Kolumne
Der Fußball und seine Fans: Liebesentzug
Man darf den Kopf, aus gesundheitlichen Gründen, gar nicht so heftig schütteln wie man gelegentlich müsste: Bayern München will im Februar in Katar an der Klub-WM teilnehmen. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge findet das ganz wunderbar, sieht darin überhaupt kein Problem und bedankt sich öffentlich bei der Fifa, die es seinem Verein auch in diesen Zeiten gestattet, einen weiteren Titel einzuheimsen. Es wäre der sechste von sechs möglichen – und einer mit bitterem Beigeschmack.
Das Mini-Turnier in der Wüste, dessen sportlicher Wert sich in Grenzen hält, gehört generell schon in die Kategorie fragwürdig und verzichtbar. Während einer Pandemie aber sollte die Teilnahme daran erst recht kritisch hinterfragt werden. Katar ist nicht Köln – die Mannschaft muss weit reisen. Der sowieso schon enge Bundesligaspielplan muss entweder umgeschrieben werden – oder die Bayern teilen ihren üppigen Kader auf. Der Meister hätte mit Liga, Pokal, Champions League und Klub-WM möglicherweise in 17 Tagen sechs Partien zu bestreiten. Und während sonst immer über die zu hohe Belastung der Profis gejammert wird, ist das in dem Fall kein Thema. Klar, der Sponsor (Quatar Airways) winkt mit den Scheinchen, Karl-Heinz Rummenigge winkt zurück und quetscht das Turnier in den Terminplan.
Wäre nicht gerade jetzt weniger mehr?
Muss denn in Corona-Zeiten jedes Fußballspiel um jeden Preis durchgeprügelt werden? Europa-League-Quali in Armenien, Nations League, Test-Länderspiele? Oder wäre gerade jetzt weniger mehr? Ein anderer, verkleinerter Modus? Absagen? Verschieben? Es sind nämlich solche (und andere) Entscheidungen, die dafür sorgen, dass die Fans dem Profifußball ihre einst (fast) bedingungslose Liebe weiter entziehen. Als im September endlich wieder Zuschauer in die Stadien durften, da wurden komplizierte Konzepte entwickelt, um die wenigen Karten gerecht zu verteilen. Am Ende blieben sogar aus den Mini-Kontingenten Tickets übrig. Auch im Fernsehen sinken die Einschaltquoten stetig.
Der Fanforscher Harald Lange nennt das Ent-Emotionalisierung. „Es geht schon lange nicht mehr um Unterhaltung, um Spaß, um Gefühle.“ Sondern ums Geldverdienen. Zugegeben haben das die Klubs gewissermaßen im Mai, als sie den Re-Start auch damit begründeten, dass sie Wirtschaftsbetriebe seien und keine Freizeiteinrichtungen. Das war wenigstens ehrlich. In der Krise zeigt mancher sein wahres Gesicht. Auch Herr Rummenigge.