Beweger
Wie das Kondom Geschichte schrieb
Als ältestes Zeugnis eines Kondoms gilt eine Geschichte über den kretischen König Minos: Seine Frau Pasiphae versuchte mithilfe eines Zaubers, ihren Mann zur ehelichen Treue anzuhalten. Seine Geliebten starben alle durch seinen mit Schlangen und Skorpionen verseuchten Samen. Das gefährdete allerdings auch Pasiphae selbst, sodass Minos eigentlich keinen Erben zeugen konnte. Dass er und seine Gemahlin dennoch acht Kinder bekamen, verdankten sie der Überlieferung nach einer Ziegenblase, die Minos als Kondom benutzte: Es fing beim Erguss den verseuchten Samen auf, der nachfolgende Sex soll für Pasiphae ungefährlich gewesen sein.
Das Kondom ist aber nicht nur in antike Mythen eingegangen, sondern auch in die Geschichte. Schon oft entschied in Europa über Krieg und Frieden nicht nur das diplomatische Geschick am Verhandlungstisch oder die beste militärische Strategie, sondern auch die Gesundheit der Beteiligten. Denn mit dem Krieg kamen oft die Geschlechtskrankheiten, wenn Soldaten entlang der Frontlinien Frauen vergewaltigten oder zu Prostituierten gingen.
Das war nicht nur in den Schlachten des Mittelalters und der frühen Neuzeit so. Die amerikanischen Streitkräfte mussten noch im Ersten Weltkrieg rund 10.000 Soldaten wegen Geschlechtskrankheiten aus dem Dienst entlassen – und das, obwohl Kondome damals bereits als Verhütungsmittel etabliert waren und die Militärbehörden sie kostenlos an die Soldaten verteilten. In speziell eingerichteten Kriegsbordellen wurde die Nutzung von Präservativen daher zur Pflicht, um Ausfälle an der Front zu vermeiden.
Doch nicht nur zu Kriegszeiten entschieden Kondome über Erfolg und Misserfolg mit. Auch bei Friedensverhandlungen galt es, gesund zu bleiben. Eine der wichtigsten dieser Kongresse im 18. Jahrhundert läutete zugleich eine Revolution in Sachen sexuelle Gesundheit ein.
Gesundheitskrise in Utrecht 1713
In der niederländischen Stadt Utrecht handelten im Jahr 1713 französische, spanische, britische und holländische Diplomaten mehrere Verträge aus, die den Spanischen Erbfolgekrieg beendeten und als „Friede von Utrecht“ in die Geschichtsbücher eingingen. Nach den Verhandlungen zogen die Delegierten durch die Stadt, auf der Suche nach einer schnellen Nummer. Die Nachfrage nach Sex war so groß, dass es später hieß, die Verhandlungen seien zugleich die größte Zusammenkunft von Prostituierten der Weltgeschichte gewesen.
Der Ausnahmezustand in Utrecht zog eine Gesundheitskrise nach sich: Sexuell übertragbare Krankheiten wie die Syphilis verbreiteten sich rasant. Schnell sprach sich in der Stadt herum, dass es in einem kleinen Laden, an der Ecke eines Beguinen-Klosters, ein Mittel gäbe, mit dem sich Ansteckungen verhindern ließen. Dort verkaufte eine Frau Kondome aus Schafdarm. Sie bot der Legende nach den skeptischen Kunden sogar an, den „mysteriösen Schleier“, wie sie das Kondom nannte, direkt mit ihr auszuprobieren. Man kann davon ausgehen, dass sie damit das Geschäft ihres Lebens machte.
Von den Vorteilen der Tierhäute überzeugt, nahmen englische Diplomaten einige der Kondome mit ins Vereinigte Königreich, kurze Zeit später wurden sie auch in London hergestellt und verkauft. Die Metropole entwickelte sich schon bald zur Hauptstadt des Kondoms.
Zu dieser Zeit stellte man die meisten Präservative aus Schafdarm her. Der Schafdarm wurde aufwendig behandelt, musste stundenlang in alkalihaltigen Lösungen und Milch eingeweicht, von Geweberesten befreit sowie mit Seife gewaschen werden. Das sollte die Häute elastisch machen und weniger durchlässig. Man nutzte aber auch Schwimmblasen von Fischen oder die Häute anderer Tiere zur Herstellung von Verhüterlis.
Vor Gebrauch einweichen
Deren Anwendung war allerdings sehr gewöhnungsbedürftig. Die Kondome waren um die 20 Zentimeter lang und mussten vor dem Gebrauch eingeweicht werden. Dann befestigte man sie mit einem farbigen Bändchen am Schaft des Penis. Und im Gegensatz zu den heutigen Präservativen wurden die Tierhäute in der Regel mehrmals verwendet.
