Hintergrund
Als Ringer Wilfried Dietrich die Welt verblüffte
Was war passiert? In der Halle auf dem Messegelände donnerte der Schifferstadter (1,83 Meter groß, 115 Kilogramm schwer) den US-amerikanischen Koloss Chris Taylor (1,96 m, 191 kg) auf die Matte.
Was für ein Schnappschuss
Das legendär gewordene Foto gelang dem dpa-Fotografen Hartmut Reeh. Umgehend ging der Schnappschuss um die Welt. Der „Superwurf“, abgebildet in Größenvariationen von der Postkarte bis zum Riesenplakat, kann bis heute an Sportstätten auch außerhalb Deutschlands bestaunt werden. Die Aufnahme schaffte es damals in die Endausscheidung der „Weltmeisterschaft“ der Fotojournalisten (World Press Photo Contest) und stellte den damals 38-jährigen Wilfried Dietrich bei seinem letzten olympischen Turnier über den Ringersport hinaus auf den Sockel legendärer Athleten.
Dietrich nach dem Kampf aus dem Häuschen
Der Sieger des Griechisch-Römisch-Duells in dem 1972 erstmals olympisch angesetzten Superschwergewicht (über 100 kg) war noch Minuten nach dem Wurf außer sich. „Hosch gseh, hosch gseh, wie ich des gemacht hab!“, sprudelte Dietrich mir, dem damaligen Redakteur dieser Zeitung, entgegen und verriet sogleich, wie er „des gemacht hot“, das Umfassen der gewaltigen Leibesmitte des Amerikaners.
„So, do guck hi, so hab ich des gemacht, mit moim Spezialgriff, ich bin grad noch um den Klotz vun Ami rum kumme“. Der überglückliche Gewinner krallte jeweils zwei, drei Fingerspitzen aneinander, hob und senkte seine somit im Halbkreis geschlossenen Arme einige Male nacheinander und demonstrierte damit dem Journalisten, wie er Chris Taylor über sich gezogen und auf die Schultern geworfen hatte.
Die Hoffnung, den Abschluss seiner Laufbahn noch einmal mit einer Olympiamedaille krönen zu können – bis dahin je einmal Gold und Silber, dreimal Bronze – blieb Dietrich versagt. Im Kampf gegen den Rumänen Victor Dolipschi führte eine umstrittene Entscheidung des rumänischen (!) Kampfrichter-Obmanns zur dritten Verwarnung des Deutschen, der deswegen wegen Passivität von der Matte geschickt wurde.
Schifferstadter wütend
Zum Bronzeduell trat der wütende Dietrich („Des war nix wie Bschiss“) nicht an. So holte der Weltmeister Anatolij Rostschin aus der UdSSR am 10. September, dem Schlusstag der Ringerduelle, in der griechisch-römischen Stilart die Goldmedaille vor Alexander Tomov (Bulgarien) und dem Rumänen Victor Dolipschi. Der Pfälzer wurde Vierter, gemeinsam mit dem Ungar Joszef Csatari.
Der Griechisch-Römisch-Kampf Dietrich gegen Taylor war das zweite Münchner Olympiaduell der beiden. In dem bereits am 31. August beendeten Freistil-Duell wurde Dietrich Fünfter, hinter Alexander Medwed (UdSSR, Gold), Osman Duraliev (Bulgarien, Silber), Chris Taylor (USA, Bronze), Moslem Filabi (Iran, Vierter.
Ein weiteres Treffen sechs Jahre später
In ihrem ersten Aufeinandertreffen hatte der von seinen Landsleuten „Big Baby“ Koloss Taylor den Schifferstadter förmlich unter sich begraben. Im Verlaufe dieses Kampfes und danach beim gemeinsamen Aufwärmen vor dem zweiten Duell der beiden hatte der Pfälzer „s'erschte Mol prowiert, ob ich um den Ami rum kumm“.
Fast auf den Monat genau sechs Jahre nach ihren Münchner Olympiaduellen, im Oktober 1976, begegneten sich Wilfried Dietrich und der am 13. Juni 1950 in Dowagiac/Michigan geborene Christopher J. „Chris“ Taylor erneut. Der Deutsche in Zivil, der Amerikaner im Sportdress, radebrechten sie miteinander in der Ludwigshafener Friedrich-Ebert-Halle. Anlass: Angekündigt als „der Welt schwerster und teuerster Catcher“, gastierte Taylor in der Chemiestadt.
Taylor starb 1979 in Story City/Iowa, Dietrich am 3. Juni 1992 in Durbanville/Südafrika