Amerikaner
US-Tourismusexperte: „Europa ist meine wahre Liebe“
Die Amis sind wieder da! Nach den Corona-Jahren überrennen Besucher aus den USA diesen Sommer Europa. Was ist da los?
Ich bin nicht wirklich überrascht. Jedes Mal, wenn wegen Terrorfurcht, schlechten Wirtschaftsdaten oder jetzt der Corona-Pandemie weniger Amerikaner nach Europa fliegen wollten, gab es danach verstärkte Reisefreude. Es ist wie bei einem Staudamm. Die Reiselust ist das Wasser. Ist der Damm geschlossen, steigt die Wassermenge. Wird er geöffnet, gibt es eine große Welle. Meine Landsleute sind ausgehungert nach Reisen, nun sind die meisten Corona-Beschränkungen gefallen, der Dollar ist stark. Also: Let’s go!
Was suchen Amerikaner in Europa, wenn sie reisen?
Wie bei Reisenden auf der ganzen Welt ist es eine Mischung aus Bestätigung und Überraschung. Bestätigung, dass es genauso ist, wie man es zu kennen glaubt: die Biergärten in München, die Brezen, der Rhein und die Schwarzwälder Kirschtorte. Dann die Überraschung, weniger über Sehenswürdigkeiten als vielmehr über Erlebnisse: das Straßenmusikfestival in Bern, die Gay Pride Parade, die Sitten in einem Pub in Irland, der Wellnessbereich in einem deutschen Hotel. Am besten ist es, wenn man beide Welten vereint: Klar, man fährt nach Neuschwanstein, aber warum nicht mal in einem unbekannten Ort zehn Kilometer vom Schloss entfernt in ein Wirtshaus gehen, in dem keine Amerikaner sitzen? Früher brachten die Besucher Kuckucksuhren oder Stocknägel oder T-Shirts mit, heute haben sie Fotos, Videos, Instagram-Posts von Erlebnissen – oder noch besser: Erinnerungen an einen einzigartigen Zugang zu einem neuen Land.
Was überrascht amerikanische Touristen in Europa am meisten?
Die Fülle, die sich hinter allem verbirgt. Der Kontext, in dem sie gelandet sind. Die Geschichtlichkeit. Die Tatsache, dass an einem Ort früher eine heidnische Kultstätte, dann ein römischer Tempel, dann eine christliche Kirche stand, die heute als Kletterhalle genutzt wird. Sie staunen über die starke Verwurzelung der Europäer. Von dem, was das deutsche Wort Heimat beinhaltet. Da spielen Stolz, ein gewisses Aufgehobensein und auch Bewusstsein mit, dass man für den Ort, an dem man geboren oder aufgewachsen ist, eine Verantwortung und Verbundenheit fühlt. Das alles führt zu einer Art Kulturschock. Den finde ich sehr wichtig, sehr heilsam und bereichernd.
Warum sind Amerikaner bei Reisen ins Ausland so zurückhaltend?
Viele sind überzeugt, dass wir ohnehin alles bei uns in den USA haben: tropische Strände, arktische Eiswüsten, tolle Millionenstädte, einsame Seen und Wälder. Warum also wegfahren? Aber ich denke, es spielt auch eine ganz große Furcht vor dem Unbekannten mit. Eine andere Sprache? Andere Sitten? Anderes Geld? Das ist natürlich anstrengender als ein Urlaub in einem Vergnügungspark in Orlando, gefährlicher. Die Nachrichtensendungen in den USA haben sich in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr zu Unterhaltungsprogrammen entwickelt, die davon leben, Angst zu erzeugen: Angst vor möglichen Terroranschlägen, Kriminalität, Katastrophen aller Art. Ich glaube, dass Angst im Wohnzimmer wächst. Wer rausgeht und sich die Welt ansieht, wird weniger furchtsam sein.
Was lernen Amerikaner in Europa?