Vor allem reichere Männer aus der gehobenen Schicht kauften sich „eine Maschine“, wie sie die Kondome auch nannten. Aus manchen ihrer Tagebucheinträge wird klar: Ihnen ging es vor allem um den eigenen Schutz, wenn sie mit Prostituierten Sex hatten – nicht darum, diese meist bettelarmen Frauen, die für ein paar Pennys ihren Körper verkauften, vor ungewollter Schwangerschaft und sexuell übertragbaren Erkrankungen zu bewahren.
Dass Kondome nicht nur vor Krankheiten schützen können, sondern auch vor Schwangerschaften, war bereits aus der Antike bekannt. Genutzt wurden sehr unterschiedliche Materialien: In Ägypten sollen Männer Überzieher aus Leinen in diversen Farben benutzt haben. Im Römischen Reich setzte man neben Leinen auch Tierhäute ein. Das alte China stellte Kondome aus Seide her oder aus Seidenpapier, das zuvor in einem Öl getränkt wurde. In Japan bedeckte eine Kappe aus Schildpatt oder Leder nur die Eichel. Das sollte auch Männern mit Erektionsstörungen helfen, sexuell aktiv zu sein.
Allerdings: Kondome aus Tierhäuten waren sehr dick und deshalb nur mäßig beliebt. Das änderte sich, als Charles Goodyear 1839 die Vulkanisation von Kautschuk erfand, die aus dem Naturprodukt elastisches Gummi machte. Er ermöglichte mit seiner Erfindung nicht nur die Produktion des modernen Autoreifens, sondern auch die Herstellung von besseren Kondomen. Sie hatten eine Naht und waren sehr teuer, da sie von Hand gemacht wurden.
Latex kommt
Ab 1930 verwendete man schließlich Latex. Die Kondome wurden sehr viel dünner. Und die zunehmend automatisierte Produktion machte sie erschwinglicher. So wurden Kondome immer beliebter.
Heute wird das Kondom nach einer DIN-Norm geprüft und besteht meist aus Naturkautschuklatex. Es kann aber auch aus synthetischen Stoffen hergestellt sein und ist dann latexfrei. Der Umfang muss gemäß EU-Norm zwischen 44 und 56 Millimetern betragen. Es stehen aber nicht nur verschiedene Größen zur Auswahl, sondern viele Farben, Oberflächenstrukturen wie Noppen oder Geschmacksrichtungen – je nachdem, worauf Mann oder Frau gerade Lust hat.
Die Erfindung der Pille in der Mitte des 20. Jahrhunderts bremste die Popularität des Präservativs zunächst aus. Das änderte sich, als in den 1980er Jahren die Immunschwächekrankheit Aids entdeckt wurde. Nun galten Kondome sogar als Lebensretter, weil sich mit ihnen eine HIV-Infektion verhindern lässt.
Inzwischen entscheiden sich immer mehr Menschen für Kondome zur Verhütung. So gab in einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2023 fast die Hälfte der Teilnehmer an, Präservative zu benutzen. Damit hat das Kondom die Pille überholt, die nur noch gut ein Drittel der Befragten verwendet.
Üben, üben, üben
Wie sicher die Verhütung mit einem Kondom ist, hängt aber unter anderem davon ab, wie gut man mit der richtigen Handhabung zurechtkommt. Zu typischen Anwendungsfehlern zählen zum Beispiel falsches Aufsetzen, sodass der Rollrand innen statt außen liegt. Wer Gleitmittel verwendet, sollte zu wasserlöslichen Produkten greifen und von Vaseline oder Cremes lieber die Finger lassen. Denn fett- und ölhaltige Gleitmittel greifen das Latexgummi an und machen es durchlässig.
Aufpassen muss man auch beim Öffnen der Verpackung und bereits bei der Auswahl im Geschäft, denn das Kondom darf nicht zu locker sitzen. Wer unsicher ist, welche Breite die richtige ist, sollte vorab Maß nehmen, zum Beispiel mit dem „Kondometer“, das die Bundeszentrale anbietet. Abgelaufene Kondome darf man nicht mehr verwenden, denn Gummi wird mit der Zeit brüchig.
Der Pearl-Index des Kondoms liegt bei 2. Das heißt, von 100 Frauen, die ein Jahr lang Sex haben, bei dem mit Kondom verhütet wird, werden zwei schwanger. Vorausgesetzt, man macht bei der Verwendung keine Fehler – dann kann der Wert auf 6 bis 13 steigen. Für die Pille liegt der Pearl-Index bei richtiger Anwendung bei etwa 0,3 bis 1 und kann bei Einnahmefehlern auf 2,4 bis 7 steigen.
„Doppelt gemoppelt hält besser“, heißt es. Im Falle des Kondoms trifft dieser Spruch allerdings nicht zu – im Gegenteil. Trägt man zwei Kondome übereinander, erhöht das laut der Bundeszentrale sogar die Wahrscheinlichkeit, dass das Gummi reißt.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.