Geschichte RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Wien die Wohnungsnot in den Griff bekam

Bei den Gemeindebauten der 1920er und 30er Jahre wurden meist nur 20 bis 40 Prozent des Areals bebaut – der Rest blieb frei für
Bei den Gemeindebauten der 1920er und 30er Jahre wurden meist nur 20 bis 40 Prozent des Areals bebaut – der Rest blieb frei für Grün- und Gartenanlagen, wie hier beim Karl-Marx-Hof, der heute als ein Denkmal der Wiener Arbeiterklasse gilt.

Vor rund 100 Jahren entstanden in Wien die ersten Gemeindebauten. Um sie zu finanzieren, hatte ein Lokalpolitiker eine gewagte Idee.

Ende des 19. Jahrhunderts ist sie bekannt als „Wiener Krankheit“: Die Tuberkulose rafft im Jahr 1867 rund ein Viertel der Wiener dahin. Eine Ursache dafür ist die katastrophale Wohnsituation: Durch die Zuwanderungswelle aus den Ländern der Donaumonarchie steigt die Bevölkerungszahl der Hauptstadt im Jahr 1900 auf fast 1,8 Millionen Einwohner an.

In den überfüllten, lichtlosen Kleinstwohnungen der Arbeiterviertel verbreiten sich Krankheiten schnell. Dort ist auch die Sterblichkeitsrate um ein Vielfaches höher als in den reichen Bezirken der Stadt. 1910 und 1911 wird die Lage so verheerend, dass Mietwucher und Lebensmittelverteuerung zu Massenprotesten führen, die blutig niedergeschlagen werden.

1918 endet der Erste Weltkrieg, Österreich-Ungarn zerbricht. Nach den Friedensverträgen von 1919 bleibt von den Gebieten der Monarchie der kleine Staat Österreich mit 6,5 Millionen Einwohnern übrig. Etwa ein Drittel davon lebt in Wien.

Weder Wasseranschluss noch WC

Dort ist die Wohnungsnot schlimmer denn je. Fast 75 Prozent aller Wiener Unterkünfte sind überbelegte Ein- und Zweizimmerbehausungen, die mehr als die Hälfte eines einfachen Arbeitereinkommens kosten. Sie verfügen weder über WC noch über einen Wasseranschluss und können oft nur durch sogenannte Bettgeher – die gegen Entgelt stundenweise ein freies Bett in einer fremden Mietwohnung zum Schlafen benutzen – finanziert werden.

Am 4. Mai 1919 werden in Wien zum ersten Mal freie Gemeinderatswahlen abgehalten, bei denen die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs 100 der 165 Mandate erringt. Wien wird damit die erste Millionenstadt der Welt mit einer sozialdemokratisch geführten Verwaltung.

Es beginnt die Zeit des „Roten Wiens“, das bis zu seinem Ende 1934 geprägt ist von weitreichenden Reformen zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, der Bildung und Sozialversorgung. Wien soll zur Musterstadt sozialdemokratischer Gesellschaftspolitik werden.

Die Reichen werden zur Kasse gebeten

Doch noch ist die Hauptstadt ein Teil des Bundeslandes Niederösterreich und somit in den meisten politischen Entscheidungen nicht unabhängig. Erst die im Oktober 1920 beschlossene Bundesverfassung schafft den rechtlichen Rahmen für Wiens Eigenständigkeit als Bundesland. Jetzt können die Sozialdemokraten über die Verwendung der Steuereinnahmen in Wien frei entscheiden.

Doch bevor die ambitionierten Reformen verwirklicht werden können, braucht die Stadt einen guten Finanzierungsplan: Denn als Folge des Krieges sind die Kassen leer. Finanzstadtrat Hugo Breitner hat die Lösung: „Unbeirrt von all dem Geschrei der steuerscheuenden besitzenden Klassen holen wir uns das zur Erfüllung der vielfachen Gemeindeaufgaben notwendige Geld dort, wo es sich wirklich befindet.“

Breitner führt die Wohnbausteuer ein, die von allen Besitzern vermietbarer Räume zu entrichten ist. Die Steuerabgabe für Mietobjekte ist so gestaffelt, dass für kleine Wohnungen nur 2,1 Prozent an Abgaben entrichtet werden müssen, Luxusimmobilien hingegen werden mit bis zu 36,6 Prozent besteuert. Das führt dazu, dass die teuersten 0,5 Prozent der Objekte 44,5 Prozent der Steuereinnahmen aufbringen müssen.

