Dang Qiu kennen sich gut. Die beiden sind Kollegen in der Nationalmannschaft und im Klub bei Borussia Düs
Timo Boll (rechts) und Dang Qiu kennen sich gut. Die beiden sind Kollegen in der Nationalmannschaft und im Klub bei Borussia Düsseldorf.

Die deutsche Tischtennislegende Timo Boll verliert zwar deutlich beim EM-Viertelfinale gegen Dang Qiu. Die Stimmung des Altmeisters trübt das aber nicht.

Da spielten zwei Deutsche gegeneinander – und doch waren die Sympathien klar verteilt. Dang Qiu muss sich gewundert haben, dass er einem klaren Sieg entgegensteuerte und die Menschen in der Rudi-Sedlmayer-Halle doch bei jedem Punktgewinn seines Gegenübers auf eine Wende hofften. Bei den European Championships hatte der 25-Jährige am Samstag ein Heimspiel ohne einen Heimvorteil – aber so ist das, wenn man gegen eine Legende antritt.

Timo Boll und Qiu, Kollegen in der Nationalmannschaft und im Klub bei Borussia Düsseldorf, standen sich im Viertelfinale im Tischtennis-Einzel gegenüber, und die Zuschauer hielten zu Boll. Der 41-Jährige hat vor 20 Jahren den ersten von acht EM-Titel gewonnen, und viele Fans wollten ihn in München zu seinem neunten Triumph schreien. Das gelang nicht, denn Boll war gegen Qiu chancenlos. Unerwartet deutlich siegte der 25-Jährige in 4:0-Sätzen, im letzten Durchgang deklassierte er den Mann, der ein Ido seiner Jugend war, mit 11:2.

Boll: „Ich höre noch nicht auf“

„Es ist schade, dass ich bei dieser Stimmung hier nicht besser spielen konnte“, sagte Boll etwas später. Er genoss die Ovationen der Besucher in der Halle sichtlich, er saugte sie in sich auf. Schon vor dem ersten Auftritt hatte er davon geschwärmt, im eigenen Land eine Europameisterschaft spielen zu können – und nach einem schweren Auftaktmatch anschließend mit zwei glatten 4:0-Erfolgen den Eindruck hinterlassen, in München nicht nur eine Medaille gewinnen, sondern Europameister werden zu können. Am Samstagvormittag platzte dieser Traum, in nicht einmal einer halben Stunde hatte Qiu alle Hoffnungen des Deutschen zerstört.

Nicht die Niederlage an sich, sondern die Deutlichkeit kam einer Ohrfeige für den Liebling des Publikums gleich. Zusammen mit dem fortgeschrittenen Alter von Boll führte das beinahe zwangsläufig zu der Frage, ob dies vielleicht seinen letzten Europameisterschaften gewesen sein könnten. Seit vielen Jahren schwingt dieses Thema immer mit, wenn Timo Boll spricht. Wie so oft zuvor sagte er am Samstag: „Ich höre noch nicht auf.“ Der Spaß an seiner Sportart sei ungebrochen hoch. Und schon jetzt freue er sich, demnächst im Training gegen Dang Qiu anzutreten.

Dang Qiu im Finale

Der dachte noch nicht an Übungseinheiten mit Boll und genoss am Nachmittag eine Partie mit vertauschten Rollen. Im Halbfinale gegen den Schweden Mattias Falck war der 25-Jährige der Liebling der Massen auf den Tribünen und mit der Unterstützung von außen spielte sich Qiu zum ersten Mal in seiner Karriere in das Endspiel im Einzelwettbewerb bei einer EM vor. Im Mixed und mit der Mannschaft war ihm dies in den Vorjahren gelungen, jeweils gab es am Ende die Goldmedaille. Jetzt folgte die Premiere im Einzel, weil Qiu drei perfekte Sätze zur 3:0-Führung spielte und im fünften Satz nervenstark genug war, um den Comeback-Versuch von Falck zu beenden.

„Dang hat sich enorm weiterentwickelt, er ist ein anderer Spieler geworden“, hatte Boll vor dem Halbfinale gesagt. Qiu ist der erste in Deutschland geborene deutsche Nationalspieler, der im Penholder-Stil spielt, der hauptsächlich in Asien verbreitet ist. Bei den familiären Hintergründen überrascht das nicht. Beide Elternteile des gebürtigen Nürtingers waren chinesische Nationalspieler, das Talent wurde ihm also in die Wiege gelegt.

Im Endspiel am Sonntag soll sich das mit dem ersten internationalen Einzeltitel auszahlen. Dang Qiu kann sich dabei im Duell mit dem Slowenen Darko Jorgic der Fanunterstützung in der Rudi-Sedlmayer-Halle sicher sein. Um Gold spielt auch Nina Mittelham (Willich), die sich im deutschen Halbfinalduell gegen die Vorjahres-Zweite Shan Xiaona (Berlin) 4:1 durchsetzte

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