1. FC Kaiserslautern
FCK-Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt im Interview: „Lücke um über eine Million größer“
Herr Voigt, vor knapp vier Monaten sind Sie, ein Dortmunder, nach 18 Jahren bei Eintracht Braunschweig in die Pfalz gekommen. Was bietet Ihnen Kaiserslautern, was die anderen beiden Städte nicht haben?
Der Betzenberg hält mich in seinem Bann – und das, wie es schon immer war, weit über die 90 Minuten hinaus. Leider habe ich daher von Kaiserslautern und der Region noch nicht viel gesehen. Das werde ich ganz sicher nachholen.
Wie ist der Kontakt zur Familie in Dortmund – vor allem jetzt während der Corona-Krise?
Unter der Woche bin ich auch jetzt die allermeiste Zeit im Fritz-Walter-Stadion in meinem Büro. An den Wochenenden kann ich bei meiner Familie zu Hause sein.
Vier Monate Vollgas: Investorensuche, zähes Ringen um die Stadionpacht, alles unter dem Titel „chronische Finanznöte“, der Konflikt des Trainerteams mit Gerry Ehrmann, dessen Freistellung und fristlose Entlassung, Fanproteste, sportliche Berg- und zuletzt Talfahrt. Und jetzt obendrein auch noch die existenzbedrohende Coronavirus-Krise samt Kurzarbeit. Mehr geht kaum. Welches dieser Themen bereitet Ihnen jetzt gerade am meisten Kopfschmerzen?
Ganz klar die finanzielle Situation unseres Klubs. Die fehlenden Einnahmen verschärfen die ohnehin schon großen Probleme erheblich. Zudem liegen nahezu alle Gespräche mit möglichen Investoren auf Eis. Natürlich kümmert sich in einer solchen, nie da gewesenen Krise auch erst einmal jeder um seine Gesundheit, die der Familie und um sein eigenes Unternehmen.
Wie ist Stand der Dinge in Sachen Ehrmann – landet der Fall vor Gericht?
Davon gehen wir aktuell aus.
Mit dem Ziehen der Bürgschaft des möglichen künftigen FCK-Aktionärs Flavio Becca über 2,6 Millionen Euro haben die Roten Teufel nun eine handfeste Geschäftsbeziehung mit dem Luxemburger Unternehmer. Wie sehr ist der FCK darauf angewiesen, dass Herr Becca nun auch Eigenkapitalgeber wird, oder wie gehen Sie mit der Verpflichtung um, die aus der Bürgschaft entstanden ist?
Die Bürgschaft ist ein Darlehen. Bereits im Jahr 2019 haben meine Vorgänger im Amt diese Geschäftsbeziehung zu Herrn Becca zur Sicherung der Liquidität vorbereitet. Es war schon damals allen Beteiligten klar, dass es Richtung Ende der Saison sehr eng wird. Nach wie vor hat Herr Becca natürlich die Möglichkeit, das Darlehen in Anteile umzuwandeln.
Ende Februar haben Sie von einer elf Millionen Euro betragenden Liquiditätslücke des FCK bis 30. Juni 2021 gesprochen. Inwiefern ändert sich diese Größe durch die Coronavirus-Krise?
Die Lücke wird um mehr als eine Million Euro größer werden.
Wie hat Corona das laufende Lizenzierungsverfahren des DFB verändert? Wann bekommen die Klubs Rückmeldung, wie hilft der DFB ?
Die nächste Videokonferenz mit dem DFB soll noch vor Ostern stattfinden. Unmittelbare finanzielle Unterstützung für uns erwarte ich vom DFB allerdings nicht. Stattdessen hat der Verband die dringende Aufgabe, dem Amateurfußball über die schwierige Phase zu helfen.
Was bedeutet das für die Drittligisten, die ja Profiklubs sind, aber nicht der DFL, sondern dem DFB unterstehen?
Den Vereinen der Dritten Liga müssen zumindest außerordentliche Erleichterungen im Lizenzierungsverfahren zugesichert werden. Unter anderem müssen alle Fristen für den Nachweis der Finanzierung der kommenden Saison 2020/21 verlängert und Hürden gesenkt werden. Wie gesagt: Worüber sollen wir mit Sponsoren und Investoren sprechen, wenn heute niemand weiß, wann wir überhaupt wieder Fußball in einem Stadion und vor Zuschauern spielen dürfen? Diese Zeit fordert alle zu größter Flexibilität und Kreativität auf!