Man nannte ihn den „Steuervampir“

Dieses System macht Breitner zum Hassobjekt der bürgerlichen Opposition, die ihn fortan als „Steuervampir“ brandmarkt. Zu den fortan abfällig „Breitner-Steuern“ genannten Abgaben gehören auch Luxussteuern: Beispielsweise müssen exklusive Bars und Nachtlokale Nahrungs- und Genussmittelabgaben entrichten.

Wer Butler und Haushälterin anstellt, muss zahlen. Austern, Kaviar, Trüffel, Hummer und ausländische Weine werden mit sieben Prozent besteuert. Der gewiefte Breitner erhebt die Luxussteuern auch gern zweckgebunden und politisch plakativ: So finanzieren die vier größten Wiener Konditoreien die Schulzahnkliniken, Bordelle und Pferderennbahnen hingegen die Entbindungsheime.

Rund ein Drittel der Kosten für den sozialen Wohnungsbau kann allein aus den Erträgen der Wohnbausteuer gedeckt werden. Der massive Verfall der Grundstückspreise ermöglicht der Gemeinde Wien zudem, günstiges Bauland zu kaufen. So startet im September 1923 das erste Wiener Wohnprogramm: Der Gemeinderat beschließt, in den kommenden fünf Jahren 25.000 menschenwürdige Behausungen bauen zu lassen. Die Stadt engagiert fast 200 Architekten für die insgesamt 382 Gemeindebauten. 1925 wird die erste Anlage, der Metzleinstaler Hof, eröffnet.

Wiener Modell ist Vorbild für Moskau und Manhattan

Schon Ende 1926 ist das erste Wohnbauprogramm erfüllt. Von 1923 bis 1931 wird die Gemeinde Wien zum größten Grundbesitzer der Stadt. Die Wohnprogramme machen die Stadt zum größten Bauherrn der Welt. Weil die neuen Arbeiterwohnungen von bisher ungesehener Qualität sind, wird dem Wiener Modell in Moskau und Manhattan nachgeeifert.

Die Apartments sind klein, 40 bis 50 Quadratmeter, aber ausgestattet mit Balkons, fließendem Wasser und WC. Alle Zimmer haben direktes Tageslicht. Die Wohnungen werden erstmalig in Wien nach einem transparenten Punktesystem vergeben, das Familien und einkommensschwache Bürger bevorzugt.

Schon 1927 folgt ein zweites Wohnungsbauprogramm, mit größeren Wohnungen von 57 Quadratmetern. Bezogen auf ein durchschnittliches Arbeitseinkommen müssen fünf bis acht Prozent davon für die Miete aufgewendet werden. Vor dem Krieg lagen die Mietpreise im privaten Wohnungsbau meist bei gut 30 Prozent des Einkommens.

Eine Stadt in der Stadt

Obwohl die einheitlichen Bauvorgaben ein monotones architektonisches Erscheinungsbild befürchten lassen, gelingt es den Architekten, abwechslungsreiche und fortschrittliche Lösungen zu entwickeln. Einerseits sind sie gezwungen, Baulücken zu nutzen, andererseits gibt es etliche Möglichkeiten für „Superblocks“: eine Stadt in der Stadt.

Die prunkvollen Fassaden sind oft verziert mit dreiecksförmigen Erkern, Loggien und Balkonen, unter Verwendung von farbigem Edelputz, wie Hans W. Bousska in seinem Buch „Wiener Gemeindebauten“ ausführlich recherchiert hat.

Typisch für diese Wohnanlagen ist die Randbebauung. Eine Bauweise, die sich darauf beschränkt, die von Straßen begrenzten üblichen Gevierte nur längs der Straßen zu versiegeln und das Gelände dahinter für Hof- und Gartenflächen freizuhalten.

