EM-Tagebuch
Bella, die Getränke und eine neue Zeit
Als Bella liebevoll getätschelt wurde, stand ich einigermaßen fassungslos daneben. In solchen Momenten frage ich mich, ob es an mir liegt oder die Welt um mich herum verrückt geworden ist.
Während der European Championships bliebt nicht immer Zeit, in Ruhe etwas zu essen, vor allem tagsüber nicht. Ich bin meist irgendwo an einem Wettkampfort, schaue mir an, was passiert, spreche mit Athleten oder Trainern, schreibe einen Text, und danach geht es zum nächsten Wettkampfort. Vom BMX zum Rudern, vom Klettern zur Leichtathletik oder vom Beachvolleyball zum Tischtennis. Es hilft, dass ich gute Turnschuhe habe, denn ich würde vermutlich ein paar Rekorde brechen, wenn ich einen Schrittzähler hätte. Habe ich aber nicht.
Ab in den Donisl
Dafür hatte ich Lust und endlich mal etwas Zeit, um mit einigermaßen Ruhe etwas essen zu gehen. Wer in München ist, sollte einmal in einem der großen Brauhäuser essen gehen. Das Hofbräuhaus ist weltberühmt, ich entschied mich aber für das Donisl am Marienplatz. Der Münchner wird wohl eher nicht in die „Touristenburg“ gehen, aber ich bin ja kein Münchner. Endlich mal bayerisch essen, dazu eine eiskalte Apfelschorle. Ein Helles verkniff ich mir, es stand ja noch viel Arbeit an.
Alles lief nach Plan, ehe ich auf die Toilette ging – und auf dem Weg dorthin an einem merkwürdigen Etwas vorbeilief, das ich nicht einordnen konnte. Das änderte sich auf dem Rückweg, als sich dieses Etwas plötzlich bewegte. Ich traute meinen Augen nicht, ich sah zum ersten Mal in meinem Leben einen Roboter, der Getränke transportierte. Weißbier, Wasser, Rotwein – nichts ist dem Roboter zu schwer.
Die menschliche Kellnerin schwärmt
Einigermaßen verwirrt setzte ich mich zurück auf meinen Platz, rief aber alsbald eine Bedienung zu mir, eine aus Fleisch und Blut, um mich aufklären zu lassen. Martha war gerne bereit, mir Auskunft zu geben. „Das ist Bella, sie ist toll“, sagte Martha mit einem liebevollen Blick in Richtung dieses Kunststoffdings. Auf meine Frage, wie lange es die technische Neuheit im altehrwürdigen Donisl schon gebe, sagte Martha: „Als ich kam, war sie schon da, aber ich habe auch erst am Montag vor einer Woche angefangen.“ Aha.
Bella unterstützt die Bedienungen im Außenbereich, der bei dem derzeitigen tollen Wetter in München rund um die Uhr voll besetzt ist. Um den menschlichen Servicekräften unnötige Wege zu ersparen, werden die Getränkebestellungen direkt an die Küche übermittelt, dort bei Bella deponiert, die dann auf ihren kleinen Rollen durch den Innenraum bis hin zum Terrassenbereich fährt, wo die menschlichen Kollegen den Rest übernehmen.
Lieber aus Fleisch und Blut
Das mag clever sein, vielleicht sogar fortschrittlich, aber mich irritiert es. Wenn ich im Donisl am Marienplatz in München sitze, freue ich mich auf Bedienungen aus Fleisch und Blut. Gerne dürfen Sie ihren Job übellaunig verrichten, denn daran erkenne ich, dass sie wie ich Emotionen haben.
Ich möchte keine Gefährt sehen, das von Martha beim Vorbeigehen liebevoll getätschelt wird.