Ergeben Geisterspiele für Drittligisten überhaupt Sinn – das Verhältnis Zuschauereinnahmen/TV-Erlöse fällt in dieser Liga doch meist klar zugunsten der Zuschauereinnahmen aus?
Das ist richtig. Allerdings muss so bald wie möglich die Frage beantwortet werden, wie die Saison beendet wird, wenn nahezu sicher ist, dass wir in den nächsten Monaten nicht mehr mit Zuschauern spielen dürfen und Stand heute selbst Geisterspiele nicht möglich sind.
Welche Hilfen außer einem möglichst schnellen Millionen-Engagement von Investoren kann der FCK in der Corona-Krise erwarten: Gilt das Hilfspaket des Bundes auch für Fußball-Drittligisten?
Wir sind zwar sehr viel mehr als „nur“ ein mittelständisches Unternehmen mit knapp 100 Mitarbeitern. Wir stehen in dieser Phase aber wie so viele massiv unter Druck. Wir prüfen gerade, ob das Hilfspaket in einzelnen Bereichen auch für uns infrage kommt. An dem Gesetz zur befristeten, krisenbedingten Verbesserung der Regelungen für das Kurzarbeitergeld partizipieren wir bereits. Die haben wir als einer der ersten Klubs in Deutschland sofort eingeleitet.
Welche Szenarien haben Sie für den FCK entwickelt in Vorbereitung auf die unsicheren Wochen und Monate?
Wir bereiten uns auf alle denkbaren Szenarien vor. Nur die Verbesserung der zentralen Parameter unserer finanziellen Leistungsfähigkeit, also der Liquidität und des Eigenkapitals, ermöglicht uns den Blick in die Zukunft.
Sind die Drittligisten finanziell jetzt noch „erpressbarer“ und noch mehr darauf angewiesen, Spieler in höhere Ligen ziehen zu lassen, um Transfereinnahmen zu erzielen? Beispiele beim FCK: Lennart Grill nach Leverkusen; Florian Pick und Christian Kühlwetter werden beim Zweitligisten Heidenheim gehandelt …
Nein, das sehe ich nicht. Auch in der Bundesliga und in der Zweiten Bundesliga gibt es viele Vereine, die um ihr Überleben kämpfen. Jeder hat jetzt andere Probleme, als Transfers zu tätigen. Wir arbeiten natürlich in allen Bereichen weiter, aber die Prioritäten haben sich in dieser Zeit verschoben.
Sie sind Hockeyspieler gewesen. Was kann der Fußball vom Hockey lernen?
Ja, ich komme aus einer Hockeyfamilie, habe schon mit drei Jahren angefangen und als Mittelstürmer bei der Dortmunder Hockey Gesellschaft gespielt. Ich bin aber auch sehr lange großer Fußballfan. Das Fußballgeschäft ist vor fast 25 Jahren zu meinem Beruf geworden. Die Sportarten sind mittlerweile ziemlich verschieden, wenngleich es in jedem Mannschaftssport wichtig ist, gerade in schwierigen Zeiten wie jetzt zusammenzustehen.
Apropos zusammenstehen: Ein paar Worte zu den FCK-Fans, bitte. Stichwort: Verzicht auf Rückerstattungen einerseits, finanzielle Schäden für den Klub durch Pyrotechnik andererseits.
Der FCK braucht seine treuen Anhänger mehr denn je. Sobald wir wissen, ob die verbleibenden Spiele ohne Zuschauer ausgetragen werden müssen oder ob sie komplett wegfallen, werden wir unmittelbar auf alle unsere Dauerkartenbesitzer und Sponsoren zugehen. Wir hoffen, gemeinsam mit allen eine Lösung zu finden.
Und die Pyrotechnik etwa beim Derby in Mannheim?
Die zu erwartende Strafe wird enorm sein – ein Schaden verursacht von wenigen. Den brauchen wir nicht nur jetzt nicht. Alle Beteiligten versuchen, einzelne Täter dingfest zu machen. Das ist ein schwieriger Prozess, aber nicht unmöglich. Kollektivstrafen ergeben aber keinen Sinn und kommen für uns nicht infrage.
Was wünschen Sie sich für die kommenden Monate am meisten?
Meine Familie bleibt gesund, Covid-19 wird so schnell wie möglich eingedämmt, die konjunkturelle Rezession fällt weniger heftig aus, als einige prognostizieren, und wir können die drängenden Probleme des 1. FC Kaiserslautern lösen.
