Beweger RHEINPFALZ Plus Artikel Warum Alleinsein nicht immer einsam macht

Einsamkeit kann nicht nur traurig machen, sondern auch krank: Hält sie länger an, kann sie unter anderem das Risiko für Depressi
Einsamkeit kann nicht nur traurig machen, sondern auch krank: Hält sie länger an, kann sie unter anderem das Risiko für Depressionen, Angststörungen, Schlafprobleme und Herz-Kreislauferkrankungen erhöhen.

Einsamkeit betrifft immer mehr Menschen. Das kann der Gesundheit des Einzelnen schaden, aber auch der Demokratie.

Über 350 Titel findet man in der englischsprachigen Wikipedia unter dem Suchbegriff „Songs about loneliness“, Lieder über Einsamkeit. Bei Abba ist es gleich mehrfach Thema, zum Beispiel in „One of us“ oder auch „Gimme! Gimme! Gimme!“: „And it makes me so depressed to see the gloom. There’s not a soul out there, no one to hear my prayer.“ Es deprimiert mich, die Dunkelheit zu sehen. Es ist keine Seele da draußen, niemand, der mein Gebet erhört.

Wie wir Einsamkeit empfinden, variiert von Mensch zu Mensch. Wissenschaftlich messbar ist das Gefühl dennoch, sagen Forscher der University of California in Los Angeles. Schon 1978 wurde hier eine Einsamkeitsskala entwickelt, besser bekannt als „UCLA Loneliness Scale“.

Die Skala arbeitet mit bis zu 20 Aussagen, etwa: „Ich habe zu niemandem eine enge Beziehung.“ Oder: „Meine sozialen Beziehungen sind oberflächlich.“ Je nachdem, was zutrifft, kreuzt man „niemals“, „selten“, „manchmal“ oder „oft“ an.

Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), die größte und am längsten laufende Studie in Deutschland, hat im Januar und Februar 2021 in 30.000 Haushalten ermittelt, dass 42,3 Prozent der Befragten sich „mindestens manchmal einsam fühlen“.

Ministerin für Einsamkeit

Diese hohe Zahl ist sicher auch dem Erhebungszeitpunkt geschuldet, der mitten im zweiten Corona-Lockdown lag. Dennoch reagierte die Politik und rief wenige Monate später das „Kompetenznetz Einsamkeit“ (KNE) ins Leben. Es soll Einsamkeit nicht nur erforschen, sondern auch Ansprechpartner sein für Menschen, die sich beruflich zunehmend mit einsamen Menschen konfrontiert sehen. Ärzte und Therapeuten zum Beispiel.

Andere Länder sind da schon weiter: In Großbritannien wurde bereits 2018 mit Tracey Crouch erstmals eine Ministerin für Einsamkeit ernannt. Auch Japan will mit einem eigenen Ministerium Einsamkeit bekämpfen und in den Niederlanden schmiedeten Regierung und Monarch Willem Alexander 2018 den „Pakt gegen die Einsamkeit“.

Dass Einsamkeit traurig macht, haben wir wohl alle schon einmal empfunden. Doch chronische Einsamkeit hat auch krank machen, körperlich wie psychisch. Sie fördert Depressionen, erhöht das Suizidrisiko, bewirkt Angststörungen und Schlafprobleme, begünstigt die Entstehung von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz.

Neben möglichen gesundheitlichen Problemen für den Einzelnen haben die KNE-Forscher auch Risiken für die Demokratie ausgemacht: Wer sich einsam fühlt, geht seltener zu Wahlen, neigt stärker zu autoritären Einstellungen und hat ein geringeres Vertrauen in staatliche Institutionen.

Isolation vorbeugen

Die Forscher wollen deshalb herausfinden: Wie entwickelt sich Einsamkeit als soziales Phänomen? Welche Gruppen sind besonders gefährdet und warum? Wie erleben Betroffene Einsamkeit und wie kann man Einsamkeit besser erkennen? Auf Basis der gesammelten Daten soll dann entschieden werden, wie man Einsamkeit und soziale Isolation vorbeugen und entgegenwirken kann.

Zwischen diesen Begriffen unterscheiden die Forscher klar, erklärt Axel Weber, Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am KNE: „Einsamkeit entsteht bei einer wahrgenommenen Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlichen sozialen Beziehungen einer Person.“ Heißt: Die Menschen leiden darunter, dass sie zu wenige Beziehungen haben. Oder dass sie nicht die Beziehungen haben, die sie sich wünschen. Oder darunter, dass sie ihre Beziehungen als zu oberflächlich empfinden. Auch, wer einen großen Freundes- und Bekanntenkreis hat, kann sich also einsam fühlen.

„Soziale Isolation ist im Gegensatz zur Einsamkeit kein subjektives Gefühl, sondern wird als objektiver Mangel an sozialen Beziehungen und Kontakten verstanden“, führt Weber weiter aus. Sie gehe daher nicht zwangsläufig mit negativen Gefühlen der Einsamkeit einher, so der Experte, könne aber das Risiko erhöhen, sich einsam zu fühlen.

Und von noch einem Begriff muss man Einsamkeit abgrenzen: dem Alleinsein. Ein Wort, das im Deutschen negativer behaftet ist als das englische Wort „solitude“, das es auch im Französischen gibt und eher eine gewollte Einsamkeit bezeichnet: die positive innere Einkehr, die bewusste Entscheidung des sich Entziehens.

