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Frust der Fans: Fußballer sind keine eierlegenden Wollmilchsäue, die mit ihren Fähigkeiten mal rasch die Welt retten können. Gen
Frust der Fans: Fußballer sind keine eierlegenden Wollmilchsäue, die mit ihren Fähigkeiten mal rasch die Welt retten können. Genau das aber erwartet ein zunehmend infantilisiertes Publikum von seinen Helden. Und nebenbei sollen sie noch Titel holen.

Was will Deutschland eigentlich von seinen Fußballern? Nationalspieler Joshua Kimmich hat diese Frage provoziert, als Hilferuf nach dem Ausscheiden der deutschen Elite-Kicker bei der WM. Eine klare Antwort fällt schwer in einer Zeit, in der Spitzensportler von widerstreitenden Ansprüchen des Publikums überrollt werden. Ein Debattenbeitrag.

Da stand er verloren im Eck, dieser deutsche Held, in sich zusammengesunken wie ein Häufchen Elend, das Gesicht so weiß wie die Wand, seine Augen schimmerten feucht. So hatte sich Joshua Kimmich das Turnier nicht vorgestellt. Mit 27 Jahren ist er kein grüner Hüpfer mehr, die Fußball-WM in Katar sollte die Krönung seiner schon glänzenden Karriere bringen, neuen Ruhm auf sein Haupt laden. Stattdessen: frühes Scheitern, genau wie vier Jahre zuvor in Russland bei Kimmichs erster WM, Häme in der Heimat und Spott im Netz, bei Facebook, Instagram und Twitter, den Schmieden glühenden Hasses.

Es wirkte überaus authentisch, als der sonst vor Selbstbewusstsein strotzende Bayern-Profi mit dünner Stimme seine Furcht bekannte, „in ein Loch zu fallen“. Kein Zweifel: Da sprach einer, den man momentan besser zum Therapeuten statt zum Training schicken sollte. Das Fachmagazin „Kicker“ legte mit der Frage nach: Was will das Land von seinen Fußballern? Eine gute Frage, denn darüber herrscht nicht erst seit dem Desaster in der Wüste von Katar große Verwirrung.

Schmerzensgeld und Zumutungen

Einerseits: Spitzensportler sollten sich nicht wie Mimöschen gerieren. Erfolge haben ihr Ego gestreichelt, sie genießen es, im Scheinwerferlicht zu stehen, also können und müssen sie sich auch der Kritik der Öffentlichkeit stellen, selbst wenn diese verletzend daherkommt. Zudem lindert ihr Millionengehalt zwar keinen Kreuzbandriss, kann aber ein hübsches Schmerzensgeld bei öffentlichen Zumutungen sein. Andererseits: Auch Spitzensportler genießen den Schutz des Artikels 1 im Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Fußballer sind keine eierlegenden Wollmilchsäue, die mit ihren Fähigkeiten mal rasch die Welt retten können. Genau das aber erwartet ein zunehmend infantilisiertes Publikum von seinen Helden. Der Sportler als Spiderman, der sich das Trikot überzieht und für das Gute aufs Feld zieht – so lautet das Narrativ des vorbildlichen Athleten.

Sportler instrumentalisiert

Sichtbar wurde das in Katar bei der unsäglichen Diskussion um die „One Love“-Binde. Ja, der Umgang des Gastgebers und des Weltfußballverbandes Fifa mit Vielfalt, Offenheit und Toleranz hat viele Menschen vor den Kopf gestoßen und Betroffene tief verletzt. Aber dieses Problem war seit 2010, seit der skandalumwitterten Vergabe des Turniers, allgemein bekannt. Politiker wie Sportfunktionäre haben es aber vorgezogen, die Hände in den Schoß zu legen und die Drecksarbeit denjenigen zu überlassen, die nach Katar reisten, um das zu tun, wofür sie eigentlich hingeschickt wurden: Fußball spielen. Stattdessen wurden die Sportler mit der hilflosen Geste des Hand-vor-den-Mund-Haltens instrumentalisiert, eine politisch korrekte Botschaft zu senden. Nach Informationen der ARD standen nur Kapitän Manuel Neuer und Leon Goretzka hinter dieser Aktion. Egal. Ein Symbol musste sein. Auch wenn manche schimpften, das sei zu wenig.

Also: Was will das Land von seinen Fußballern? Die Forderungen der Öffentlichkeit an prominente Sportler sind derart diffus, dass ein einzelner Mensch an dieser Erwartungshaltung nur scheitern oder sogar zerbrechen kann. Gerade Joshua Kimmich hat das schon einmal leidvoll erfahren. Mitten in der Corona-Krise, vor gut einem Jahr, plauderte der Fußballer im Interview mit dem Sportsender „Sky“ am Rand des Spielfelds arglos aus, er habe sich noch nicht gegen Covid-19 impfen lassen.

