Umwelt RHEINPFALZ Plus Artikel Wie der Fisch im Wohnzimmer das Artensterben bremst

Zum Autor: Thomas Leitz, geboren 1956, war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2020 Professor für Entwicklungsbiologie an der TU
Zum Autor: Thomas Leitz, geboren 1956, war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2020 Professor für Entwicklungsbiologie an der TU Kaiserslautern. Er beschäftigt sich seit seinem sechsten Lebensjahr mit Aquarien. Bild: Regenbogenfische.

Aquarienbesitzer werden zu Naturschützern: Sie züchten Tiere nach, die in freier Wildbahn ausgestorben sind.

1856 muss der Zoologe und Volksschriftsteller Emil Adolf Roßmäßler in der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ noch erklären, was ein Aquarium eigentlich ist. Er nennt es den „See im Glase“ und wenig später ein Mittel, um die Natur zu beobachten.

Die ersten Exoten aus China erreichen am 8. Juli 1869 an Bord des französischen Schiffs „Impératrice ParisEuropa: 22 Paradiesfische. Sie werden dem Offizier Gérault übergeben, der zwölf Männchen und fünf Weibchen an Pierre Carbonnier weiterreicht, einen begnadeten Aquarianer.

Bereits zwei Jahre später hat Carbonnier 200 Nachzuchttiere und eröffnet wenig später eines der ersten Schauaquarien der Welt in Paris. Seine Fischzucht wird zwar im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 zerstört. Aber die Rivalität zwischen den Nationen links und rechts des Rheins sorgt dafür, dass die Exoten hinter Glas ab 1873 ihren Weg auch ins Kaiserreich finden.

Paradiesfische können auch bei Temperaturen bis zu 10 Grad Celsius gehalten werden, was den Tieren in einer Zeit ohne elektrischer Heizung zu enormer Beliebtheit verhilft. Und so beginnt das Aquarium die Behausungen der Menschen zu erobern.

Der Goldfisch in der Keramikschale

Bis dahin kannte man nur den Goldfisch, der in China ab 1547 in Keramikschalen gehalten wurde und später über Japan Portugal und den Rest des alten Kontinents erreichte. Der Koi, ein Abkömmling des Speisekarpfens, entstand wohl als Mutation in den ersten Jahrhunderten vor Christus in China und wurde noch vor dem Goldfisch zum Haustier.

Das Aquarium westlicher Prägung beginnt mit dem Engländer Philipp Henry Gosse, der an der Küste kleine Meerestiere wie Anemonen, Schwämme oder Krebse sammelt und sie zu sich nach Hause holt. Er setzt sie in einen Behälter, den er 1854 als Aquarium bezeichnet, um sie zu beobachten.

Schon bald gründen sich Vereine, 1911 in Deutschland der erste Dachverband. Arbeitskreise fachsimpeln und geben ihre Kenntnisse an die Mitglieder weiter. Später reisen engagierte Aquarianer in die Ursprungsgebiete, aus denen ihre Fische stammen, und bringen wertvolle Erkenntnisse über die Ökosysteme und Biotope mit, die wieder der Haltung zugutekommen. Für nicht wenige Arten ist das ein Segen.

Denn seit mit dem Klimawandel das große Sterben eingesetzt hat, werden die Hobbyaquarianer für den Erhalt der Artenvielfalt immer wichtiger. Die Zoos allein können nicht verhindern, dass immer mehr Spezies vom Planeten verschwinden. In den Becken nicht weniger Aquarienbesitzer schwimmen inzwischen Fische, die in der Natur ausgestorben sind.

Gerettet: ein Buntbarsch aus Madagaskar

Ein Beispiel ist der Manganahara-Buntbarsch aus Madagaskar. Von ihm gab es nur noch 18 Exemplare in freier Wildbahn, die gefangen und in den Zoos von Toronto und Köln nachgezüchtet wurden. Inzwischen betreut die „Citizen Conservation“ diese seltenen Tiere und reicht sie an versierte Aquarianer weiter.

Die Citizen Conservation wurde 2018 von drei Trägergesellschaften gegründet, darunter die Zoologischen Gärten und die Amphibien- und Terrariengesellschaft DGHT, die sie finanzieren. Auch aquaristische Verbände haben inzwischen Artenschutzprojekte aufgelegt, um kleine Archen aufzubauen, die eine oder mehrere bedrohte Arten pflegen und möglichst vermehren.

