Interview
Benjamin Matschke: „Ich bin den Eulen sehr dankbar und verbunden“
Herr Matschke, Sie sind das Älteste von sechs Geschwistern. Vier Ihrer Geschwister leben auf dem Weg nach Göppingen, auf dem Weg zu Ihrem neuen Klub. Wer wird wann besucht?
Da gibt es keine Reihenfolge. Ich freue mich, einfach wieder näher bei meiner Familie zu sein. Mit dem einen hat man ein paar Monate mehr Kontakt, mit dem anderen weniger. Trotzdem fühlt man sich nahe. Alle unterstützen mich großartig und wünschen mir und dieser herausfordernden Aufgabe viel Erfolg.
Sieben Neuzugänge, neun Abgänge: Ihre neue Aufgabe bei Frisch Auf! Göppingen erinnert ein wenig an den Umbruch bei der HSG Wetzlar. Kann man das vergleichen? Ist das nicht schon wieder eine sehr schwere Aufgabe?
Definitiv. Ein Umbruch bringt immer gewisse Hürden mit sich, aber auch Chancen. Beides gilt es ausgewogen zu kommunizieren. Als ich damals bei den Eulen angefangen hatte, waren 13 Abgänge und neun Zugänge zu verzeichnen. Nicht jeder Umbruch, jeder Verein ist vergleichbar.
Welche Erkenntnis ziehen Sie aus der Zeit in Wetzlar?
Wir hatten im Kader zehn verschiedene Nationen vertreten. Eine einheitliche Sprache auf dem Feld zu finden, war zu Beginn nicht ganz einfach. Deutsch und Englisch konnten leider nicht alle Spieler sprechen. Zudem hatten wir die zweitjüngste Mannschaft der Liga gestellt. Viele Spieler hatte wenig bis keine Bundesligaerfahrung. All das sind Faktoren, die einen Einfluss auf einen Prozess haben.
Was haben Sie damit gelernt in Wetzlar für Ihre Trainerkarriere, was war im Nachhinein am wichtigsten?
Eine Freistellung gehört zum Geschäft und leider zum Traineralltag. Es dann aber zu erleben, ist wieder eine andere Seite der Medaille. Der Prozess, den man durchlebt, ist schon speziell und fordert viel Rückhalt und Selbstvertrauen. Mir ist noch mal klar bewusst geworden, was ich möchte und was nicht. Im Prinzip ist es ein intensiver Reifeprozess der eigenen Persönlichkeitsstruktur.
Frisch Auf! Göppingen ist ja immer noch verwöhnt, der letzte Europapokalsieg gelang im Jahr 2017. Bringt das Umfeld die nötige Geduld mit?
Das hoffe ich! Ich glaube, wer uns bisher beobachtet, der sieht eine Mannschaft, die eine hohe Energie hat, eine hohe Bereitschaft. So werden wir in die Saison gehen, die Charaktere passen wirklich gut zueinander. Was möglich ist, das ist eine Frage, die superschwer zu beantworten ist. Wir denken in kleinen Schritten. Wir haben Wochenziele, wir haben individuelle Ziele. Einiges haben wir schon geschafft, aber wir wissen, dass wir noch viele Schritte vor uns haben. Man darf nicht vergessen: Im Moment trainieren wir ja gerade in einer stressfreien Zeit, und der Bundesliga-Stress wird uns noch einmal vor eine ganz andere Prüfung stellen. Es ist extrem schwer einzuschätzen, was möglich ist. Ich glaube, die Mannschaft hat sehr viel Potenzial. Sie wird das eine oder andere Mal über sich hinauswachsen, das ist durchaus möglich, es kann aber sicherlich auch Spiele geben, bei denen wir hinterher sagen: Da müssen wir noch einmal nachjustieren.
Fußball-Trainer, die auf einen neuen Job warten, hospitieren, beispielsweise bei Pep Guardiola. Wie haben Sie die freie Zeit genutzt?
Die ersten Monate, da bin ich ehrlich, habe ich überhaupt keinen Handball geschaut. Ich war nicht bereit, gleich wieder in ein Hospitationsthema zu gehen. Wie bereits beschrieben durchlebt man unterschiedliche Phasen der Reflexion. Aber dann kam auch der Zeitpunkt, da habe ich mich sehr viel ausgetauscht mit Trainern, auch mit internationalen Trainern. Handball war wieder interessant für mich. Ich habe die Göppinger Neuzugänge frühzeitig betreut, ich hatte viele Einzelgespräche mit ihnen, habe Videos geschnitten, hatte Gespräche mit Spielern des bestehenden Kaders. Ich wollte einfach, dass die Jungs ins erste Training kommen und das Gefühl haben, sie arbeiten mit mir schon länger zusammen
Wie heiß war Ihr Flirt mit den Eulen im Frühjahr vor einem Jahr? Da gab es theoretisch die Möglichkeit zur Rückkehr. War das eine Option?
Die Eulen werden für mich immer eine Option sein. Ich bin diesem Verein sehr dankbar und verbunden. Ich tausche mich immer noch regelmäßig mit den Verantwortlichen Lisa Heßler und Philipp Grimm aus. So spricht man auch über aktuelle Themen und Entwicklungen.
Meine Tür wird immer offen sein für die Eulen. Zu dem von Ihnen beschriebenen Zeitpunkt gab es aber noch keine Einigung mit der HSG Wetzlar. Ich hatte ja einen bis 2025 gültigen Vertrag.
Sie haben immer darauf Wert gelegt, noch einen Tag als Lehrer am Gymnasium in Schwetzingen zu arbeiten. Das war Ihnen wichtig. Wie ist der Stand?
Das stimmt. Mir ist der Austausch mit Schulkollegen und der Vormittag ohne Handball als Ausgleich sehr wichtig. In Wetzlar war ich ein Vormittag an der Schule, bei den Eulen waren es zwei Tage. Es wird sich ergeben, ob Trainingszeiten und Stundenplan kompatibel sind. Bisher konnte ich zusammen mit Schule und Verein immer eine für alle Seiten gute Lösung finden.