Die Egoklausur

Das Alleinsein als „Egoklausur“, wie der Philosoph Rüdiger Safranski das in seinem Buch „Einzeln sein“, nennt, die für intellektuelle wie künstlerische Aktivitäten fast unumgänglich ist. Und immer wichtiger wird. Denn wir leben in einer durchdigitalisierten Welt. „Noch nie“ schreibt Safranski, sei die Gesellschaft „dem Einzelnen so dicht auf den Leib gerückt wie heutzutage und dringt mit ihren digitalen Gespenstern in jeden Winkel der Seele“.

In Südkorea nennt man diesen Rückzug, diese bewusste Entscheidung für ein selbstbestimmtes und glückliches Alleinleben „Honjok“. In Japan wiederum kennt man das „Hikikomori“: Das Wort beschreibt ein Leben der selbst auferlegten Isolation, von Menschen, die sich Monate, Jahre oder Jahrzehnte in ihre Häuser oder sogar nur in ihre Schlafzimmer zurückziehen und keinen Kontakt zu Mitmenschen wollen.

Einsamkeit hingegen ist ungewollt. Grundsätzlich können Menschen jeden Alters von ihr betroffen sein. Mit dem Alter steigt das Einsamkeitsrisiko jedoch zunehmend, da soziale Kontakte abnehmen und es Menschen oft schwerer fällt, neue Kontakte zu knüpfen. Andere Risikofaktoren sind Armut, chronische Erkrankungen und körperliche oder geistige Behinderung. Auch, wer einen Migrationshintergrund hat oder alleinerziehend ist, ist eher gefährdet.

Helfen soll das KNE aber nicht nur der Politik, sondern auch den Betroffenen direkt. Ein Beispiel: Wer auf der Website seine Postleitzahl eingibt, sieht, welche Hilfsangebote, Organisationen, Netzwerke, Veranstaltungen es im Umkreis gibt. Damit solche Angebote mehr wahrgenommen werden, betont Axel Weber, sei ein gesellschaftlicher Wandel nötig. Denn viele, die unter Einsamkeit leiden, würden sich dafür schämen und die Schuld bei sich suchen. Darüber zu sprechen, falle Betroffenen schwer.

Scham und Tabu

Scham und Tabuisierung seitens der Gesellschaft führen nicht selten in eine Abwärtsspirale, die es für den Einzelnen noch schwerer macht, aus der Einsamkeit herauszufinden. „Einsame Menschen nehmen alltägliche soziale Begegnungen und Interaktionen häufiger als bedrohlich wahr“, erklärt Weber. Die Folge: Sie verhalten sich distanziert, ablehnend, mitunter sogar feindselig, woraufhin wiederum das Umfeld auf Distanz geht.

Was kann man tun, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen und Menschen aus der Isolation herausholen? In Großbritannien richtete die Kaffeekette Costa-Coffee in 250 Filialen ein „Chatty Café“ (deutsch etwa: Schwätzchen-Café) ein. Zu bestimmten Zeiten wird dort ein Tisch aufgestellt. Wer immer sich an ihn setzt, spricht miteinander.

In den Niederlanden hat das Amsterdamer Van-Gogh-Museum mobile Ateliers für Malworkshops in Seniorenheimen im Einsatz. Der Schweizer Supermarktriese Migros führt sogenannte Plauderkassen ein. An denen haben Kunden und Personal extra Zeit: fürs Einpacken, fürs Bezahlen und vor allem fürs Plaudern gegen die Einsamkeit.

In Frankreich bietet die Post einen besonderen, wenn auch kostenpflichtigen Service an. Der Postbote fungiert als Sozialarbeiter und Verbindung zur Außenwelt für seine Kunden. Er unterhält sich mit ihnen, fragt, ob sie etwas brauchen, und organisiert notfalls Hilfe.

Walk und Talk, Plauderkassen und Cafés

Und auch in Deutschland tut sich was: In Stuttgart gibt es „Machen wir was!“, ein kostenloses Angebot des Vereins „Kultur für Alle Stuttgart“. Auf der Webseite können Menschen mit und ohne Behinderung einen Freizeitpartner finden und gemeinsame Aktivitäten verabreden.

In Nürnberg und 16 weiteren bayerischen Städten gibt es die Selbsthilfeaktion „Walk & Talk“: Beim gemeinsamen Spaziergang sollen die Teilnehmer ins Gespräch kommen und neue Kontakte knüpfen.

In Mannheim wollen die Macher der Plattform „Keine(r) Bleibt Allein“ jungen Erwachsenen und Menschen mittleren Alters Anregungen geben, wie sie aus der Einsamkeit herausfinden. Und in Berlin-Reinickendorf wurde im Februar mit Annabell Paris erstmals in Deutschland der Posten einer Einsamkeitsbeauftragten besetzt. Sie soll unter anderem als Schnittstelle agieren für die verschiedenen Initiativen gegen Einsamkeit, die es im Bezirk gibt.

Doch eine Beauftragte allein wird es nicht richten können. „Alle Menschen können etwas beitragen, indem sie Augen und Ohren offenhalten im eigenen Umfeld und vielleicht auch stärker auf andere Menschen zugehen“, findet KNE-Soziologe Weber.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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