Weisheit der Welt erwartet

Unverzüglich brach bei einem von der Pandemie wundgescheuerten Publikum ein Shitstorm aus, der bei einigen in der Forderung gipfelte, Kimmich müsse aus der Mannschaft fliegen, weil er kein Vorbild mehr sei. Als ob Karl Lauterbach und Lothar Wieler die neue Doppel-Sechs der Nationalmannschaft sein könnten. Der unvorsichtige Profi Kimmich konnte sich nur retten, weil er hurtig beteuerte, dass er das Virus nicht leugne, kein Impfgegner sei, sich an die Corona-Beschränkungen halte und sich alle paar Tage teste – und sich bald definitiv impfen lasse.

Nur zur Erinnerung: Kimmich ist 27 Jahre. Seine Altersgenossen büffeln für ihre Bachelorarbeit, toben sich noch mal richtig aus, bevor sie brave Ehemänner werden, fechten erste Konflikte mit ihren Chefs auf den unteren Stufen der Karriereleiter aus. Jedenfalls sind viele noch unfertige Menschenkinder. Von Prominenten wie Kimmich wird hingegen alle Weisheit der Welt erwartet. Wen wundert’s, dass sich Spitzensportler mit sogenannten Beratern umgeben, die alle Äußerungen ihrer Kunden prompt weichspülen. Was wiederum den Sportlern den Vorwurf einbringt, sie seien konturlose Wesen in einer blasierten Scheinwelt.

Wie ein Gang durchs Minenfeld

Für Fußballspieler im Fokus der Öffentlichkeit sind Stellungnahmen eine Gratwanderung zwischen gewollter Positionierung und ungewollter Instrumentalisierung geworden. Es ähnelt dem Gang durch ein Minenfeld. Das ist der Daueraufgeregtheit in den sozialen Netzwerken geschuldet, die jeden „Like“ zu einer Botschaft hochjazzt. Einerseits erwartet das Publikum, dass Prominente in den Sozialen Medien unterwegs sind, sich als „Marke“ etablieren und so die Fans bei Laune halten. Andererseits wird jede banale Äußerung politisch gedeutet. Dieser Spagat wird für viele Sportler zunehmend zum Problem.

Fußball, so heißt es, ist ein Spiegel der Gesellschaft. Das mag so sein, es bedeutet aber nicht, dass Sportler die Konflikte dieser Gesellschaft lösen oder auch nur moderieren könnten. Spitzenathleten dürfen, wenn sie das denn wollen, ihre politische Meinung äußern. Sie sind mündige Bürger. Manche Sportler wurden darüber auch zu Vorbildern. Die Geschichte des Boxers Muhammad Ali ist nicht zu trennen von der Diskriminierung der Schwarzen in den USA und den Verwerfungen des Vietnamkrieges. Der Footballspieler Colin Kaepernick hat mit seiner Geste, sich während der US-Hymne vor Spielbeginn niederzuknien, um Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA anzuprangern, wie Muhammad Ali seine Karriere riskiert. Und darüber hinaus eine weltweite Bewegung gegen Rassismus angestoßen – Kaepernicks Kniefall wird mittlerweile auf vielen Fußballfeldern nachgeahmt.

Inszenierungen als billiges Schaustück

Aktionen wie diese entfalten eine große Kraft, weil jeder Zuschauer fühlt, dass hier ein Mensch sein Recht auf Freiheit und Würde ausdrückt. Völlig anders ist es, wenn Sportler zu Bekenntnissen genötigt werden, weil das Thema gerade auf der politischen Agenda steht. Gegen Kampagnen, die Rassismus und Diskriminierung verurteilen, ist nichts einzuwenden, aber werden sie routinemäßig inszeniert, wie das die Fifa vor Viertelfinalspielen regelmäßig tut, verkommen sie zum billigen Schaustück. Dagegen war es herzzerreißend, die iranischen Fußballer zu sehen, wie sie mit versteinerten Mienen die Hymne ihres Landes hörten und nur verhalten ihre Lippen bewegten. Für diese Männer und ihre Familien daheim ging es vielleicht wirklich um Leben und Tod.

Nur noch Ignoranten bestreiten, dass der Spitzensport eine wichtige Rolle im politischen Leben spielt. Das darf aber nicht dazu führen, dass der Sport als Politik-Ersatz missbraucht wird. Wenn Profifußballer sich außerhalb des Platzes engagieren – politisch, gesellschaftlich, kulturell, sozial –, dann sollte die Öffentlichkeit das wertschätzen, sich freuen und hinter dem Team stehen. Einfordern kann man staatsbürgerlichen Einsatz von Sportlern aber nicht – das war der Fehler in Katar. Was das Publikum von seinen Profisportlern verlangen darf: dass sie sich anstrengen, schön spielen und nach Möglichkeit siegen. Leider ist auch das in Katar tüchtig in die Hose gegangen. Kimmich und Kollegen sollten also ihre Tränen trocknen und es künftig besser machen.

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