Dass das Leben mehr ist als seine ständige Beschleunigung. Dass das Wohlbefinden nicht nur davon abhängt, wie viele Dinge man besitzt. Dass es Gesellschaften gibt – wie vor allem in skandinavischen Ländern –, in denen es nicht darum geht, möglichst wenig Steuern zu zahlen und für sich selbst das meiste rauszuholen. Dass es in den meisten Ländern völlig normal ist, weniger zu arbeiten, um stattdessen mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Viele Amerikaner verdienen mehr Geld als Europäer, aber das führt nicht automatisch dazu, dass wir eine stärkere und glücklichere Gesellschaft haben.
Reisen Amerikaner anders?
Ich bin häufig in Reutte in Tirol. Das ist eine nette Stadt, sehr zu empfehlen. Ich übernachte dort immer im gleichen Hotel. Es gibt seit Jahrzehnten Stammgäste, die immer wieder eine oder zwei Wochen im Jahr dort verbringen. Eine Art zweite Heimat. Das ist ein Konzept, das Amerikaner oft nicht begreifen: dass man eine Auszeit von seinem Leben nimmt und dazu jedes Jahr an einen Ort fährt und den gleichen Wanderweg geht, im gleichen Restaurant isst und eine Vertrautheit aufbaut, die Menschen dort auch kennenlernt. Wir in den USA haben die kürzesten Urlaube der reichen Welt. Wenn wir dann „Europa machen“, gibt es diese bucket list, die wir hektisch abarbeiten. Es gibt einen Grund, warum wir kein Wort für das deutsche Wort Gemütlichkeit besitzen. Wir sind nicht gemütlich. Dieses Nichteinlassen führt dazu, dass wir immer irgendwie fremd bleiben.
Welche Veränderungen nehmen Sie über die vergangenen 40 Jahre in Europa wahr?
Große Ketten verdrängen kleine Familienbetriebe. Das ist so bei Handwerksbetrieben, Cafés, in den Innenstädten. Ich fürchte sehr, dass Corona eher das kleine Wirtshaus in den Ruin treibt als eine Fastfood-Kette. Die regionalen Eigenheiten, die lokalen Dialekte, die skurrilen Unterschiede, all das ist leider auf dem Rückzug. Ich finde zum Beispiel toll, was München mit seinem Viktualienmarkt gemacht hat. Dass diese Marktstände geschützt werden und es keine Lizenzen für einen Starbucks oder einen McDonald’s dort gibt.
Sie klingen nicht wie der typische Amerikaner.
Wie klingt ein typischer Amerikaner? Wie klingt ein typischer Deutscher? Wir sollten aufpassen beim Verallgemeinern. Ich bin Kapitalist, ich liebe Amerika, und der schönste Moment meiner Reisen ist der, wenn ich wieder zu Hause bin. Aber viele meiner Landsleute glauben, unser Land sei das beste, das bedeutendste, das einzige. Ich will mit meinen Reiseführern, meinen Fernseh- und Radiosendungen Menschen die Augen öffnen. Ich möchte erreichen, dass Amerikaner erfahren, dass man Dinge auch anders machen kann. Ob das der Umgang miteinander ist, der Blick auf Nacktheit, auf die Geschichte, auf Drogen, auf Waffenbesitz oder Religion. Das beste Souvenir ist eine breitere Perspektive.
Was ist Ihre größte Herausforderung bei der Vermittlung von Europa?
Die Geschichte. Sich nicht mit der Geschichte des Landes zu befassen, das man besucht, ist so, wie wenn man in einen 3-D-Film geht, aber darauf verzichtet, die 3-D-Brille aufzusetzen. Leute, die immer nur dem Guide mit dem Fähnchen hinterherlaufen und keine Ahnung haben, was sie da sehen, verpassen alles. Sie sind die Schafe des Tourismus. Sie sind wie Kindergartenkinder, die in der schönsten Bibliothek der Welt stehen, aber leider nicht lesen können.
US-Amerikaner zieht es vor allem nach Frankreich, Italien, Großbritannien. Warum nicht Deutschland?
