Handball RHEINPFALZ Plus Artikel Andreas Wolff: Gegen den Strom

Emotional und meinungsstark: Andreas Wolff.
Emotional und meinungsstark: Andreas Wolff.

Andreas Wolff wird im März 30 Jahre alt. Er steht seit fünf Jahren, seit seinen herausragenden Leistungen bei der Europameisterschaft in Polen, im Zentrum der deutschen Handball-Öffentlichkeit. Jüngst sorgte er so für Aufsehen.

Der Torwart kennt sich im Umgang mit Medien aus und war nicht emotional aufgewühlt, als er sich zuletzt mehrfach zu den Nationalspielern äußerte, die nicht wie er am Dienstag im Flugzeug in Richtung Ägypten saßen. Seine Kritik an den Kollegen, die wegen der Corona-Pandemie auf ein Mitwirken bei der Weltmeisterschaft verzichteten, entsprang nicht eines unüberlegten Momentes, sie geschah nicht „aus dem Bauch heraus“ – die Kritik platzierte der Keeper bewusst.

„Ich muss die Meinung der Jungs respektieren, die nicht mit dabei sind“, sagte Wolff in einem ruhigen Moment während des Trainingslagers der deutschen Nationalmannschaft in Neuss. Er wirkte dabei ruhig und reflektiert. Wolff sagte auch: „Die Jungs müssen meine Meinung auch respektieren.“

Reaktion bewusst provoziert?

Wolff steht seit ein paar Tagen gewiss im Zentrum der Aufmerksamkeit innerhalb der Mannschaft, die den Deutschen Handballbund (DHB) bei der WM in Nordafrika vertreten wird. Bundestrainer Alfred Gislason äußerte sich zu seiner Nummer eins, DHB-Sportvorstand Axel Kromer erklärte die Sicht des Verbandes, und der ein oder andere Nationalmannschaftskollege von Wolff wurde befragt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Wolff derlei Reaktionen bewusst provoziert hat. „Das sehe ich natürlich sehr, sehr kritisch. Dass sie die WM fahren lassen, obwohl sie permanent in der Champions League aktiv waren und auch dort Corona aufgetreten ist“, hatte der Torwart mit Blick auf die Absagen der Topspieler des THW Kiel gesagt.

Wolff lädt Druck auf sich

Wolff weiß, dass er mit den Aussagen nicht nur Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, sondern auch den Druck für sich selbst erhöht hat. Beim letzten Test vor dem WM-Auftaktspiel am Freitag gegen Uruguay hielt er ihm stand, beim 34:20 gegen Österreich wehrte er in der ersten Halbzeit mehr als die Hälfte der Würfe ab, die in Richtung seines Tores flogen – Wolff war in Weltklasseform. „Es ist ein tolles Gefühl, hinter so einer Abwehr zu stehen“, sagte er danach. Der Keeper hat seine Rolle in der unerfahrenen Mannschaft angenommen, er möchte als Führungsspieler wirken und wahrgenommen werden.

„Ich bin schon ein paar Jahre dabei und deshalb sehe ich meine Aufgabe darin, zu helfen und zu unterstützen“, sagt der Mann, der die Gegenspieler mit seiner hünenhaften Gestalt, seinen schnellen Bewegungen und dem aus den Augen quillenden Ehrgeiz zur Verzweiflung treiben kann, wenn er in Bestform ist. In der Vergangenheit war es immer wieder der Fall, dass er seine besten Spiele machte, wenn er sich zuvor gerieben hatte. Wolff muss unter Spannung stehen, um sein bestes Niveau zu erreichen. Ein nicht unwesentlicher Nebeneffekt der öffentlichen Fokussierung auf den Torhüter: Die Teamkollegen verspüren vor der WM noch weniger Druck, weil Wolff viel davon auf seine Schultern geladen hat.

2016 schwamm war Wolff auch gegen den Strom

Vor ein paar Jahren ist Wolff schon einmal gegen den Strom geschwommen. Vor der Europameisterschaft 2016 in Polen sorgte er in der Fachwelt zunächst für Schmunzeln, als er noch vor dem ersten Auftritt der deutschen Mannschaft wie selbstverständlich verkündete, den Titel gewinnen zu wollen. „Ich will jedes Spiel gewinnen und am Ende den Pokal in den Händen halten“, sagte der Torhüter, der neu im Kader war und fast unerkannt bei der HSG Wetzlar in der Bundesliga spielte.

Die deutsche Auswahl litt damals ebenfalls unter der Absage einiger arrivierter Kräfte und befand sich ohnehin auf der Suche nach dem Erfolg. Für die EM 2014 war das Team nicht qualifiziert, bei der WM ein Jahr später reichte es immerhin zum siebten Rang, nachdem Deutschland nur aufgrund einer vom Weltverband vergebenen und heftig umstrittenen Wildcard mitspielen durfte. Deutschland war im internationalen Handball keine große Nummer, doch Wolff war überzeugt von den Chancen.

Knapp drei Wochen später schmunzelte niemand mehr, denn Wolff feierte in Krakau mit seinen Kollegen den EM-Titel und avancierte zum herausragenden Akteur einer bis dahin weitgehend unbekannten Mannschaft. Wolff war der beste Spieler des Finales, wurde zum besten Torhüter des Turniers gekürt und sagt vor dem Start der Weltmeisterschaft in Ägypten: „Ein paar Parallelen zu damals sehe ich schon.“

x