Rheinpfalz am Sonntag
Warth-Schröcken: Die Wiege des Skisports
Auf alten Postkarten zeigt sich Warth als eine Handvoll Häuser aus dunklem Holz, hingewürfelt rund um die Kirche. Spaziert man abends durch das Dorf, wirkt es aus der Zeit gefallen. Doch auch der höchstgelegene Ort Vorarlbergs hat sich verändert. Aus dem österreichischen Walserdorf wurde ein Skiort. Ein Ortsteil mit Hotels gruppiert sich in den 1960ern um den Skilift Steffisalp. 16 Jahre später verbanden der Hochalplift und die Jägeralpbahn Warth mit der Nachbargemeinde Schröcken. Und 50 Jahre nach dem ersten großen Lift wurde der Auenfeldjet eingeweiht – die Verbindung nach Lech.
Warth blieb Vorarlbergs zweitkleinstes Dorf, mit 172 Einwohnern und 1700 Gästebetten, die vor allem im Winter belegt sind. Nordweststaulage heißt das Zauberwort, bei dem Skifahrer glänzende Augen bekommen. Das Wetter kommt aus dem Westen. In der Arlbergregion treffen die Wolken auf ein erstes Hindernis: Berge. Und werfen Ballast ab: Schnee. Seit 2008 nennt sich Warth-Schröcken „schneereichstes Skigebiet Europas“.
Skier aus Skandinavien importiert
In früheren Jahren war der Schnee nicht immer ein Segen. Doch um 1900 begannen Menschen in den Alpen, sich Holzbretter unter die Füße zu schnallen. In Warth ging der katholische Pfarrer Johannes Müller voran. 1894 sah er in einer Zeitschrift, „wie man im hohen Norden beim größten Schnee mittels Ski sich fortbewegen könne“. Er habe sich gedacht, dass das für seine Gemeinde praktisch sei, „wo es alle Jahre wegen Schneemenge und Lawinengefahr nicht nur Tage, sondern Wochen gab, da kein Mensch die Gemeinde verlassen und keiner in die Gemeinde kommen konnte“.
Müller bestellte sich Skier und übte nachts, „um nicht ausgelacht zu werden“. In seinen Erinnerungen heißt es: „Ich schnallte die ,Schwedischen’ an, nahm den langen Stock und versuchte im großen Neuschnee des Pfarrwidums (
Hinüber nach Lech
Heute gelangen geübte Variantenfahrer auf der Pfarrer-Müller-Tour über den Wartherhornsattel nach Lech und über die Mohnenfluh-Nordabfahrt zurück nach Warth. Man kann aber auch einfach auf der Piste und mit Liften nach Lech fahren, im dank des Auenfeldjets größten zusammenhängenden Skigebiet Österreichs. Mit der 2013 eröffneten 10er-Gondelbahn hat Warth ein riesiges Skigebiet und der Arlberg schneesichere Nordhänge fürs Frühjahr dazubekommen.
Was der Geistliche angestoßen hatte, setzte sich fort. 1972 war für Warth ein magisches Jahr: Wiltrud Drexel gewann im japanischen Sapporo Bronze. Sie war Warths erste Olympia-Medaillengewinner. Drexel führt eine Pension in Warth, gut zu erkennen an den fünf olympischen Ringen an der Fassade. Einheimische erzählen stolz: „Sie kommt auf Skiern daher wie ein junges Mädchen.“
Olympia-Stars als Aushängeschilder
Ebenfalls 1972 wurde im nahen Schruns ein Ski-Internat gegründet, was den zweiten Olympioniken hervorbringen sollte: Hubert Strolz, Jahrgang 1962. Er sei als „Bub wie alle anderen auch“ Ski gefahren. „Ich hätte mit zehn Jahren eh weggehen müssen.“ Nach der vierten Klasse mussten dann alle Dorfkinder ins Internat. Strolz ging nach Schruns. „Ich habe gedacht, das erste Jahr im Ski-Internat überlebe ich nicht. Ich hab so fürchterliches Heimweh gehabt. Im Winter hat man uns oft gar nicht geholt. Doch ab dem zweiten Jahr war es super – Schule und Skifahren“, erzählt er. 1988 gewann er in Calgary Olympia-Gold in der Kombination. Heute führt er mit dem Haus Hubertus eine Pension mit Landwirtschaft. Man kann ihn als Skiguide buchen, auch für die Pfarrer-Müller-Tour.
Schließlich gab es den dritten Olympioniken, Johannes Strolz’ Sohn. Er gewann 2022 in Peking 34 Jahre nach dem Vater ebenfalls die Goldmedaille in der alpinen Kombination. Ein kleines Museum erzählt die Geschichte der drei Skistars. Ihre Fotos prangen auf den 8er-Gondeln der Dorfbahn Warth. Wer weiß, ob es dazu gekommen wäre, wenn vor 100 Jahren Pfarrer Müller nicht vorausgefahren wäre.
Warth-Schröcken
Anreise: Der nächstgelegene Bahnhof (www.bahn.de, www.oebb.at) ist Reutte/Tirol. Von dort fahren Busse (www.vvt.at) nach Warth, das dauert eine Stunde 45 Minuten. Wer mit dem Auto anreist, fährt über Stuttgart, Füssen, Reutte oder über Lindau durch den Bregenzerwald. Die Straße von Lech nach Warth ist im Winter gesperrt, von St. Anton kommt man nicht nach Warth.
Unterkunft: Familiengeführtes Traditionshaus mit eigener Bäckerei: Hotel Walserberg, Doppelzimmer/Frühstück in der Winter-Hauptsaison ab 381 Euro, Halbpension ab 413 Euro, www.walserberg.at.
Einsam gelegenes Hotel, das nur mit Ski oder mit einem Materiallift zu erreichen ist: Berghotel Körbersee, Halbpension pro Person ab 80 Euro,
www.koerbersee.at.
Olympisch wohnen 1: Pension Wiltrud Drexel, Doppelzimmer/Frühstück in der Winter-Hauptsaison 124 Euro, www.pension-wiltrud.at.
Olympisch wohnen 2: Haus Hubertus (Strolz), Apartment für zwei Personen in der Winter-Hauptsaison ab 118 Euro, https://hubertuswarth.at.
Aktivitäten: Skigebiet: www.warth-schroecken.at.
Pfarrer-Müller-Tour: www.warth-schroecken.at/de/winter/freeriden/pfarrer-mueller.html.
Allgemein: www.bregenzerwald.at/ort/warth.