Fußball
Außenseiter Katar schwer einzuschätzen
Die meisten europäischen Zuschauer, die sich am Sonntag trotz der vielen Boykottaufrufe dazu hinreißen lassen, das Eröffnungsspiel der Fußball-WM zwischen Katar und Ecuador anzusehen, werden sich auf ziemlich unbekanntes Terrain begeben. Aus dem Team der Südamerikaner sind immerhin Leute wie Piero Hincapie (Bayer Leverkusen) oder Carlos Gruezo (Augsburg) bekannt, für Katar hingegen werden ausschließlich Spieler auflaufen, deren Namen allenfalls Experten für den asiatischen Fußball etwas sagen. Wer es jedoch darauf anlegte, konnte diese Mannschaft während der vergangenen sieben Monate besser studieren als jeden anderen Teilnehmer der Weltmeisterschaft.
Für eine Überraschung sorgen
Der spanische Trainer Felix Sanchez feilt seit Juni ununterbrochen an der Performance der Gastgebernation, die für eine große Überraschung sorgen möchte. Mehr als 30 meist inoffizielle Länderspiele haben die Katarer während ihrer wochenlangen Trainingslager in Spanien und Österreich gegen Klub- und, regionale Auswahlteams, aber auch ein paar richtige Nationalmannschaften bestritten. Am Ende dieser Planungsphase sagt Sanchez in einem Interview mit der spanischen Zeitung „Marca“ über die Ambitionen seiner Mannschaft: „Ich spreche nicht darüber, den Titel zu gewinnen, aber auch 2019 war es schwierig sich vorzustellen, dass wir Asienmeister werden.“ Dennoch ist es Katar damals nach Siegen über Südkorea und im Finale gegen Japan gelungen, das asiatische Pendant zur EM zu gewinnen. „Im Fußball kann alles passieren“, sagt Sanchez.
Team abgeschottet
Aussagen mit deutlich mehr Substanz sind nicht so einfach zu bekommen von den Trainern, den Spielern und den Verantwortlichen des Fußballverbandes, der die Mannschaft nun monatelang von der Öffentlichkeit abgeschottet hat. Das Team hielt sich während der heißen Sommerwochen in Zell am See auf, wo auch die Familien der Fußballer einquartiert worden waren, damit sich niemand einsam fühlte. Später zog der Tross nach Wien um und trainierte dort wochenlang in einem eigens errichteten Trainingskamp in Schwechat vor den Toren der Stadt, wo selbst die meisten Einwohner nichts von dem Besuch aus der Wüste wussten. Alle paar Tage wurde meist vor leeren Rängen getestet. Zuletzt oft mit einer eher defensiven Konterstrategie: Fünferkette, drei defensive Leute im Mittelfeld und zwei sehr schnelle Angreifer. Respektable Ergebnisse wie ein 2:2 gegen Chile oder ein 2:1 gegen Bulgarien und ein 1:0 gegen Albanien kamen dabei heraus.
Nur sprechen mochte niemand, was wohl auch mit einer Erfahrung von vor eineinhalb Jahren zusammenhängt. Vor einem Spiel in Irland knieten sich die irischen Spieler damals auf den Rasen, um ihre Solidarität mit der Black-Lives-Matter-Bewegung zu bekunden, die Kataris blieben stehen. Eine Antwort auf die Frage nach dem Grund für dieses Verhalten verweigerte Trainer Sanchez damals, am Ende blieb nur dieses Thema, das Geschehen vom Platz interessierte niemanden mehr. Die Spieler und ihr Umfeld sind angreifbar, also meiden sie die Öffentlichkeit. Dabei gäbe es auch jenseits der politischen und moralischen Ebene interessante Fragen: Wie hat die Mannschaft sich in den vergangenen Jahren entwickelt, in denen sie an der Südamerikameisterschaft und – außer Konkurrenz – an der europäischen Qualifikation für die WM 2022 teilgenommen hat? Spüren die Angehörigen des Teams Druck aus der Heimat? Haben einzelne Spieler überraschende Fortschritte gemacht? Welche Ambitionen haben sie bei der Heim-WM?
Sie wollen sich nicht äußern
Spieler- oder Trainerzitate aus den vergangenen Monaten sind selbst bei Google kaum auffindbar, und Versuche, am Rande einer Partie gegen Chile im September ins Gespräch zu kommen, laufen ins Leere. Zwar sagt niemand: Nein, wir wollen uns nicht äußern, vielmehr wird einfach geschwiegen. Interviewanfragen an den Verband bleiben ebenso unbeantwortet wie eine Mail an den Kommunikationschef des nationalen Fußballverbandes Ali Al Salat. Pressekonferenzen oder Kurzinterviews mit Spielern gibt es nicht.
Also lohnt ein Besuch im belgischen Grenzgebiet zu Deutschland, wo die Katarer mit der KAS Eupen eine Art Farmteam unterhalten, in dem etliche der WM-Spieler Erfahrungen in Europa sammeln sollten. „Ich bin mir sicher, dass sie in der langen Vorbereitung versucht haben, verschiedene taktische Ausrichtungen zu perfektionieren. Aber natürlich sind sie ein Außenseiter, der versuchen muss zu überraschen, wenn er erfolgreich sein will“, sagt Christian Henkel, der Generaldirektor des belgischen Erstligaklubs, der mal wieder gegen den Abstieg kämpft.
Die Gäste aus Katar, zu denen auch die Offensivstars Akram Afif und Almoez Ali, sowie der starke Linksverteidiger Abdelkarim Hassan zählten, „hatten einen guten Willen und gerade die menschliche Seite war absolut top“, sagt Henkel. Wirklich einschätzen kann aber auch er die Stärke der Mannschaft nicht. Seit 2018 spielen die Nationalspieler ausschließlich in der heimischen Liga, und wenn am Sonntag wegen der fehlenden Vorbereitung tatsächlich eine Form-Schlägt-Klasse-WM bevorsteht, haben die Gastgeber vielleicht entscheidende Vorteile, weil kein anderes Team sich so gründlich vorbereiten konnte – nicht nur in den vergangenen Monaten.
Mit Teilen der Mannschaft arbeitet der 46 Jahre alte Sanchez, der bereits 2006 aus der Nachwuchsakademie des FC Barcelona nach Doha kam, seit Jahren zusammen. Mit einigen Spielern wurde er 2014 U19-Asienmeister, Schlüsselspieler wie Afif lernte er bereits als Kind kennen. In ihrem Wachstum erinnern die Katarer damit durchaus an den SC Freiburg und ihren Trainer Christian Streich, der im Jahr 2022 zum gefährlichsten Außenseiter der Bundesliga geworden ist. Genau diese Rolle wünschen sich auch die Katarer.