So war der nur wenige Zentimeter große Tequilakärpfling in seinem natürlichen Lebensraum in Mexiko bereits verschwunden, als man sich entschied, Aquarienpopulationen zusammenzulegen und die Tiere in ihrem Herkunftsgebiet wieder anzusiedeln. Bis heute funktioniert das Konzept. Im Quellgebiet des Teuchitlán, am einzigen Ort der Welt, wo der Fisch in der Natur vorkommt, wurde ein Besucherzentrum eingerichtet, damit mexikanische Schulkinder ihr Erbe kennenlernen und für den Artenschutz sensibilisiert werden.

Auch über das Leben und die Fortpflanzung von Korallen und anderen wirbellosen Tieren hat man durch Beobachtung in Aquarien viel erfahren, was jetzt im Kampf gegen die klimabedingte Korallenbleiche hilft. So haben Aquarianer die ungeschlechtliche und gemeinsam mit der Forschung die geschlechtliche Vermehrung der riffbildenden Arten mit vorangetrieben, sodass das Ganze in Riffrenaturierungen einfließen konnte. Zum Beispiel in Key Largo, Florida, wo die Coral Restoration Foundation sich mit dem Wiederaufbau verloren gegangener Korallenbiotope im drittgrößten Riff der Erde beschäftigt.

Exportverbote bewirken genau das Gegenteil

Bei Süßwasserfischen helfen Initiativen auch der Bevölkerung vor Ort, die Natur besser zu schützen. Ein Beispiel ist das Projekt „Piaba“ am Rio Negro im Amazonasgebiet. Piaba ist der Name der kleinen Aquarienfische aus dem Amazonas, gehalten wird hauptsächlich der rote Neon.

Die Fischfänger am Amazonas lernen, wie man die Tiere schonend und nachhaltig ins Netz bekommt, um sie zu exportieren und Geld damit zu verdienen. Gleichzeitig haben sie großes Interesse daran, den Regenwald zu erhalten, weil der Fischreichtum ihre Lebensgrundlage ist.

Paradoxerweise hätte ausgerechnet ein Importverbot der Fische nach Europa, wie es hierzulande von Teilen der Politik betrieben wird, für die Bevölkerung, den Regenwald, die dortigen Gewässer und die Tiere fatale Folgen. Denn für die Einheimischen würde das bedeuten, dass sie sich am Amazonas ihren Lebensunterhalt mit der Rodung von Bäumen verdienen müssten.

Am globalen Handel mit Aquarienfischen sind rund 125 Länder beteiligt. Der Wert der gehandelten Wasserbewohner und der benötigten Ausrüstung beträgt jährlich umgerechnet in etwa 14 bis 28 Milliarden Euro. Diese kommerziellen Rahmenbedingungen rufen die Kritiker der Aquaristik auf den Plan.

Schwarze Schafe fangen mit Blausäure

Hingewiesen wird außerdem – nicht ganz zu Unrecht – darauf, dass durch den Handel mit exotischen Tieren und Pflanzen invasive Arten und Krankheitskeime eingeschleppt werden. Das aber lässt sich in den Griff bekommen, wenn intensiv geforscht und überwacht wird und man das Wissen an alle Beteiligten weiterreicht, statt mit Verboten eine Abwärtsspirale in Gang zu setzen.

Probleme gibt es derzeit noch bei der Meerwasseraquaristik. Während fast 90 Prozent der gehandelten Süßwasserfische aus Nachzuchten stammen, wurden bislang 90 bis 95 Prozent der Meerwasserfische fürs Becken der Natur entnommen. Davon überleben aber nur 30 bis 40 Prozent, weil mit den Fischen schlecht umgegangen wird, die Fangmethoden teilweise illegal sind und Aquarianer und Fachpersonal noch zu wenig Erfahrung bei der Haltung haben.

Zwar ist das Fangen mithilfe von Blausäure oder Dynamit seit Jahrzehnten verboten. Es wird aber wohl immer noch praktiziert. Mit schlimmen Konsequenzen: Fische die zum Beispiel mit Blausäure betäubt wurden, leben unter Umständen noch einige Wochen, sterben aber dann im Aquarium, scheinbar ohne ersichtlichen Grund.

Deshalb werden jetzt die Fangmethoden stärker überwacht und es wird auf diesem Gebiet viel experimentiert und geforscht. Entscheidende Durchbrüche gab es schon, zum Beispiel bei der Vermehrung von Futterorganismen und bei der Zucht vieler Aquarienfische, darunter auch der Orange-Ringelfisch – der als „Nemo“ in dem gleichnamigen Animationsfilm wieder aus dem Aquarium ausbüxt. Ausgerechnet. In echt hätte er sich das womöglich anders überlegt.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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