Deshalb haben viele Anlagen begrünte Innenhöfe, aber auch einen Straßenhof, sodass das Grün genauso das Stadtbild verschönert und der Allgemeinheit zugutekommt. Meist verschwinden lediglich 20 bis 40 Prozent des gesamten Areals unter den Fundamenten – der Rest bleibt als Grünfläche erhalten.

Mehr als nur ein Dach über dem Kopf

Neben der geringen Bebauungsdichte verfügen die Gemeindebauten über großzügige gemeinschaftliche Sozialeinrichtungen: Bäder, Büchereien, Gesundheitseinrichtungen, Theater, Sportanlagen und Waschküchen. Sozialer Wohnungsbau soll mehr sein als ein Dach über dem Kopf. Ironisch werden die Monumentalbauten als „Volkswohnungspalast“ bezeichnet. Ein typisches Beispiel ist der Karl-Marx-Hof, der heute als ein Denkmal der Arbeiterklasse gilt.

Der Großteil der Gemeindebauten findet sich längs des Wiener Gürtels, weshalb der auch „Ringstraße des Proletariats“ genannt wird – als Gegenentwurf zur bürgerlichen Ringstraße. Dabei ist der Proletenring eigentlich keine Straße, sondern die größte Konzentration kommunaler Wohnanlagen im Roten Wien.

Der wohl bekannteste Abschnitt findet sich entlang des Margaretengürtels, mit dem Reumannhof als Herzstück. Um den herum stehen 24 teilweise monumentale Bauten, die damals als architektonisches Zeichen auch die neuen Machtverhältnisse in Wien widerspiegeln sollten und heute Höhepunkte jeder Architektur-Stadtführung sind.

Wien gilt als besonders lebenswerte Stadt

Die Gemeinde Wien errichtet im Zuge ihres Wohnbauprogramms bis 1934 fast 65.000 Wohnungen für 220.000 Menschen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs sind in der Donaumetropole 20 Prozent aller Wohnungen zerstört. Das macht 35.000 Menschen obdachlos. Das kommunale Wohnprogramm wird daher ab 1947 wiederbelebt – die Per-Albin-Hansson-Siedlung ist der erste große Neubau der Nachkriegszeit.

Aufgrund der großen Wohnungsknappheit in dieser Zeit werden bis 1970 weitere 96.000 Wohnungen gebaut. In den 1990er Jahren konzentriert sich die Stadt Wien neben den Sanierungen des Gemeindebau-Bestands hauptsächlich darauf, die Stadt im Nordosten und Süden zu erweitern. Denn: Nach wie vor zieht es die Menschen in die Hauptstadt. Zwischen 1994 und 2000 werden jährlich durchschnittlich 10.000 geförderte Wohnungen errichtet. Heute besitzt die Stadt Wien rund 220.000 Wohnungen in 1800 Gemeindebauten mit über 500.000 Bewohnern.

Im Sommer 2024 hat das britische Magazin „Economist“ die Donaumetropole zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt. Bereits zum dritten Mal in Folge belegte Wien den ersten Platz und erhielt in den Kategorien Stabilität, Gesundheitsversorgung, Bildung und Infrastruktur jeweils die volle Punktzahl. Auch in einer Studie des US-Beratungsunternehmens Mercer, die in einem Ranking jährlich die Lebensqualität in 241 Städten der Welt analysiert, erreichte Wien 2024 einen der obersten Plätze.

Das liegt sicher auch am System der Gemeindebauten. Denn diese erfolgreiche Form des kommunalen sozialen Wohnungsbaus macht erschwingliche Unterkünfte mit hohem Lebensstandard für ganz viele Wiener erst möglich.

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Um die Bauprojekte finanzieren zu können, holte sich Finanzstadtrat Hugo Breitner das Geld über die Besteuerung von Luxusimmobilien, Butlern, Hausangestellten und Genussmitteln wie Kaviar oder Austern. Die bürgerliche Opposition beschimpfte Breitner deshalb als einen »Steuervampir«.
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