Viele kommen nur ein- oder zweimal im Leben nach Europa. Sind sie da, gibt es Städte, Regionen, Attraktionen, die sie gesehen haben müssen. Den Eiffelturm, das Kolosseum, Buckingham Palace, die Toskana oder Amsterdam. Deutschland hat keine dieser Top-Must-See-Attraktionen, auch wenn sich Berlin bei jüngeren Leuten in diese Richtung entwickelt. Vielleicht spielt bei den Vorlieben aber auch eine Rolle, dass Deutschland dieses Image hat, durchgeplant zu sein, ordentlich, zuverlässig, ein bisschen langweilig. Das liebenswerte romantische Chaos anderer Länder wie Spanien, Italien, Griechenland, die Lust am Genuss und an der Schönheit, fehlt. Wenn wir Amerikaner aber Deutschland besuchen, steht Bayern ganz vorne, hier waren unsere Väter nach dem Krieg als GIs: Garmisch, Oberammergau, Neuschwanstein, das Oktoberfest, da ist eine besondere emotionale Verbindung.
Welche Erfahrungen in Deutschland haben Sie beeindruckt?
Ich könnte Hunderte erwähnen, aber erzähle mal nur von einigen: Da ist die Klavierfabrik Sauter in Spaichingen im Schwarzwald, für mich ein Symbol für das, was ich an Deutschland so liebe, diese Leidenschaft für hervorragendes Handwerk. Ich habe sogar ein Klavier dort gekauft! Dann ein Besuch auf der Burg Eltz am Rhein. Die ist seit ihrem Bau im Besitz derselben Familie. Man spürt dort den Stolz auf die eigene Geschichte und diese tiefen Wurzeln besonders stark. Das Grüne Gewölbe in Dresden, dieser unfassbare Prunk. In Passau war ich fasziniert von der unglaublichen Orgel im Dom – aber mehr noch von der Begegnung mit einem Mann danach in einem Wirtshaus. Er war ein Nachfahre von Johannes Kepler und hat mir gezeigt, wie man richtig Tabak schnupft.
Sie haben einen riesigen Einfluss auf das Bild der Amerikaner von Europa. Sind Sie sich dessen bewusst?
Absolut! Ich will, dass sie das wahre Europa erleben, raus aus ihrer Komfortzone kommen. Möglichst viele Facetten sehen. Ich möchte, dass sie wegkommen von den Stereotypen. Dass sie in ein Fußballspiel gehen, um die Leidenschaft zu verstehen, die Deutsche für diesen Sport haben. Besucher sollten Konzentrationslager besuchen, um zu sehen, was passieren kann, wenn sich ein Land von Demokratie, freier Presse und einer unabhängigen Justiz abwendet. Ich will, dass Besucher erkennen, dass Deutschland zwar Dirndl und Bier hat, aber auch eine durchorganisierte effektive Wirtschaft und disziplinierte, gut ausgebildete Menschen, und dass dieses Land heute zu den Garanten für Frieden in Europa gehört.
Sie sehen sich eher als Erzieher denn als Beschreiber.
Reisen ist ein politischer Akt. Das Kennenlernen anderer Länder, Kulturen und Menschen ist der wichtigste Schritt zum Verständnis, dass es Milliarden unterschiedliche Ansätze gibt, sein Leben zu leben. Engstirnigkeit ist schlimm. Ich denke, dass sie abnimmt, je mehr man andere einfach wahrnimmt. Europa ist meine wahre Liebe. Europa macht vieles besser als Amerika. Amerika macht viel anderes besser als Europa. Das Wichtigste ist, dass wir offen füreinander bleiben.
Zur Person
Rick Steves, 67, ist der bekannteste Reiseautor der USA. Seit 1980 veröffentlichte er Hunderte Reiseführer mit einer Gesamtauflage von mehreren Millionen, vor allem über europäische Länder. Sein Unternehmen, „Rick Steves’ Europe“, beschäftigt etwa 100 Mitarbeiter. Es bringt jedes Jahr rund 30.000 Amerikaner in Reisegruppen nach Europa. Steves verbringt jedes Jahr vier Monate in Europa. 2019 spendete er eine Million Dollar an Klimaschutzorganisationen, um einen kleinen Ausgleich für Schäden zu schaffen, die seine Reisen in dem Jahr verursachten. Steves lebt in Edmonds im Bundesstaat Washington.